Osnabrück  Paul McCartney und sein Versprechen ewiger Jugend

Stefan Lueddemann, Ralf Doering
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Von Stefan Lueddemann, Ralf Doering
| 17.06.2022 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
PAUL MC CARTNEY CONCERT IN RIO DE JANEIRO Foto: EFE
PAUL MC CARTNEY CONCERT IN RIO DE JANEIRO Foto: EFE
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Paul McCartney wird 80. Wirklich? Ex-Beatle, Musiker, Klassiker des Pop - Paul McCartney ist für sein Publikum nie gealtert. Wie erklären sein Genie und verraten, welche seiner Songs die schönsten sind.

Die Musik: Die Stimme wird schon mitunter etwas brüchig – wie auch nicht, Paul McCartney wird 80 Jahre alt! Umso erstaunlicher ist es, dass er immer noch auf der Bühne steht, als würde er das Versprechen der ewigen Jugend einlösen, das der Rock’n’Roll in seinen jungen Jahren mal gegeben und mit dem er sich längst selbst überholt hat. Deshalb spielt Paul McCartney immer noch die Songs, mit denen er und die Beatles vor 60 Jahren ihren Weltruhm begründet haben: „A Hard Days Night“, „Hi Hi Hi“ „Can’t Buy Me Love“ führen die Youtube-Playlist von einem Konzert in der Grand Central Station in New York aus dem Jahr 2018 an.

Einmal Beatle, immer Beatle? Fest steht: So sehr Paul McCartney die Fab Four geprägt hat, so sehr prägen sie ihn bis heute. McCartneys Spuren bei den Beatles wurden allerdings frühzeitig verwischt: Als Komponist und Texter taucht er konsequent nur gemeinsam mit John Lennon auf: Lennon/McCartney dürfte einer der wertvollsten Markennamen in der Geschichte der sogenannten populären Musik sein. Ein paar der genialsten Songs aber gehen offenbar vor allem auf Paul McCartney zurück: „Yesterday“, „Hey Jude“, zwei der genialsten Balladen der Rockgeschichte, und auf der anderen Seite „Helter Skelter“, eine Nummer, mit der Paul McCartney den Heavy Metal erfand (und nicht etwa einer von den Rolling Stones).

Seine Kreativität hat er sich auch nach dem Ende der Beatles bewahrt; fraglich ist, ob er so prägend für nachfolgende Generationen geblieben ist. Großartige Musik hat er aber weiterhin geschrieben: Ob „Letting Go“, einer der besten Songs der Wings, oder, ebenfalls für die Wings, der James-Bond-Titelsong „Live and Let Die“. Mit Michael Jackson sind ihm Welthits gelungen („Say Say Say“), mit Steve Wonder ebenfalls („Ebony and Ivory“). Produktiv ist er bis heute; quasi zum Geburtstag beschenkt er sich selbst mit dem Song „Find My Way“. Dafür hat er sich mit dem amerikanischen Musik Beck zusammengetan, und das Video feiert einen jungen Paul McCartney. Der tanzt wie ein junger Popstar es heute können muss, bewegt sich allerdings mitunter ein bisschen eckig, man möchte sagen: roboterhaft. Damit zeigt das Video, wie brüchig die Idee von der ewigen Jugend sein kann – ein guter Song ist es trotzdem geworden. Wenn jemand das „Forever Young“ lebt, dann Paul McCartney.

Paul is dead: Von der ewigen Jugend zum ewigen Leben ist es nur ein kleiner Schritt. Dieses wiederum setzt, der christlichen Lehre zufolge, den Tod auf Erden voraus. Und der hat, so haben manche behauptet, Paul McCartney schon in jungen Jahren ereilt: Er soll Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls geworden sein. Ein Radiomoderator hat die Verschwörungstheorie in Umlauf gesetzt, und wie das so ist: Wenn solche alternativen Wahrheiten mal in der Welt sind, finden sich auch Beweise, die die Theorie belegen. Das Coverfoto des „Abbey Road“-Albums versammelt gleich mehrere: Linkshänder McCartney hält die Zigarette in der rechten Hand, er geht barfuß und als einziger der vier nicht im Gleichschritt, das Nummernschild eines weißen VW Käfers im Hintergrund. Bereits frühere Cover belegen Pauls Tod, genauso wie Hinweise in den Songtexten der Beatles. Die sind allerdings gut verschlüsselt; manche erschließen nur, wenn man die Platten rückwärts abspielt. Paul selbst indes hat seinen Tod mehrfach dementiert. Und das Rauchen hat er auch aufgegeben. Das garantiert zwar noch kein ewiges Leben, aber möglicherweise doch ein längeres.

Der Bass: Kann man sich eine bessere Werbung für ein Musikinstrument vorstellen als das Attribut „Beatles“? Der Höfner Violin Bass 500/1 hat das geschafft, weil Paul McCartney sich für dieses Instrument entschieden hat, ist er zum „Beatles-Bass“ geworden. Die Geschichte der elektrischen Bassgitarre war in den frühen Beatles-Jahren noch jung; es gab zwar bereits 1935 ein Modell der Firma Audivox, doch erst 1951 ging mit dem Fender „Precision“ der erste E-Bass in Serie. Dieses Instrument ist heute noch legendär, aber wegen seines massiven Korpus ein echtes Schwergewicht. Der Höfner-Bass heißt „Violin-Bass“, weil er ähnlich wie eine Violine gebaut ist, der hohle Korpus aus Boden, Zarge und Deckel macht ihn zum Fliegengewicht unter den Bässen. Für McCartney vereinte der Höfner-Bass drei entscheidende Vorteile in sich: Er war leicht und damit ideal für die achtstündigen Monstergigs in den Clubs auf St. Pauli, er ließ sich problemlos für linkshändiges Spiel umbauen, und er war deutlich günstiger als der Fender Precision. Welch ein Glück für Höfner. McCartney spielt übrigens bis heute den Beatles-Bass.

Linda Mc Cartney: John saß mit seiner Yoko im Bett, Paul genoss mit seiner Linda das Landleben. Die beiden prägenden Beatles heirateten kreative Frauen. Yoko Ono brillierte als Fluxus-Künstlerin, Linda Eastman als Fotografin. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Besser als in ihren Partnerinnen hätten sich John und Paul kaum spiegeln können. Hier die exzentrische Yoko Ono, die mit John Lennon die Protestbewegung inspirierte, dort die umgängliche Linda Eastman, die Pauls künstlerischen Weg als Mitglied der "Wings" mitvollzog und ihren Beatle dann auf sanfte Weise veränderte - indem sie ihn zu vegetarischer Ernährung brachte. Paul und Linda, dieses Paar wirkte ausgewogen und glücklich. Mc Cartney trauerte heftig um seine Linda, die 1998 einem Krebsleiden erlag. Ihr Leben auf der Farm wirkt im Rückblick wie der verwirklichte Mittelstandstraum - oder ein Vorgriff auf die Ökologiebewegung. Im Rückblick leuchtet Lindas Bild - auch durch die Fotos, die sie von Paul McCartney und anderen Größen des Rock und Pop machte, von Jimi Hendrix bis Janis Joplin.

Das sanfte Genie: Gibt es das überhaupt, das sanfte Genie? Geniale Schöpfer haben Exzentriker zu sein, Ausnahmemenschen, die künstlerische Spitzenleistungen hervorbringen, aber auch einen Hang zur Zerstörung, ja zum Chaos haben. Soweit das Klischee vom Genie. Paul McCartney diesem Bild, indem er es durch ein anderes ersetzte - das des sanften Genies. Sicher, er feierte wilde Partys, probierte allerhand aus, auch Drogen. Allerdings verwüstete er weder Hotelzimmer, noch zertrümmerte er jemals seine Gitarre auf offener Bühne. Paul McCartney war immer zu smart, um sich in Exzessen zu verausgaben. Er brauchte keinen Rausch, um kreativ sein zu können. Der begnadete Songwriter und Melodienerfinder begeisetert mit seinen Kreationen Millionen. Schockiert oder verstört hat er sie wohl nie. Ob genau darin auch seine künstlerische Grenze liegt? Das mag sein. Auf der anderen Seite überrascht Paul McCartney auch immer wieder mit einem überraschenden Bild - dem des Genies, das sich zu beherrschen weiß.

Die schönsten Songs von Paul McCartney. Hier zwei Voten:

Yesterday: Es gibt gar nicht so wenige Popsongs, die über den Hitstatus hinaus zur Musik für die Ewigkeit geworden sind. Doch keiner ist öfter gecovert worden als „Yesterday“. Woran liegt es? Der Song vereint auf geniale Weise Eingängigkeit und Anspruch. Die Melodie geht ins Ohr, weil sie schlicht und schön anmutet. Dabei hat sie ihre Tücken, ihre überraschenden Wendungen, und die machen diesen Song zum herrlichen Experimentierfeld für jeden Musiker – und trotzdem kann sich jeder dabei wohlfühlen. Das klassische Streichquartett im Original öffnet sogar die Türen zum bildungsbürgerlichen Konzertsaal. Genial.

Live and Let Die: Ja, auch das konnte Paul McCartney: Er schrieb, gemeinsam mit seiner damaligen Frau Linda, einen der besten, für mich den besten aller Bond-Songs - Live and Let Die. 1973 kam der Song heraus, als musikalische Signatur des gleichnamigen James-Bond-Films, in dem der selbstironische Gentleman Roger Moore seinen ersten Auftritt als 007 hatte. Es war die Zeit, in der so ein Song aus dem Kassettenrecorder plärrte - und Jugendliche um das Gerät herum saßen und ihre Ohren so fein gespitzt hatten wie sonst selten im Klassenzimmer. Der Song ist ein echter McCartney, eingängig in der tragenden Melodie, zugleich aber auch geprägt von dramatischen Kontrasten und musikalischen Umschlagmomenten, die bei jedem Hören aufs Neue zünden. Der Text berichtet von bitterer Desillusionierung, der Song hingegen begeistert mit einer Musik voller Energie und Selbstvertrauen - und als Erinnerung an ein Jahrzehnt voller Aufbruch. Ach, diese herrlichen Siebziger! 

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