Schmerzen durch Ernährung Unverträglichkeiten – wenn die Milch im Kaffee zur Qual wird
Wenn bestimmte Lebensmittel zu Bauchschmerzen führen, kann es sich um eine Unverträglichkeit handeln. Wie entsteht sie und was kann man dagegen tun?
Ostfriesland - Wenn der Schuss Milch in den morgendlichen Kaffee zu schmerzhaften Blähungen führt, kann es gut sein, dass die Ursache dafür eine Laktoseintoleranz ist. Eine Lebensmittelunverträglichkeit, bei der der Körper Milchzucker nicht verarbeiten kann. Daran leiden laut aktuellen Statistiken fast 20 Prozent der Deutschen – Tendenz steigend. Aber warum entwickeln immer mehr Menschen solche Intoleranzen?
Was und warum
Darum geht es: Lebensmittelunverträglichkeiten kommen immer öfter vor. Die Ursachen dafür sind vielfältig, jedoch sollte man mit Selbstdiagnosen lieber vorsichtig sein.
Vor allem interessant für: Menschen, die unter Intoleranzen leiden oder es zumindest vermuten
Deshalb berichten wir: Wir hatten das Gefühl, dass immer mehr Menschen bestimmte Lebensmittel nicht vertragen. Die Autorin erreichen Sie unter: r.heinig@zgo.de
Dr. Markus Rohe ist Ernährungsmediziner aus Leer und wagt einen ersten Erklärungsversuch: „Ich glaube, dass es schon immer Leute gab, die Bauchbeschwerden im weitesten Sinne hatten, die auf Unverträglichkeiten zurückzuführen sind. Das ist, gerade bei Durchfall, ein Thema, über das häufig nicht so gerne geredet wird. Jetzt kommen die Leute immer öfter darauf, dass man gucken könnte, was dahinter steckt.“
Genetik kann Unverträglichkeiten bestimmen
Es gibt einen Unterschied zwischen Allergien, bei denen das Immunsystem zu stark auf bestimmte Stoffe reagiert, und Unverträglichkeiten. „Bei Letzteren spielt Genetik eine Rolle. Grundsätzlich ist es so, dass beispielsweise bei Laktose die Aktivität der Laktase – also dem Enzym, das man dafür braucht, den Milchzucker zu verstoffwechseln – im Laufe des Lebens abnimmt“, sagt der 56-Jährige. Milch sei ein Lebensmittel, das bei allen Säugetieren in der Säuglingsernährung gebraucht werde. Auch beim Menschen. „Deswegen gibt es diese Unverträglichkeit bei Babys und Kleinkindern nur ganz selten“, so der Ernährungsmediziner. Das sei ein natürlicher, genetisch festgelegter Abbauprozess.
Dagmar de Boer aus der Samtgemeinde Hage ist Diätassistentin. Neben der genetischen Veranlagung hat sie eine weitere Erklärung für die Zunahme von Unverträglichkeiten: „Wir nehmen immer mehr Laktose zu uns. Das liegt daran, dass in vielen Fertigprodukten, wie beispielsweise Puddings, keine Milch enthalten, sondern Milchpulver. Das ist eine Art Konzentrat und enthält deutlich mehr Milchzucker“, erklärt sie. Damit käme der Körper auf lange Sicht nicht klar und entwickle irgendwann eine Intoleranz.
Verzicht auf Gluten kann gesundheitsschädlich sein
Etwas anders sieht es mit Zöliakie aus, also der Unverträglichkeit von Gluten, das vor allem in Getreide vorkommt. „Zöliakie kommt sehr selten vor und ist angeboren. Trotzdem gibt es immer mehr glutenfreie Produkte. Das ist meiner Meinung nach eine Modeerscheinung und Geldmacherei“, sagt de Boer. Wer eigentlich keine Unverträglichkeit, sondern sich nur selbst diagnostiziert hat, tue seinem Körper nichts Gutes, wenn er prinzipiell auf das Klebeeiweiß verzichtet. „Der Glaube, dass der Verzicht auf Gluten gesund ist, ist totaler Quatsch. Gluten-Heilkost ist weniger nährstoffreich. Menschen, die die Krankheit haben, müssen natürlich darauf verzichten. Aber sie sind dadurch unterversorgt und müssen Vitamine und Mineralien in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich nehmen“, sagt die Diätassistentin.
De Boer habe viele Patienten, die zunächst glauben, sie hätten eine Zöliakie, weil sie Dinkel besser als Weizen vertragen. „Dabei ist da auch Gluten drin. Trotzdem wird es von vielen Menschen besser vertragen“, so die 53-Jährige. Das liege daran, dass es sich bei Dinkel um sogenanntes Urkorn handelt. „Die meisten Lebensmittel werden aus Weizen hergestellt. Der Klimawandel hat aber dafür gesorgt, dass der Ertrag nicht mehr so groß ist, wie er mal war. Deshalb mussten die Hersteller den Weizen so verändern, dass die Ernte wieder größer ausfällt. Durch diese Veränderung können einige Menschen Weizen nicht mehr gut vertragen“, erklärt de Boer. Dinkel sei zwar auch Weizen – Urweizen genauer gesagt – habe sich aber nicht so stark verändert.
Was man bei Unverträglichkeiten tun kann
„Bevor man mit einer Vermutung zum Arzt geht, ist es hilfreich, ungefähr zwei Wochen lang aufzuschreiben, was man gegessen und getrunken hat. Wenn man dazu seine Symptome notiert, lässt sich oft schon einschätzen, in welche Richtung es gehen könnte und der Arzt kann entsprechend testen“, rät Dr. Rohe. Bei Laktose und Fruktose könne man eine Intoleranz mit einem einfachen Atemtest nachweisen. Etwas schwieriger sei es bei einer Glutenunverträglichkeit. „Bei Zöliakie lassen sich Veränderungen an der Dünndarmschleimhaut nachweisen. Die kann durch glutenfreie Ernährung rückgängig gemacht werden“, so der Arzt. Es gebe aber auch ein Krankheitsbild, auf das die Wissenschaft erst in den letzten Jahren gestoßen ist. „Das ist eine Glutenunverträglichkeit, die weder in der Histologie – also der feingeweblichen Untersuchung – zu sehen ist, noch durch Labore nachgewiesen werden kann“, sagt Dr. Rohe. Da helfe im Grunde nur, konsequent vier Wochen lang kein Gluten zu essen und zu gucken, ob es einem besser geht. Steht nach Untersuchungen eine Diagnose fest, ließe man sich am besten von einer Ernährungsberaterin im weiteren Vorgehen unterstützen.
Vorbeugen ließe sich laut dem Ernährungsmediziner eine Unverträglichkeit so gut wie gar nicht. „Es gibt Studien, die Zusammenhänge zwischen der Stilldauer als Baby und zum Beispiel Zöliakie nachgewiesen haben. Das würde ich zur Vorbeugung wirklich empfehlen. Alle Mütter, die Kinder zur Welt bringen, sollten möglichst ein halbes Jahr lang stillen, weil das gesundheitliche Vorteile bringt. Aber das ist im Grunde auch schon das einzige, was man tun kann“, so der Mediziner.