Krieg in Europa  Wann kommt die nächste Gaspreis-Erhöhung der EWE?

Martin Teschke
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Von Martin Teschke
| 16.06.2022 15:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Zu 70 Prozent gefüllt: die Gasspeicher der EWE. Foto: Ritzmann/EWE
Zu 70 Prozent gefüllt: die Gasspeicher der EWE. Foto: Ritzmann/EWE
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Wenn Putin dauerhaft die Lieferung reduziert, dürfte es auch für die EWE ernst werden. Wir haben nachgefragt, was das konkret bedeutet.

Ostfriesland/Oldenburg/Berlin - Der russische Energiekonzern Gazprom hat in der Nacht zum Donnerstag seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Ostseepipeline Nord Stream weiter reduziert. Wie aus im Internet veröffentlichten Transportdaten des Pipelinebetreibers Nord Stream hervorgeht, sank die Gasmenge von Mittwochabend an. Am Morgen erreichte die Liefermenge – hochgerechnet auf 24 Stunden – die von Gazprom angekündigten 40 Prozent der technischen Kapazität.

Angesichts der Tatsache, dass Nord Stream 1 für Deutschland die Hauptversorgungsleitung mit russischem Gas ist, wirken 60 Prozent weniger Energie einigermaßen bedrohlich. Ganz von der Hand weisen mag das auch der für Ostfriesland zuständige Energiedienstleister EWE nicht. „Wie Russland künftig mit dem Thema Gaslieferungen nach Deutschland umgeht, ist schwer abzuschätzen“, heißt es aus Oldenburg auf Nachfrage unserer Zeitung. „Natürlich würde mit Blick auf den Winter das weitere Auffüllen der Erdgasspeicher erschwert, wenn Russland dauerhaft reduzierte Mengen lieferte.“ Die von EWE betriebenen Gasspeicher seien für die Jahreszeit derzeit jedenfalls mit mehr als 70 Prozent ausreichend gefüllt.

Die Gaspreise dürften weiter steigen

Man muss allerdings kein Prophet sein, um zu erahnen, dass das aktuelle Gebaren Russlands auch Druck auf die Gaspreise von EWE ausübt. „Wir werden wie angekündigt die Preise in diesem Jahr regelmäßig überprüfen“, heißt es dazu von der EWE. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht abzusehen, ob zu Beginn des vierten Quartals eine erneute Gaspreisehöhung ansteht.“ Übersetzt heißt das: Seit Jahresbeginn gibt die EWE mindestens sechs Wochen vor Beginn eines neuen Quartals bekannt, dass die Gaspreise drastisch erhöht werden – das nächste Mal also Anfang/Mitte August. Die beiden Beispiele aus diesem Jahr: Zum 1. April hatte EWE im Vorjahresvergleich die Gaspreise um 40 Prozent erhöhen müssen. Für Durchschnittskunden machte das nach EWE-Berechnungen 644 Euro mehr im Jahr aus. Zum 1. Juli stiegen sie dann noch einmal um 30 Prozent im Vergleich zum April-Tarif: Das bedeutete ein weiteres Plus von 52 Euro im Monat.

Diese Entwicklung treibt längst auch die Bundesregierung um. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nannte die Situation ernst. Seinem Ministerium zufolge ist die sichere Versorgung mit Gas aber weiter gewährleistet. „Aktuell können die Mengen am Markt beschafft werden, wenn auch zu hohen Preisen. Es wird aktuell noch eingespeichert“, teilte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums am Donnerstag auf Anfrage mit. „Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet.“ Das Ministerium beobachte die Dinge aber sehr genau und sei über die Krisenstrukturen in engstem Austausch mit den relevanten Akteuren.

In zwei Tagen 60 Prozent weniger

Der russische Energieriese Gazprom hatte am Mittwoch angekündigt, die Gasliefermengen durch Nord Stream 1 nach Deutschland erneut zu reduzieren. Von der Nacht zum Donnerstag an sollten täglich nur noch maximal 67 Millionen Kubikmeter durch die Leitung gepumpt werden. Erneut begründete der Staatskonzern den Schritt mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten. Bereits am Dienstag hatte Gazprom die Reduktion des bisher geplanten Tagesvolumens von 167 Millionen um rund 40 Prozent auf 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag verkündet und auf Verzögerungen bei der Reparatur von Gasverdichtern verwiesen.

Der Energietechnikkonzern Siemens Energy hatte daraufhin mitgeteilt, dass eine in Kanada überholte Gasturbine aufgrund der Russland-Sanktionen derzeit nicht aus Montréal zurückgeliefert werden könne. Die neuerliche Reduktion auf 67 Millionen Kubikmeter bedeutet eine Drosselung um rund 60 Prozent innerhalb von lediglich zwei Tagen.

Habeck und EWE rufen zum Energiesparen auf

Angesichts dieses Rückgangs rief Wirtschaftsminister Habeck erneut zum Energiesparen auf. In einem am Mittwochabend über Twitter verbreiteten Video dankte der Grünen-Politiker der Bevölkerung und den Unternehmen für ihre bisherigen Bemühungen. Habeck appellierte mit Blick auf das Energiesparen zugleich: „Es ist jetzt der Zeitpunkt, das zu tun. Jede Kilowattstunde hilft in dieser Situation.“ Die EWE begrüßte die Energiesparkampagne ausdrücklich.

Habeck mahnte: „Wir müssen wachsam sein. Wir müssen konzentriert weiterarbeiten. Vor allem dürfen wir uns nicht spalten lassen. Denn das ist das, was Putin vorhat.“ Entgegen der Darstellung Gazproms, der Grund für die Drosselung seien Verzögerungen bei Reparaturarbeiten, vermutet Habeck dahinter eine politische Entscheidung.

Bundesnetzagentur: Ein Warnsignal

Auch die Bundesnetzagentur nannte das Vorgehen Moskaus „technisch nicht zu begründen“. Dass Gazprom seine Lieferungen durch Nord Stream 1 nun auf etwa 40 Prozent senkt, ist aus Sicht des Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, ein Warnsignal. „Russland schürt damit leider Verunsicherung und treibt die Gaspreise hoch“, sagte er der „Rheinischen Post“.

Wenn Gazprom über Wochen nur 40 Prozent durch Nord Stream 1 liefere, bekomme Deutschland ein Problem, sagte Müller: „Das würde unsere Situation erheblich verschlechtern. Über den Sommer könnten wir das vielleicht aushalten, denn die Heizsaison ist ja vorbei. Allerdings müssen wir jetzt zwingend die Speicher füllen, um den Winter zu überstehen – auch mit russischem Gas.“

Nur noch 18 Grad in der Wohnung?

Russlands EU-Botschafter meinte am Donnerstag beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg sogar, Nord Stream 1 könne komplett stillgelegt werden. „Ich denke, das wäre eine Katastrophe für Deutschland“, sagte er nach Angaben der russischen Zeitung „Kommersant“.

Bei einem Gasmangel fordert der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) eine Absenkung der Mindesttemperatur in den Wohnungen um bis zu sechs Grad Celsius. „Sollten die Gaslieferungen nach Deutschland künftig weiter deutlich eingeschränkt werden und es zu einer Mangelsituation kommen, sollte der Rechtsrahmen so angepasst werden, dass weitere Absenkungen der Mindesttemperatur auf eine maximale Untergrenze von 18 Grad tagsüber und 16 Grad nachts möglich werden“, sagte GdW-Präsident Axel Gedaschko den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Derzeit muss im Winter eine Mindesttemperatur von 20 bis 22 Grad Celsius gewährleistet werden.

Mit Material von DPA

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