Verkehrskonzept birgt Sprengstoff Weniger Platz für Autos in Aurich
Stell dir vor, die Bundesstraßen in Aurich haben nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Fahrstreifen. Das ist keine grüne Träumerei, das steht im Verkehrsentwicklungsplan der Stadt.
Aurich - Mehr Platz für Fahrräder und Fußgänger, weniger Platz für Autos: Der Verkehr in Aurich soll sich in den kommenden Jahren grundlegend ändern. So steht es im Verkehrsentwicklungsplan „Zukunftsfähige Mobilität für Aurich“, den das Planungsbüro PGT Umwelt und Verkehr (Hannover) für die Stadt entworfen hat. Der Plan birgt Sprengstoff. Er soll als Grundlage für eine Bürgerbeteiligung dienen und die Weichen für die künftige Entwicklung der Stadt stellen. „Die Ansprüche an den Verkehrsraum werden größer, der vorhandene Platz ist nicht beliebig teilbar“, heißt es in dem Papier, das am Montagabend im Umwelt- und Verkehrsausschuss vorgestellt wurde. Es kann online im Bürgerinformationssystem der Stadt nachgelesen werden.
Auf 47 Seiten stellen die Autoren dar, wie es in Aurich ist und wie es besser werden könnte. Darin steckt Stoff für eine kleine Revolution. So schlägt das Büro vor, die vierspurigen Bundesstraßen so umzubauen, dass nur ein Fahrstreifen je Richtung für Autos bleibt. Dafür sollen Radfahrer mehr Platz bekommen – spätestens dann, wenn die geplante Umgehungsstraße B 210 n in Betrieb genommen wird, denn dann verschwinde der Schwerlastverkehr weitgehend aus der Innenstadt, heißt es in dem Text.
Viele Fahrten kürzer als fünf Kilometer
PGT-Geschäftsführer Heinz Mazur sieht in Aurich viel Potenzial, den Radverkehr auszubauen. Es gebe in der Stadt nicht nur Durchgangsverkehr, sondern viel Binnenverkehr, sagte der Diplom-Ingenieur. Die Hälfte der Autofahrten sei kürzer als fünf Kilometer. Wenn man nicht gerade 15 Kisten Bier oder 15 Kinder transportieren müsse, ließen sich solche Strecken gut mit dem Rad bewältigen.
Schon heute gebe es in Aurich mehr Radverkehr als in Städten vergleichbarer Größe, sagte Mazur. „In Aurich wird viel Rad gefahren.“ Auf viel befahrenen Strecken wie dem Fischteichweg seien bis zu 3000 Radfahrer in 13 Stunden unterwegs. „Sie haben hier eine Fahrradkultur.“ Dennoch sei die Radinfrastruktur „nahezu unsichtbar“. Bestehende Radwege seien mangelhaft, teilweise nicht regelkonform und lückenhaft, heißt es in dem Text. „Ein ausgebautes innerstädtisches Radnetz ist nicht vorhanden.“ Aurich mache vieles falsch. Es sei zum Beispiel falsch, Radfahrer auf dem Hochbord fahren zu lassen und Fuß- und Radwege zu kombinieren, sagte Mazur. Man müsse Radfahrer auf die Straße holen. Die Verkehrsplaner empfehlen, Vorrangrouten für den Radverkehr einzurichten.
Dauerparker blockieren Stellplätze
Änderungsbedarf sieht das Ingenieurbüro auch bei den Parkplätzen. Zu viele Innenstadt-Parkplätze würden dauerhaft von Beschäftigten belegt, die in der Stadt arbeiten. 30 bis 35 Prozent von ihnen hätten einen Anfahrtsweg von unter fünf Kilometern, 50 Prozent unter zehn. Darunter seien nicht wenige, die nach Feierabend in ihrer Freizeit 20 Kilometer Rad fahren. „Das mag etwas flapsig klingen“, sagte Mazur, aber wenn man diese Menschen dazu bewegen könnte, mit dem Rad zur Arbeit zu kommen, sei schon viel gewonnen. Durch ein attraktives Radwegenetz könne man Anreize schaffen. „In der Innenstadt kann und sollte kein weiterer Raum für den ruhenden Verkehr abgetreten werden“, heißt es im Verkehrsentwicklungsplan. Durch Parkraumbewirtschaftung müsse man Dauerparker „auf weniger kundenaffine Stellplätze“ im Süden und Osten der Stadt lenken.
Und was ist mit Tempo 30? Die Grünen-Ratsfraktion hatte beantragt, die Stadt möge prüfen, ob man Tempo 30 auf Gemeindestraßen als Regelgeschwindigkeit einführen kann. Mazur riet davon ab. Bereits heute gebe es in Aurich viele Tempo-30-Zonen und Tempo-30-Schilder vor Schulen. Man könne natürlich versuchen, das immer weiter auszudehnen, doch dafür fehle die Rechtsgrundlage. „Sie können damit eine Verwaltung lahmlegen“, warnte der Verkehrsplaner. „Wir haben schon Pferde kotzen sehen.“ Er habe oft genug erlebt, dass Tempo-30-Schilder wieder abgebaut werden mussten.
„Will kein Revoluzzertum betreiben“
Die Grünen zogen ihren Tempo-30-Antrag daraufhin zurück. „Ich will ja hier kein Revoluzzertum betreiben“, sagt der Ratsherr Reinhold Mohr, „und ich will auch nicht die Verwaltung lahmlegen.“ Doch er beantragte, dass sich Aurich der Initiative Agora-Verkehrswende anschließt. Das ist ein Zusammenschluss von rund 200 Städten, der sich unter anderem für eine Änderung der Straßenverkehrsordnung einsetzt. Städte sollen eigenverantwortlich Tempo 30 einführen können. Die Initiative wird vom Deutschen Städtetag unterstützt. „Das ist keine grüne Spinnerei“, beteuerte Mohr. „Das macht deutschlandweit Furore.“ Auch Jever und Oldenburg seien dabei. Doch es half nichts. Die Mehrheit lehnte den Antrag ab.
Unabhängig davon prüft die Stadt Aurich, ob vor sämtlichen Schulen, Kindertagesstätten, Altenheimen und Krankenhäusern Tempo 30 vorgeschrieben werden kann – also auch dann, wenn es sich um eine Bundes-, Landes- oder Kreisstraße handelt. Das würde dann zum Beispiel auch für das Gymnasium Ulricianum gelten, das an der viel befahrenen, vierspurigen B 72 liegt, oder für die Realschule an der B 210. Das ist laut Straßenverkehrsordnung zulässig, da es sich bei Schulen um sensible Einrichtungen handelt.
Wird Tempo 30 in Aurich zur Regel?
Tempo 30 auch auf Bundesstraßen?
Tempo 30 ja – aber bitte nicht vorm Krankenhaus
Warum jede Fahrradbewegung mitgezählt wird