Arbeit in Ostfriesland So können Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden
Shadi Hajjo hat es geschafft. Er floh aus Syrien und arbeitet nun in Leer. Er hat viel Hilfe vom Landkreis und freiwilligen Helfern erfahren.
Leer - „Der erste Schritt ist es, die Sprache zu lernen. Sie ist der Schlüssel zu vielen sonst verschlossenen Türen in Deutschland“, sagt Shadi Hajjo. Der Syrer floh vor sieben Jahren aus Syrien nach Rhauderfehn. Seine Familie konnte er nachholen.
Was und warum
Darum geht es: Menschen die vor Krieg nach Deutschland fliehen können durch verschiedene Initiativen und Programme gut integriert werden
Vor allem interessant für: Alle, die sich für das Schicksal von Menschen interessieren, die aus ihrer Heimat fliehen mussten
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, welche Herausforderungen auf Menschen zukommen, die sich in Deutschland neu zurechtfinden müssen Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Heute arbeitet der 47-Jährige als Elektroniker für Informations- und Telekommunikationstechnik bei Sandersfeld Sicherheitstechnik in Leer. Der Weg war lang, aber er hat sich gelohnt. „Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben. Er ist ein sehr versierter Kollege und leistet hervorragende Arbeit. Bei uns ist er ein vollwertig integrierter Techniker“, sagt Jens Boelen, Geschäftsführer bei Sandersfeld.
Eigeninitiative von Hajjo
Der Vorteil, den Hajjo hatte: Er hatte sich schon um einen Integrationskurs gekümmert. „Der ging etwa ein Jahr und beinhaltete jeden Tag fünf Stunden, deutsch zu lernen“, so der Elektroniker. Zudem hatte er in Syrien schon den Beruf erlernt und die Dokumente dabei. „Der Fehntjer Helferkreis hat mir und meiner Familie enorm geholfen. Sie haben mit uns Termine bei der IHK und bei der Handwerkskammer vereinbart“, sagt Hajjo.
Er hatte dann zwei Möglichkeiten: Entweder noch anderthalb Jahre seine Ausbildung vertiefen oder gleich die Abschlussprüfung machen. „Ich wollte nicht wieder zur Schule gehen“, sagt Hajjo und lacht. So hat er bei Sandersfeld als Helfer angefangen und sich so in die Arbeit und die Sprache eingearbeitet. „Wir hatten ein Vorgespräch. Es war schnell klar, dass er weiß, wovon er redet. Das Problem waren teilweise die Begrifflichkeiten“, sagt Boelen.
Doppelte Belastung
„Das war anstrengend. Neben der Arbeit musste ich im Kopf ja alles übersetzen. Abends wollte ich dann nur noch meine Ruhe“, so der Syrer. Der Plan war eigentlich, dass er schon wenige Monate nach seinem Start die Prüfung abschließt. Das hat er sich aber nicht zugetraut. So arbeitete er etwas mehr als ein Jahr als Helfer und wagte sich dann an die Prüfung.
Er erinnert sich noch gut: „Im Umschlag lagen 29 eng beschriebene Seiten. Ich hatte vier Stunden Zeit und dachte, dafür brauche ich aber zwei Tage. Also hab ich die Seiten einfach zurückgelegt“, so Hajjo. Mit etwas Übersetzungshilfe traute er sich aber dann doch. Das Ergebnis: Eine Zwei. Im praktischen Teil sogar eine Eins. Und seitdem arbeitet er wieder in seinem gelernten Job als Elektroniker. Auch seine Familie konnte er 2016 nachholen. „Meine Kinder gehen zur Schule und schreiben gute Noten. Ich bin sehr stolz. Meine Kinder sind heute sogar besser in der deutschen Sprache als ich und haben Freunde gefunden“, so der Familienvater und lächelt.
Hilfsmöglichkeiten beim Landkreis
Auch Kunden würden ihn gut annehmen und es gebe nie Probleme. „Der Schlüssel ist einfach, die Sprache zu lernen“, sagt er. Das ist auch sein Tipp an die Ukrainer, die nun nach Deutschland kommen und hier arbeiten wollen.
Wer als ausländische Fachkraft nach Deutschland kommt, steht vor einigen Herausforderungen. „Die Sprache ist sicher eine enorme Hürde, aber auch die Anerkennung ausländischer Abschlüsse“, erklärt Ilse Varchmin. Sie und Mohammad Royentan Moslih beraten zugewanderte Fachkräfte in den Landkreisen Aurich und Leer sowie der Stadt Emden im beruflichen Anerkennungsverfahren. Die Beratungen können in verschiedenen Sprachen und unabhängig von Aufenthaltsstatus und Nationalität in Anspruch genommen werden. Der Service ist Teil eines Bundesprogramms und daher kostenlos. Er wird über das IQ-Netzwerk koordiniert. Allein in Niedersachsen gibt es 15 Anlaufstellen und Onlineangebote. Varchmin und Moslih bestätigen, dass der Bedarf an Beratungen derzeit steigt. Normal seien zwischen zehn und zwölf Gespräche im Monat. Im April hingegen waren es schon 30 Beratungen, darunter viele für Geflüchtete aus der Ukraine.
Menschen aus der Ukraine sehr zielgerichtet
„Die Menschen aus der Ukraine gehen sehr zielgerichtet ins berufliche Anerkennungsverfahren. Sie wissen, was sie wollen“, so Varchmin. Die Verfahren seien für Berufe des Rechts- und Gesundheitswesens oder für Lehrkräfte und Erzieher aber leider sehr aufwendig. „Das sind reglementierte Berufe. Hier müssen Dokumente von zuständigen Stellen geprüft werden. Das kostet Zeit“, erklärt Michael Kläsener, Amtsleiter des Zentrums für Arbeit beim Landkreis Leer. Diese Hürde wird erschwert, weil die Beschaffung der Dokumente im Ausland oft ein Problem sei. „Viele Unterlagen liegen in Betrieben, die jetzt zerstört sind“, so Varchmin zur aktuellen Situation der ukrainischen Geflüchteten. Kläsener ergänzt: „Die größere Herausforderung ist aber die, dass die zuständigen Stellen eine beglaubigte Übersetzung der Dokumente fordern. Das ist sehr aufwendig“.
Auch ohne berufliche Anerkennung gehen schon jetzt viele Ukrainer einer Arbeit nach. Dabei handele es sich um Jobs, für die sie keine fachliche Qualifikation benötigen, erklärt die IQ-Beraterin. „Manche arbeiten sogar noch in ihrem alten Job. Homeoffice macht sowas möglich“, so der Amtsleiter. Die Strukturen zur beschleunigten Integration in den Arbeitsmarkt sind da. Varchmin: „Wir bitten um Verständnis und Geduld, da die Anerkennungsverfahren gerade für reglementierte Berufe Expertise und Zeit brauchen.“ Bei Lehrkräften dauere es wegen des Spracherwerbs mindestens ein Jahr. „Die Verfahren sind generell kompliziert. Es müssen viele Formalitäten beachtet werden“, sagt Varchmin.