Erinnerung an Ewald Christophers Die „Stimme Ostfrieslands“ wäre heute 100 Jahre alt geworden
Der 2003 verstorbene Ewald Christophers ist heute eine Legende. Als Reporter und Autor hielt er das Plattdeutsche lebendig. Dabei wäre er kurz nach der Geburt fast gestorben. Ein Blick auf sein Leben.
Aurich - Er war die „Stimme Ostfrieslands“ und hatte stets „’n Mundje vull Platt“ parat. Ob in Funk und Fernsehen oder als Autor, Ewald Christophers zählt bis heute zu den bekanntesten und markantesten Medienpersönlichkeiten der Region. Am 19. Juni 2022 wäre der 2003 verstorbene Journalist und Schriftsteller 100 Jahre alt geworden.
Geboren wurde Ewald Christophers in Kirchdorf bei Aurich. Weil seine Mutter ihn wegen einer Brustentzündung nicht stillen konnte, wurde er auf Kuhmilch umgestellt. Das vertrug der Magen des Säuglings aber nicht, weswegen er bedrohlich abmagerte und am 16. Juli eine Nottaufe erhielt. Erst als ihm Tee eingeträufelt wurde, brachte dies die Verdauung wieder ins Gleichgewicht. Das ostfriesische Nationalgetränk habe ihm letztlich sein Leben gerettet, behauptete Ewald Christophers später immer wieder.
Schon als Junge spielte er Reporter
Der Vater war Lehrer an der örtlichen Dorfschule und engagierte sich für die Sozialdemokraten, die er 1932 auch kurzzeitig als Senator vertrat. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er mitsamt seiner Familie strafversetzt nach Müggenkrug im Kreis Wittmund, „die wohl einsamste Schulstelle des Bezirks mitten im Moor“, wie Christophers in seiner 1999 erschienenen Autobiografie „Der Erzähler“ anmerkte. Schon früh begeisterte ihn das damals noch relativ junge Medium Radio. Der kleine Ewald macht sich zu seinem eigenen „Programmchef“, indem er sich in einen Baum verschanzte und die Nachbarschaft über einen ausgedienten Lautsprecher, der wie ein Megaphon funktionierte, mit selbst ausgedachten Sportreportagen und Meldungen aus der lokalen Tageszeitung unterhielt.
Als er die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium Ulricianum in Aurich bestanden hatte, wohnte er zwischenzeitlich bei Verwandten in Walle. Die betrieben dort eine Gaststätte, in der sich die Leute zum Teil auch deshalb versammelten, um gemeinsam Radio zu hören. Ewalds schulische Leistungen ließen indes ein wenig zu wünschen übrig. Französisch und Mathe lagen ihm überhaupt nicht. Selbst in seinem Lieblingsfach Deutsch musste er sich mit einem „Befriedigend“ begnügen. Darf man der Autobiographie von Christophers Glauben schenken, lag dies aber hauptsächlich an der Lehrerin, die als bekennende Nationalsozialistin mit dem aufmüpfigen Zögling eines ausgewiesenen Sozialdemokraten nicht so richtig warm werden wollte.
Dafür liefen seine ersten schriftstellerischen Gehversuche umso erfolgreicher. Nach eigenem Bekunden verfasste Christophers bereits als 16-Jähriger Geschichten für eine von ihm nicht näher benannte Lokalzeitung und kaufte sich von dem Honorar ein Fahrrad.
Im Krieg die Liebe gefunden
Den Zweiten Weltkrieg erlebte Ewald Christophers als Funker an der Ostfront. Zumindest ein positives Erlebnis sollte ihm diese Zeit bescheren. Er lernte die Nachrichtenhelferin Paula Student aus Oberschlesien kennen und lieben. Anfang Mai 1945 heiratete das Paar per „Kriegstrauung“ und geriet in amerikanische Gefangenschaft, die zum Glück nicht allzu lange währte.
Zurück in der ostfriesischen Heimat stand für Ewald Christophers die zukünftige Berufswahl an. Am liebsten hätte er wohl eine Karriere als Journalist oder Schriftsteller eingeschlagen. Das lehnten die Eltern jedoch ab. Ihr Sprössling sollte gefälligst was Ordentliches lernen und wurde daher Lehrer. Seiner eigentlichen Leidenschaft blieb er trotzdem treu. „Übrigens sind im Journalismus und Lehrerberuf ganz ähnliche Fähigkeiten gefragt“, steht dazu in „Der Erzähler“ nachzulesen. „Man muss klar und deutlich sprechen und schreiben können, schauspielerisches Talent besitzen und viel Phantasie entwickeln, wenn es um die Bewältigung des Schulalltags geht. Und wenn ich mich in den Journalistenkreisen von Presse, Hörfunk und Fernsehen so umschaue, so sind unzählige Pädagogen darunter.“
Wie der Ostfriese zum Radio kam
Auch dem Lehrer Ewald Christophers sollte es gelingen, in der Medienbranche Fuß zu fassen. Einer der „Türöffner“ dafür war ein alter SPD-Gefährte des Vaters, nämlich Johann Cramer, der mittlerweile als Abgeordneter im Bundestag saß und in Wilhelmshaven die „Ostfriesische Rundschau“ herausgab. Die Zeitung druckte die plattdeutschen Geschichten von Ewald Christophers. Das wiederum weckte das Interesse des Oldenburger Studios vom Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), der die Geschichten zunächst von Günther Hönecke sprechen ließ. Bald darauf durfte der Autor sie auch selber vorlesen. Die Oldenburger, nun als Teil des 1954 gegründeten Norddeutschen Rundfunks (NDR), schickten zu diesem Zweck sogar einen Aufnahmewagen nach Tannenhausen, wo Christophers seit 1948 als Lehrer arbeitete. Ab 1966 zählte der Ostfriese zum festen Team der Radioreihe „Hör mal ’n beten to“, für die er jede Woche „Middwäk Klock 8“ seine mal nachdenklichen, mal humorvollen Beiträge ablieferte.
Hinzu gesellten sich Reportagen für Sendungen wie „Blick ins Land“ oder „Prominente up Platt“. Die Sprache seiner Heimat spielte dabei eine tragende Rolle. „Die Moderationen kamen mehr aus dem Bauch heraus, allein schon weil wir fast ausschließlich, besonders in ländlichen Gegenden, Plattdeutsch sprachen und unsere Partner natürlich ebenfalls“, so Christophers. „Auch musikalisch wurden keine Konserven gesendet. Alles ging sofort live über den Sender.“ Und natürlich ging nicht immer alles glatt. Einmal geriet der rasende Reporter aus Ostfriesland im Zoo von Onkel Heini in Logabirum mit seinem Mikro zu dicht an eine Leopardendame. Die verpasste ihm am Arm einen dicken blutigen Kratzer, der in Leer im Krankenhaus behandelt werden musste. Unmittelbar danach begab er sich wieder in den Zoo. Schließlich war er mit seiner Reportage noch nicht fertig. Ein weiterer emotionaler Höhepunkt der Radiokarriere von Ewald Christophers war, als ihn sein einstiges Jugendidol Kurt Esmarch ins Programm seiner „Hamburger Hafenkonzerte“ holte.
Vom Radio zum TV-„Talk op Platt“
Doch damit nicht genug der Medienpräsenz. Das Gesicht zur „Stimme Ostfrieslands“ erschien irgendwann auch regelmäßig auf den Fernsehbildschirmen. Dr. Heiner Herde hatte Ewald Christophers beauftragt, eine Talk-Show zu konzipieren. Das Resultat waren 29 Folgen der Sendung „Klönschnack“, die an Sonntagnachmittagen im dritten Programm des NDR lief. Daran anknüpfend entstand 1982 der TV-„Talk op Platt“, der nicht bloß in Ostfriesland, sondern in ganz Norddeutschland und darüber hinaus schnell Kult-Status erlangte.
Selbst in der DDR und in den Niederlanden wurde die Sendung gern gesehen. Neben Gerlind Rosenbusch und Dirk Römer gehörte Ewald Christophers zu den Moderatoren der ersten Stunde und trug dank seiner unkonventionell-flapsigen Art maßgeblich zum Erfolg bei. Als während einer Stippvisite in einem namhaften Gestüt in Mecklenburg-Vorpommern die Frage auftauchte, ob Generalsekretär Erich Honecker gelegentlich vorbeischauen würde und daraufhin verunsichertes Schweigen herrschte, brach der Ostfriese die Stille mit der lapidaren Bemerkung: „Kann de Kerl denn överhaupt rieden?“ Allerdings war Ewald Christophers keineswegs nur für solcherlei Schabernack zu haben, sondern er widmete sich ebenso ernsteren Themen. 1982 begleitete er eine Delegation, die in Israel ehemalige Auricher Juden besuchte und vom damaligen Oppositionsführer Simon Peres empfangen wurde.
Ein Botschafter für seine Heimat
Zudem wurde er nicht müde, in Funk und Fernsehen über seine Heimat zu berichten, angefangen vom Friesenkongress in Aurich über den Krabbenpulwettbwerb in Greetsiel und die Miss-Wahl in Wiesmoor bis hin zum zweimillionsten Käfer in Emden.
Nachdem sich Ewald Christophers 1978 von seinem Beruf als Lehrer in den Ruhestand verabschiedet hatte, konnte er sich noch besser auf seine journalistischen und schriftstellerischen Ambitionen konzentrieren. Bereits 1971 hatte er das erste von mehreren Büchern mit seinen „Hör mal ’n beten to“-Geschichten veröffentlicht.
Im Alter half der Computer
1987 erschien sein plattdeutscher Lyrik-Band „Ut mien egen Kopp“. Dazu kamen diverse Theaterstücke sowie zahllose Beiträge für Zeitungen, Magazine, Kalender und dergleichen. Christophers trat auch als Conferencier bei Großveranstaltungen wie dem Blütenfest in Wiesmoor auf. In Anerkennung seines Engagements wurde ihm 1987 das Niedersächsische Verdienstkreuz am Bande verliehen.
Die Ostfriesische Landschaftsversammlung, der er von 1972 bis 1992 als Mitglied angehörte, zeichnete ihn 1999 mit der Ubbo-Emmius-Medaille aus. Im selben Jahr brachte Christophers seine Autobiographie „Der Erzähler“ heraus.
Die Auftritte von Ewald Christophers in der Öffentlichkeit wurden danach allmählich seltener, zumal er stark an Sehkraft einbüßte. Aus diesem Grund empfand er es als einen wahren Segen, dass sich auf seinem Computerbildschrim die Schriftgrößen einstellen ließen. So war er in der Lage, bis kurz vor seinem Tod weiterhin Texte zu schreiben, die in Kolumnen oder als Buch veröffentlicht wurden. Am 16. Juli 2003 begab sich Ewald Christophers mit Atembeschwerden ins Auricher Krankenhaus, wo er tags darauf im Alter von 81 Jahren verstarb.