Schwanewede  Wolf dringt in Hochsicherheitsgehege ein - So reagiert die Politik

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 19.06.2022 13:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Schaf von Karsten Bode aus Schwanewede. Mutmaßlich von einem Wolf attackiert. Der Tierhalter ist verzweifelt. Er hatte seine Tiere mit Strom, Stacheldraht und einem 1,70 Meter hohen Zaun in Sicherheit gewähnt. Foto: NonstopNews
Ein Schaf von Karsten Bode aus Schwanewede. Mutmaßlich von einem Wolf attackiert. Der Tierhalter ist verzweifelt. Er hatte seine Tiere mit Strom, Stacheldraht und einem 1,70 Meter hohen Zaun in Sicherheit gewähnt. Foto: NonstopNews
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Viele Menschen auf dem Land haben Angst vor dem Wolf. Doch über der Angst steht das Gesetz. Wie Politik und Landbewohner am Raubtier verzweifeln - Betrachtungen aus Schwanewede, wo nicht einmal Stacheldraht, Strom und ein 1,70 Meter hoher Zaun den Wolf stoppten.

Karsten Bode dachte, ihm könne das nicht passieren, was so viele Schäfer in Nord- und Ostdeutschland schon ereilt hat: ein Wolfsangriff. Bode hatte schließlich ein regelrechtes Hochsicherheitsgehege für seine Schafe gebaut. In der Nacht zum 15. Juni passierte es dann aber doch: ein Wolfsangriff auf seine Schafe. Zumindest deuten alle Spuren am Tatort auf das Raubtier hin. Die DNA-Untersuchungen laufen noch.

Bestätigt sich der Verdacht, dann überwand das Raubtier einen etwa 1,70 Meter hohen Zaun, Stacheldraht und eine stromführende Leitung. Der Wolf fand trotz allem offenbar seinen Weg in das Hochsicherheitsgehege und wütete in der gerade einmal 25 Tiere umfassenden Herde. Als Bode am nächsten Morgen seine Schafe fand, hatten die meisten Bissspuren. Drei mussten vom Tierarzt eingeschläfert werden.

Das war am Mittwoch. Am Freitag steht Bode im Sitzungssaal des Rathauses von Schwanewede und schreit Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) an: „Wissen Sie, wie es mir geht?” Wut und Verzweiflung scheinen ein Ventil zu suchen. „Ich kriege die Bilder nicht mehr aus dem Kopf”, brüllt der Bauer weiter, der auf einem Archehof vom Aussterben bedrohte Tierarten züchtet. Und dann sagt er einen bemerkenswerten Satz: „In was für einer Welt leben wir eigentlich?”

In einer Welt mit dem Wolf. Und der sorgt auf dem Land für Ärger, Angst und Schrecken. In Schwanewede und überall dort, wo Menschen Tiere halten. Die amtliche Statistik über Wolfsangriffe zählt für dieses Jahr 135 Verdachtsfälle. Allein in Niedersachsen. Einer davon war der bei Bauer Bode. Wenige Tage davor war es ein Jungrind eines anderen Landwirts. Nach dessen Aussage auf einer Weide zu Fall gebracht und dann an der hinteren Flanke angefressen. Vielleicht 500 Meter Luftlinie vom Rathaus in Schwanewede entfernt.

Es waren nicht die ersten beiden Angriffe. Und deswegen ist Umweltminister Olaf Lies im Sitzungssaal des Rathauses. Eigentlich ist er gerade auf Sommertour, ein netter Termin nach dem nächsten. Dieser hier ist anders. Rund 100 Schwaneweder sitzen dem Minister gegenüber und wollen Antworten von dem SPD-Politiker, in dessen Ressort das Raubtier fällt, nur: Lies hat keine. Zumindest keine, die seine Zuhörer zufriedenstellen würden.

Er spricht über Paragrafen und EU-Bürokraten, die das verhindern, was sich er und wohl auch die Meisten der Schwaneweder wünschen würden: den Wolf gezielt zu jagen. Nicht um ihn auszurotten, wohl aber, um ihn einigermaßen zurückzudrängen.

Offiziell bestätigt gibt es in Niedersachsen derzeit 37 Wolfsrudel. „Pro Rudel zehn Tiere, das macht dann 370 Wölfe”, rechnet Lies aus. Vor wenigen Jahren waren es noch nicht einmal eine Handvoll Tiere. Lies hat ein Gutachten erstellen lassen, in dem steht: 2030 könnten in Niedersachsen 700 bis 1000 Wölfe leben. „Das ist deutlich oberhalb der Akzeptanzgrenze”, sagt der Minister und meint damit eine Obergrenze, ab der Wölfe geschossen werden sollten.

Niedersachsen ist das Bundesland mit den größten Wolfsproblemen, Lies ist der Minister in Deutschland mit dem härtesten Vorgehen. Eine ganze Reihe von Problemwölfen hat er bereits abschießen lassen. Aber das reicht nicht. Immer und immer wieder kommt es zu Rissen.

Lies dehnte bei seinem Vorgehen das Recht über die erlaubten Grenzen hinaus, kassierte dafür vor Gerichten mehrfach empfindliche Schlappen. Eine davon bezog sich auf eine Abschussgenehmigung im Landkreis Osterholz. Das Verwaltungsgericht Oldenburg kassierte diese. Schwanewede liegt im Landkreis Osterholz. Rettete das Urteil einem Problemwolf das Leben? Möglich.

Lies versucht auch zu erklären, dass er in einem Rechtsstaat nicht einfach nach Wild-West-Manier zur Wolfsjagd aufrufen könne. Ohnehin sitzt ihm die EU-Kommission in Brüssel im Nacken. Der Wolf ist nach EU-Regularien trotz seiner wachsenden Ausbreitung weiterhin streng geschützt. Die Regelwächter wollen wissen, warum dann trotzdem so viele Raubtiere in Niedersachsen abgeschossen werden. Deswegen werden viele Briefe zwischen Hannover, Berlin und Brüssel hin und her geschickt.

In Schwanewede kann das im Rathaussaal niemand nachvollziehen. In Schweden, in Frankreich werde härter gegen den Wolf vorgegangen. Nur in Deutschland solle das nicht möglich sein, fragt ein Landwirt.

Viele hier haben ihre eigenen Geschichten zum Raubtier, manche klingen wie Schauermärchen. Ein Familienvater berichtet, wie er beim Blick in den Garten eine Gruppe Wölfe vorbeistreifen sah. Ein Pferdehalter erzählt, wie offenbar das Raubtier seine Pferde so sehr verschreckte, dass sie sich bis heute kaum aus dem Stall trauen. Ein anderer weiß von einem Tier, das in Panik in einen Brunnen stürzte und ertrank.

Es gibt feste Regeln, wie im Falle eines Wolfsangriffs vorzugehen ist. Besonders für Schafe ist das geregelt, denn sie sind am häufigsten betroffen. Wird eine Attacke gemeldet, kommen Kontrolleure. Es gilt: Überwindet der Wolf einen Schutzzaun von 90 Zentimeter Höhe, bekommt der Schafhalter Entschädigung.

Überwindet der Wolf einen Schutzzaun von 120 Zentimeter Höhe, bekommt der Schafhalter eine Entschädigung und die erste Voraussetzung für einen Abschuss ist erfüllt. Voraussetzung Nummer zwei: Das Tier, genau das Tier, muss noch einmal auffällig werden. Erst dann darf eine „Entnahmegenehmigung” erteilt werden, wie es bürokratisch korrekt heißt.

Lies erklärt all das, die Menschen im Rathaus von Schwanewede schütteln nur die Köpfe. Sie haben Angst. Aber über der Angst steht das Gesetz. Schafe, Rinder, Pferde - wo soll die Eskalationsspirale enden, fragt einer. Beim Menschen? Der Minister sagt, er nehme diese Sorgen sehr ernst. Der Wolf sei ein unkalkulierbares Risiko. Er wolle nicht ausschließen, dass es irgendwann einmal zu einem Angriff auf Menschen kommt.

Das Raubtier hat es sogar bis in den Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung in Berlin geschafft. Die Koalitionäre haben sich geeinigt, ein möglichst friedvolles Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch zu ermöglichen. SPD, Grüne und FDP hielten fest, dass sie den Bundesländern ein regionales Bestandsmanagement ermöglichen wollen. Viele verstehen das als Möglichkeit, dort Wölfe leichter abzuschießen, wo ihre Zahl oder die Probleme überhandnehmen.

Oder wie Lies es nennt: „die Akzeptanzgrenze überschritten wird”. Der SPD-Politiker nahm selbst an den Verhandlungen in Berlin teil. Notwendig wäre eine Anpassung des Bundesnaturschutzgesetzes. Doch das Bundesumweltministerium denkt offenbar gar nicht daran, entsprechende Schritte einzuleiten, verwies erst kürzlich auf den strengen Schutzstatus des Wolfes.

„Ich kann das niemandem erklären”, sagt Lies in Schwanewede, offenbar ebenso konsterniert wie die Tierhalter. Schafhalter Bode hält dem machtlosen Minister vor: „Sie lassen uns im Stich.“ Alle hier wissen: Der nächste Wolfsangriff kommt bestimmt. Und die Angst wächst weiter.

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