Polizei im Internet Strafanzeige online – oder doch persönlich auf der Wache?
Immer häufiger werden Verbrechen im Internet angezeigt. Doch nicht immer ist das der richtige Weg, mahnt die Polizei. Eine Betroffene beklagt die schleppende Bearbeitung ihres Falls.
Landkreis Leer - Am 20. Mai erlebte eine Schülerin aus Neufirrel auf dem Heimweg von der BBS II in Leer einen real gewordenen Albtraum. Mitten in der Fahrt löste sich das linke Hinterrad ihres Autos. Die junge Frau blieb unverletzt. Doch der Schock saß tief. Besonders brisant: Nach Einschätzung der Werkstatt hatte sich zuvor jemand an dem Wagen zu schaffen gemacht und die Radmuttern gelöst.
Was und warum
Darum geht es: Sinn und Unsinn von online-Strafanzeigen
Vor allem interessant für: Menschen, die Opfer von Straftaten wurden.
Deshalb berichten wir: In einem Sabotage-Fall beklagten die Betroffenen die schleppende Bearbeitung einer online-Anzeige. Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de
Vera Kohl, die Mutter der Schülerin, erstattete Anzeige bei der Polizei. Jedoch in digitaler Form über das Internet. Das hatte ihr ein Beamter nach einem Telefonat so empfohlen. Viel getan hat sich in der Sache seither aber nicht, beklagt Kohl. „Man sagte uns, es könne bis zu vier Tage dauern, bis die Anzeige bearbeitet ist“, berichtet sie. „Ich finde das enorm.“ In der Zwischenzeit könne viel passieren. Erst zweieinhalb Wochen später habe die Familie wieder etwas von der Polizei gehört: der Postbote brachte einen Brief. Darin die Aufforderung, binnen zwei Wochen den Sachverhalt detailliert zu schildern. „Das ist eigentlich Quatsch, genau das haben wir in der online-Anzeige schon gemacht“, sagt Kohl.
Immer mehr Anzeigen über das Internet
Nachfrage bei der Polizei: Dauert eine Bearbeitung von online-Strafanzeigen länger? Klare Antwort: Wer seine Strafanzeige digital erstatte, könne mit der selben Geschwindigkeit rechnen, wie bei einer Anzeige, die auf einer Dienststelle erstattet wird, betont Polizeisprecherin Svenia Temmen. „Das läuft wirklich flott“, sagt sie. Das Programm sei so aufgebaut, dass die Anzeigen unverzüglich in das elektronische System der Polizeiinspektion geleitet werden. „So entstehen keine Bearbeitungsstaus und die Bearbeitung erfolgt genauso schnell, wie bei einer Protokollaufnahme“, so Temmen.
Seit 2007 gibt es in Niedersachsen die Möglichkeit, Strafanzeigen im Internet zu erstatten. Viele Jahre lang kamen die meisten Menschen, die Opfer von Straftaten wurden, trotzdem lieber persönlich auf eine Polizeiwache. Mit der Pandemie aber schoss der Anteil der Online-Anzeigen in die Höhe. Im vergangenen Jahr wurde sogar erstmals eine klare Mehrheit der Anzeigen im Internet erstattet. 3154 Anzeigen seien über die Online-Wache der Polizei eingegangen, dagegen erschienen 2053 Personen persönlich zur Protokollaufnahme bei den jeweiligen Dienststellen der Polizeiinspektion Leer/Emden. Ein klarer Trend. „In der Pandemie haben die Menschen gemerkt, dass das eine gute Nummer ist“, sagt Temmen.
Nicht immer ist die online-Anzeige geboten
Trotzdem gebe es Fälle, in denen das digitale Angebot eher ungeeignet sei. „Immer wenn ein direktes Einschreiten der Polizei notwendig ist, eine Gefahr abgewendet werden muss oder es sich um komplexe Sachverhalte mit größeren Mengen Beweismaterial handelt, wird eine direkte Kontaktaufnahme mit der Polizei empfohlen“, sagt die Sprecherin. In einem ersten Telefonat werde dann schnell klar, ob der Sachverhalt als Tatbestandsaufnahme vor Ort oder protokollarisch persönlich erfasst werden muss, oder ob nach Rücksprache doch die Nutzung der Online-Anzeige möglich ist.
Vera Kohl hat indes keine große Hoffnung mehr, dass die Polizei den Saboteur ausfindig macht, der den Wagen ihrer Tochter manipulierte. „Ich bin einfach nur froh, dass ihr nichts passiert ist“, sagt sie. Vor der Abfahrt gebe es fortan einen kurzen Kontrollblick nach den Radmuttern. Für den Ernstfall hat die Familie bereits vorgesorgt. „Wir haben jetzt alle immer ein Radkreuz griffbereit im Auto dabei“, sagt Kohl.