Osnabrück  Gewinnt Russland den Waffengang im Nachbarland doch?

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 14.06.2022 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In der Defensive: ein Panzer der ukrainischen Armee in der Stadt Sjewjerodonezk. Foto: picture alliance/dpa/AP
In der Defensive: ein Panzer der ukrainischen Armee in der Stadt Sjewjerodonezk. Foto: picture alliance/dpa/AP
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Anfängliche Rückschläge haben die Hoffnung genährt, die russische Armee könne den Krieg in der Ukraine verlieren. Inzwischen verdichten sich Indizien, dass es anders kommen könnte.

Unterliegt der Westen nicht einem Trugschluss, wenn er darauf hofft, Russland werde den Krieg in der Ukraine verlieren? Zumindest in jüngster Zeit scheint die russische Armee beim Kampfgeschehen zwar langsam aber doch kontinuierlich die Oberhand zu gewinnen.

Der Osten des Landes ist nahezu vollständig unter russischer Kontrolle, die Landbrücke zur Krim-Halbinsel steht. Die schwer umkämpften Großstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk - die beiden letzten Städte in der ostukrainischen Region Luhansk, die Russland noch nicht eingenommen hat - sind so gut wie besiegt. Selbst der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eingeräumt, die Kontrolle über rund ein Fünftel des Landes bereits verloren zu haben. Und an eine Rückeroberung ist troz aller anderslautenden Absichten vorerst nicht zu denken.

Noch können sich die ukrainischen Streitkräfte wehren. Doch wie lange werden sie durchhalten? Ohne eine massive Aufrüstung durch schwere Waffen aus dem Westen ist die Widerstandskraft endlich. Ein Mangel an schweren Waffen und Munition erschwert die Lage an der inzwischen mehr als 2400 Kilometer langen Front zunehmend.

Nach Einschätzung der Regierung in Kiew benötigt die Armee zeitnah „1000 Haubitzen vom Kaliber 155 Millimeter, 300 Mehrfachraketenwerfersysteme, 500 Panzer, 2000 gepanzerte Fahrzeuge, 1000 Drohnen“. So formulierte Präsidentenberater Mychajlo Podoljak auf Twitter zum Wochenbeginn gleichsam eine Bestellung. Kiew erwarte dazu vom Treffen der Nato-Verteidigungsminister an diesem Mittwoch in Brüssel eine Entscheidung.

„Die russische Artillerie schiebt einfach einen Vernichtungskorridor vor sich her und zerschießt alles, was da ist. Das ist langsam, aber aus Sicht Moskaus hat man offenbar Zeit“, sagte der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im ZDF.

Die russische Armee stellt sich auf einen Krieg in der Ukraine bis mindestes zum Herbst ein. Die Streitkräfte haben nach Informationen des ukrainischen Militärgeheimdienstes ihre Planung bis Oktober ausgeweitet.

Mit der Einnahme des Donbass im Osten des Landes wäre zumindest ein Kriegsziel Moskaus erreicht, es könnte die Basis für neue Offensiven in der Zukunft sein. Voraussetzung wären aber weitere Mobilisierungsanstrengungen auf russischer Seite, also eine Teilmobilmachung von Vertragssoldaten. Das Alter, bis zu dem Männer in die Armee eintreten können, wurde soeben bereits deutlich heraufgesetzt. Demnach können nun alle Bürger bis 65 Jahre auf Vertragsbasis in den Streitkräften dienen.

Jenseits des Donbass würde die russischen Truppen auf Städte treffen, die schon seit 2014 stark befestigt worden seien, schätzen Militärexperten. Das dürfte einen russischen Vormarsch erschweren. Die Ukraine hofft darauf, dass bis dahin eine höhere Zahl westlicher Waffensysteme im Land angekommen ist, vielleicht auch Lenkflugkörper. Könnte sich das Blatt dann wenden?

“Wir haben es mit einem Akteur zu tun, der wild entschlossen ist, sich erst die Ostukraine und dann die gesamte Ukraine einzuverleiben”, sagte der Militärexperte von der Bundeswehr Universität in München, Carlo Masala, im Gespräch mit unserer Redaktion. Putin werde nach einer Atempause von einigen Wochen oder auch einem Jahr seine Truppen neu aufstellen und weitermachen.

Tatsächlich ist Russland der Ukraine an Waffen und Material deutlich überlegen. Vergleicht man die Militärstärke, zeigt sich eine klare Überlegenheit auf Seiten Russlands. Mitte März betrug die Truppenstärke Russlands mit rund 850 000 aktiven Kräften mehr als das Vierfache der Ukrainischen.

Noch drastischer sieht es bei der Ausstattung mit Militärfahrzeugen wie Panzern, Raketenwerfern oder Kampfflugzeugen aus. Bei den andauernden Gefechten um die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk habe der Gegner eine „zehnfache Feuerüberlegenheit“, so das ukrainische Militär

Wenn die Vorstellung sei, „die Russen militärisch aus der Ukraine zu vertreiben, dann werden sie das nicht schaffen. Das ist undenkbar“, betonte Militärexperte Masala zu anderer Gelegenheit. Dafür habe Russland „viel zu viel Potenzial, das es noch nachschieben könnte“.

Derzeit scheinen die russischen Invasoren den Zeitraum, in dem die Ukraine weiter auf schwere Waffen aus dem Westen wartet, zu nutzen, um so viel Territorium wie möglich einzunehmen. Anschließend könnte man sich „eingraben“, Verstärkung heranzuholen und anschließend zu einer neuen Offensive ansetzen. Dabei setzt der Kreml wohl auch auf eine früher oder später einsetzende Kriegsmüdigkeit bei den westlichen Alliierten der Ukraine.

In Kiew bleibt man trotz aller Rückschläge bei der Devise: „Werden solange kämpfen, bis Russland verliert“. Minimalziel sei dabei weiter ein Rückzug der russischen Truppen auf die Linien vom 23. Februar - einen Tag vor der russischen Invasion.

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