Was Moore für das Klima bedeuten Wiesmoor steht vor einer Herkulesaufgabe
Wiesmoor spielt beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle: Entwässerte Moore verursachen fast sieben Prozent der Treibhausgas-Emissionen. Das Hauptproblem ist aber nicht der Torfabbau.
Aurich/Wiesmoor - Wer den Klimawandel stoppen will, muss die Moore wiedervernässen – eine Herkulesaufgabe. Im Moor sind große Mengen Kohlendioxid (CO2) gespeichert, allerdings nur im nassen Moor. 92 Prozent der Moore in Deutschland sind jedoch entwässert. Durch Entwässerung wird das gespeicherte CO2 wieder freigesetzt. Die Folge: Moore verursachen fast sieben Prozent der gesamten deutschen Treibhausgas-Emissionen. Diese Zahlen nannte Ingo de Vries, Klimaschutzmanager in der Auricher Kreisverwaltung, am Dienstag im Umweltausschuss des Kreistags. Das Moor-Thema ist vor allem in Wiesmoor ein drängendes. Die Wurzeln der Stadt liegen in der industriellen Abtorfung des Moores.
Das Problem ist gar nicht mal so sehr der Torfabbau. Er macht nur ein Prozent der Nutzung aus. Mehr als zwei Drittel der Moorböden werden landwirtschaftlich genutzt: 52 Prozent als Grünland, 19 Prozent als Ackerflächen. Diese Nutzung kann nicht mal eben gestoppt werden. Der Landwirt Ottmar Ilchmann aus Klostermoor (Landkreis Leer) ist Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Er hat den Ausstieg aus der Bewirtschaftung von Moorflächen kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung von der Dimension her mit dem Kohleausstieg verglichen, einer weiteren Herkulesaufgabe.
Mehr als ein Drittel unwiederbringlich verloren
„Wir werden was unternehmen müssen“, sagte das Kreistagsmitglied Edgar Weiss (Freie Wähler) aus Wiesmoor. Seine Fraktion ist der Ansicht, dass sich der Landkreis Aurich für die Unterschutzstellung, Wiedervernässung und Reaktivierung von Mooren einsetzen muss. Früher seien Moore vor allem als Rohstoffquelle betrachtet worden. Heute könne ihre Bedeutung für den Klimaschutz nicht hoch genug eingeschätzt werden. Weiss zog einen Vergleich: Moore machten nur drei Prozent der weltweiten Landfläche aus, speicherten aber doppelt so viel CO2 wie alle Wälder der Erde zusammen.
Die Lage ist teils frustrierend: Mehr als ein Drittel der Hochmoorstandorte in Niedersachsen ist unwiederbringlich verloren. Eine Regeneration ist dort nicht mehr möglich. Auch im Landkreis Aurich sind wesentliche Teile des Hochmoors durch Urbarmachung und Abbau verschwunden. Doch es bleibt immer noch Potenzial für den Klimaschutz: Durch Wiedervernässung lassen sich durchschnittlich 10 bis 35 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr vermeiden. „Die Vernässung von Moorböden stellt eine der effizientesten Klimaschutzmaßnahmen in der deutschen Land- und Forstwirtschaft dar“, so de Vries. 80.000 Hektar Moor in Niedersachsen kämen für eine Wiedervernässung in Betracht. Von den 8165 Hektar Moorfläche im Landkreis Aurich seien knapp 6500 Privateigentum, meist von Landwirten.
1700 Jahre, bis sich das Moor erholt hat
Die Frage ist, wie Landwirte die Böden bei Wiedervernässung weiter nutzen können. „Ein Landwirt, der willens ist zu vernässen, kann kaum bestehen“, sagte de Vries. Sein Kollege Christian Kramer von der Unteren Naturschutzbehörde hofft auf die Europäische Union: „Es ist davon auszugehen, dass umfangreiche Förderprogramme zur Moorsanierung kommen.“
Eines steht fest: Der industrielle Torfabbau spielt auch in Wiesmoor nur noch eine untergeordnete Rolle. 2017 haben Torfabbauer, Politik, Verwaltung und Bürger einen Kompromiss geschlossen, wonach in Marcardsmoor nur noch rund 80 Hektar abgetorft werden dürfen. Das ist im Integrierten Gebietsentwicklungskonzept zur Eindämmung des Torfabbaus festgeschrieben. Doch aus Sicht von Edgar Weiss ist das immer noch zu viel. Er fordert einen Komplettausstieg. Weiss rechnete vor: In einem Jahr wachse ein Millimeter Torf. Wenn man also jetzt 1,70 Meter abbaue, dauere es 1700 Jahre, bis sich das Moor von diesem Eingriff erholt habe.
Angst vor einer Mückenplage
Der AfD-Politiker Jan Looden hat ganz andere Sorgen: Wenn man Moore wiedervernässe, drohten Mückenplagen. Behördenleiter Kramer entgegnete trocken: „Wir haben ja nicht vor, Wohngebiete wiederzuvernässen.“ Auf die Belange der Menschen werde selbstverständlich Rücksicht genommen.
Michael Steven vom Naturschutzbund (Nabu) sieht die Wiedervernässung der Moore als Chance: „Es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen.“ Alternative Bewirtschaftungsformen böten auch neue Chancen für Handwerksbetriebe. Gemeint ist zum Beispiel der Anbau von Röhricht oder Torfmoosen als Torfersatz im Gartenbau. Man könne das Thema auch touristisch nutzen, so Steven. „Es ist ein Wertgewinn für die Gesellschaft.“
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