Osnabrück  Welcher Song wird Sommerhit des Jahres 2022?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 16.06.2022 12:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sieht nach Entspannung aus. Jetzt fehlt nur noch der Sommerhit des Jahres. Foto: William Rouse on Unsplash
Sieht nach Entspannung aus. Jetzt fehlt nur noch der Sommerhit des Jahres. Foto: William Rouse on Unsplash
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Salsa oder Reggae oder ein ganz normaler Popsong: Was wird Sommerhit des Jahres? Hier kommt eine kleine Auswahl möglicher Kandidaten.

Kommt ein Song spritzig wie ein Caipirinha daher, erhöht das sicher die Chancen, beim Sommerhit vorne mitzumischen.

Jason Derulo könnte da mit „Acapulco“ auf der richtigen Spur sein. Allein die titelgebende Bucht in Mexiko ist seit Jahrzehnten ein Strand gewordener Sommertraum, doch weil solche Träume in die Jahre kommen können, entwirft Jason Derulo – oder der Regisseur seines Videos – ein Märchen mit jeder Menge aufregender junger Frauen. Die tanzen und räkeln sich verführerisch vor dem Lagerfeuer zwischen Strand und Dschungel, doch Vorsicht: Das sind keine Partygirls, sondern Amazonen, die Chefin ist eine blauhaarige Elfe, die mit ihren Männern nicht nur im Meer schwimmt, sondern sie womöglich in die Tiefe zieht. Aber vielleicht ist genau das der richtige Thrill für eine heiße Partynacht – und den Sommerhit 2022.

„Manila“ ist eine richtige Jungsgeschichte. Das Meer, die Straße, die Yacht: Alles da, was man so braucht, um ein optimistisches Liedchen zu singen und dazu zu tanzen. Zwar ist der Roadtrip am Meer für Ray Dalton und seinen Kollaborateur Alvaro Soler zu Ende, weil der Motor des Jeep qualmt. Aber einen Wimpernschlag später geht das heitere Leben auf einer Motoryacht bei einem einen Drink weiter – was will Mann mehr? Ja, genau: Mann. Wo der Wohlfühlfaktor gegen unendlich strebt, brauchen gute Freunde nur sich selbst. Abends feiern dann alle vor der Tapasbar, aber reicht das alles für den Durchbruch als Sommerhit des Jahres?

Harry Styles und ein Sommerhit? Das klingt nach einem massiven Widerspruch. Der Brite verkörpert in so ziemlich jeder Hinsicht das Gegenteil dessen, was es für einen Sommerhit braucht. Mit diesem Dandy im roten Dress tanzt niemand Nächte im Club oder in der Strandbar durch. Nein, Harry Styles zieht magnetisch an, weil er so distanziert wirkt. Zwar berührt er im Video zum Song seine Partnerin, aber hier geht es nicht um Anmache zwischen zwei Cocktails, sondern um kühl kalkulierte Choreografie wie im Ballettsaal; hier beginnt keine gemeinsame Nacht, hier ist etwas zu Ende gegangen. Ein Sommerhit? Schon. Aber einer der nachdenklichen Art. Wahrscheinlich zu nachdenklich für den Titel Sommerhit 2022. Schade.

Sommersongs und Autos gehören zusammen, zumindest für Alvaro Soler scheint das so zu sein. Für „A Contracoriente“ ist der Spanier mit dem Landsmann und Sänger David Bisbal und einem Pärchen unterwegs, und wenn es auch manchmal nach Eifersüchteleien aussieht, ist der Song mit dem klinisch reinen Reggae-Beat so fröhlich, dass es für einen vorderen Platz auf der Liste der Sommerhits reichen könnte.

Kungs ist ein französischer DJ und Musikproduzent mit einem sicheren Händchen für tanzbare Beats und herrlich ironische Videos. Mit „Clap Your Hands“ landet er auf jeden Fall schon mal das witzigste Video dieses Sommers. Zwar wird da ein Atomkrieg ausgelöst, aber das nur, weil der Rhythmus von „Clap Your Hands“ einen alten weißen Mann am Konferenztisch zum Tanzen bringt. Auch im Supermarkt und in der Seniorenkantine sorgt der Song für Stimmung, und so feiert „Clap Your Hands“ vor allem die Kraft der Musik, und das mit einem Humor wie er selten ist im Popgeschäft.

Der Sommerhit des Jahres 2021 war ganz eindeutig „Bad Habits“ von Ed Sheeran. Das ist untypisch, weil da eben nicht schöne Menschen durch die Karibik tanzten, sondern ein Joker mit Vampirzähnen zum Indiepop durch die Nacht streifte. Diesmal ist Ed Sheeran wieder am Start, als Partner von Camila Cabello, und die sorgt in „Bam Bam“ für den typischen Salsa-Drive eines typischen Sommerhits. Die Botschaft des Songs: Du musst einmal öfter aufstehen, als du hingefallen bist. Reicht das für den Sommerhit-Titel? Wir werden sehen.

Eine Du-kannst-es-schaffen-Geschichte im Glitzerfummel des Soul: Das ist „About Damn Time“ der amerikanischen Sängerin Lizzo. Knackiger Bass, rhythmische Gitarren, ein bisschen Synthi-Sounds: Der Song macht einfach gute Laune. Auch wenn er gängigen Sommerhit-Schemata widerspricht: Verdient hätte Lizzo einen Platz ganz weit vorne.

Mallorca-Fans werden nicht müde zu erklären, dass die Insel mehr ist als Ballermann. Für Julian Sommer hingegen mag Malle ohne Ballermann möglich sein, aber es bliebe sinnlos. Deshalb singt er von Besäufnis und dickem Kopf und liefert mit „Dicht im Flieger“ den Soundtrack zur sinnbefreiten Druckbetankung – der La-La-La-Refrain lässt sich auch mit 3,8 Promille noch mitgrölen. Sommerhit des Jahres? Bitte nicht.

Sommer findet nicht nur in Spanien oder in der Karibik statt: Bei Ardian Bujupi kommt ein Schuss Balkan dazu. Warum auch nicht? „Tranova“ führt vor, wie die Luft auch dort flirrt. Nur die Drinks mögen ein bisschen härter sein als der Cocktail an der Strandbar, und Männer, die wie smarte Latin Lover daherkommen, könnten sich als zahnstocherkauende Babos entpuppen. Aber das ist wie mit den Amazonen in Jason Derulos „Akapulco“: No risk, no fun.