Krise am Gebrauchtwagenmarkt  Horrende Preise für Gebrauchtwagen

Jens Schönig
|
Von Jens Schönig
| 17.06.2022 16:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Verstecken muss sich Timo Eschen vom Autohaus Hiro in Wiesmoor vor seinen Kunden nicht. Dafür kann die Suche nach einem passenden Auto lange dauern. Foto: Ortgies
Verstecken muss sich Timo Eschen vom Autohaus Hiro in Wiesmoor vor seinen Kunden nicht. Dafür kann die Suche nach einem passenden Auto lange dauern. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Der Gebrauchtwagenmarkt ist bereits seit Längerem angespannt. Wir haben uns umgehört, wie die aktuelle Situation bei den Händlern ist und was man als Kunde tun kann.

Wiesmoor/Großefehn - Aus heiterem Himmel spricht der Tüv das Todesurteil über den geliebten fahrbaren Untersatz. Und weil man auf dem platten Land lebt, wird schnell ein Ersatz gebraucht. Doch wer in diesen Tagen ein Auto kaufen will – ob neu oder gebraucht –, wähnt sich schnell auf der Suche nach dem Heiligen Gral, der im Bernsteinzimmer von einer Eier legenden Wollmilchsau bewacht wird.

Der Fahrzeugmarkt steckt in einer Krise. Neuwagen haben pervers lange Lieferzeiten, weil wichtige Einzelteile in der Lieferkette feststecken. Die Kabelbäume für viele Fabrikate etwa wurden in der Ukraine produziert. Halbleiter für Elektronik-Bauteile wiederum lassen schon länger auf sich warten. Weil die Neuwagen nicht ausgeliefert werden können, bleiben die Kunden länger bei ihren alten Fahrzeugen. Dazu gehören auch Autovermieter, Leasinganbieter und andere Unternehmen, die ihre Fahrzeuge sonst nach einem Jahr wieder abgestoßen hätten. So fehlen den Händlern auch die Gebrauchtwagen. Und die, die noch da sind, sind deutlich teurer geworden.

„Preise jenseits von Gut und Böse“

„Wir haben normalerweise Zugriff auf eine Palette von 12.000 Jahreswagen“, sagt Timo Eschen, Verkaufsleiter bei Opel Hiro in Wiesmoor. „Da stehen jetzt gerade weniger als 100. Und die werden zu Preisen jenseits von Gut und Böse verkauft. Auf den Verkaufsflächen haben wir derzeit nur noch ein Drittel unseres sonstigen Bestands. Wir bemühen uns, auf dem freien Markt Fahrzeuge von privaten Kunden zuzukaufen. Aber wer verkaufen könnte, braucht ja auch wieder ein neues Fahrzeug.“ Das sei ja wie nach der Wende, habe ein Kunde neulich zu ihm gesagt. „Aber das hier ist schlimmer“, sagt Eschen. „Nach der Wende gab es ja relativ schnell wieder Fahrzeuge, weil nachproduziert werden konnte. Jetzt steht alles still.“ Eine baldige Besserung sieht er nicht kommen. „Selbst wenn der Krieg morgen vorbei wäre, würde es noch gut ein bis eineinhalb Jahre dauern, bis sich die Lage wieder normalisiert“, schätzt Eschen.

„Katastrophal“ nennt Michaela Decker, vom Toyota-Autohaus Decker in Marcardsmoor die Lage. „Wir haben so wenig Autos hier wie noch nie. Ankaufen können wir kaum, und sobald mal Fahrzeuge hier sind, gehen sie auch gleich wieder weg.“ Die Preise sind auch hier hoch. „Ich hatte schon Kunden, die ihr Auto für den gleichen Preis verkaufen konnten, den sie vor zwei Jahren selbst bezahlt haben“, sagt Decker. Zwar hätten die japanischen Hersteller noch nicht so lange Lieferzeiten wie etwa die deutschen. „Aber wo wir sonst vier Wochen Lieferzeit haben, sind es jetzt auch vier Monate“, so Decker. „Und dabei hatten wir gerade angefangen, die Lieferverzögerungen von Corona aufzuholen. Bald verkaufen wir keine Autos mehr, sondern nur noch Lieferzeiten.“ Kummer müsse man allerdings in der Branche auch gewohnt sein, fügt sie hinzu. „Irgendeine Krise gibt es auf dem Automarkt ja immer.“

Manche freien Händler denken ans Aufgeben

Bis zum Hals in der Krise steckt bereits Hassan Berro, freier Autohändler in Strackholt. „Ich habe in diesem Monat gerade mal drei Autos verkauft“, sagt er. „Damit ist die Miete für den Laden noch nicht einmal verdient. Normalerweise habe ich 30 bis 32 Fahrzeuge im Verkauf, jetzt ist es vielleicht die Hälfte. Um Autos anzukaufen, muss ich deutlich mehr Versuche unternehmen und viel mehr bezahlen als sonst. Und potenzielle Käufer halten sich zurück, weil die Autos so teuer geworden sind.“ Die angeschlossene Werkstatt hat die Situation bislang noch abgemildert. Seine drei Vollzeit-Mitarbeiter musste er aber im vergangenen Monat entlassen und als Minijobber einstellen, um Kosten zu sparen. „Dazu kommt, dass jetzt auch Teile für die Werkstatt fehlen“, erklärt Berro. „Für ein Auto, das ich zum Verkaufen reparieren wollte, habe ich schlicht keinen Kolben und nicht einmal Zündkerzen bekommen. Ich musste es schließlich für den Export verkaufen und hab 1500 Euro dadurch verloren.“ Wie ihm scheint es auch anderen freien Händlern zu gehen. „Ich habe schon von mindestens zehn anderen Händlern gehört, dass sie kurz davor stehen, das Geschäft aufzugeben“, sagt Berro. „Und wenn es hier in den nächsten zwei Monaten nicht irgendwie besser wird, kann ich meinen Laden auch dichtmachen.“

Von Geschäftsaufgaben hat Lothar Freese, Obermeister der Kfz-Innung Ostfriesland, noch nichts gehört. „Aber man muss sich darauf einstellen“, ist er sicher. Auf dem kürzlich abgehaltenen Innungstreffen habe er neben vielen Klagen zumindest noch die Hoffnung herausgehört, dass sich die Krise möglichst schnell legt. „Wenn sich das aber noch ein, zwei Jahre hinzieht, wird es für viele Betriebe ernst werden“, so Freese. Die Probleme, die jetzt auftauchen, sind auch für die Kfz-Innung eine Nummer zu groß. „Wenn es um gesetzliche Vorschriften ginge, könnten wir noch lenkend eingreifen“, sagt Freese. „Aber bei Problemen dieser Größenordnung kann auch die Innung nicht viel ausrichten.“

ADAC gibt Tipps für Käufer

Wer jetzt einen Gebrauchtwagen sucht, muss sich vor allem von seinen Wünschen verabschieden können. „Je flexibler man bei Farbe, Ausstattung, Motor oder Getriebe ist, desto höher ist die Chance für ein günstiges Angebot“, sagt Nils Linge, Pressesprecher des ADAC Weser-Ems. „Auch ein Modell- oder sogar Markenwechsel erhöht den Sucherfolg. Und geht man eine Fahrzeugklasse niedriger, schont man auch nachhaltig den Geldbeutel.“ Weil hierzulande derzeit verfügbare Jahreswagen zum Teil über dem Neuwagenpreis gehandelt werden, könnten sich laut Linge auch Reimporte lohnen, also Autos, die eigentlich für ein anderes EU-Land gefertigt wurden. „Oft liegen deren Neuwagenpreise auf dem Niveau junger Gebrauchter“, so Linge.

Von einer so großen Auswahl können Autohäuser und ihre Kunden derzeit nur träumen. Teilweise werden sogar Gebrauchtwagen zu Neupreisen gehandelt. Foto: Kahnert/dpa
Von einer so großen Auswahl können Autohäuser und ihre Kunden derzeit nur träumen. Teilweise werden sogar Gebrauchtwagen zu Neupreisen gehandelt. Foto: Kahnert/dpa

Je nach Fahrprofil und persönlichen Anforderungen könnte auch ein Elektroauto eine Alternative sein. „Die werden in diesem Jahr noch mit bis zu 9000 Euro gefördert, und Ladenetz sowie Reichweite wachsen kontinuierlich“, sagt Linge. „Wichtig ist aber, genau zu prüfen, ob Reichweite und Lademöglichkeiten zu den eigenen Anforderungen passen. Als reines Pendelfahrzeug für den Arbeitsweg kann etwa auch ein älteres Elektroauto mit geringer Reichweite taugen. Die sind im Moment vergleichsweise günstig.“

Ähnliche Artikel