OZ-Serie „Unser Klima“ Was bedeutet Überfischung für das Wattenmeer?
Überfischung ist heutzutage eine immer größer werdende Gefahr. Wattführer Joke Pouliart erklärt, was das für unser Wattenmeer bedeutet und was Verbraucher dagegen tun können.
Ostfriesland - Die Fischerei plündert die Weltmeere. So schreibt es zumindest der WWF. Auch in den Medien wird immer wieder von Überfischung berichtet. Sie gilt als größte Bedrohung für die Tiere und ihren Lebensraum. Laut WWF gelten weltweit 33 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände als überfischt und 60 Prozent als maximal genutzt (Stand: Juli 2018). Vier Fünftel aller Fischbestände müssten demnach eigentlich geschont werden. Trotzdem werden sie weiter intensiv befischt.
Was das für den Verbraucher und Fischliebhaber bedeutet und worauf man im Supermarkt achten sollte, erklärt uns aus seiner Sicht Joke Pouliart, Inhaber des Wattwanderzentrums in Carolinensiel. Pouliart ist selbst Wattführer und thematisiert die Fischerei regelmäßig mit seinen Gästen.
Herr Pouliart, was genau bedeutet eigentlich Überfischung?
Joke Pouliart: Überfischung ist die übermäßige Entnahme von Lebewesen aus ihrem natürlichen Lebensraum; in diesem Fall Fische und „Meeresfrüchte“. Wobei die Bezeichnung Meeresfrüchte schwierig ist, schließlich sind es ja Tiere. Eine Muschel beispielsweise ist keine Frucht, sie ist nach wie vor ein Tier. Überfischung bedeutet die Entnahme dieser Tiere in einem Maße, dass die Reproduktion nicht mehr gewährleistet ist.
Heißt das nun, dass ich keinen Fisch mehr essen darf?
Pouliart: Doch, natürlich darf man Fisch noch essen. Es ist nur die Frage: Welchen Fisch esse ich und wo kommt der her? Man kann sich ein bisschen an einigen Siegeln orientieren, wie beispielsweise dem MSC-Siegel. Wobei dieses in meinen Augen auch nicht immer 100 prozentig nachhaltige Fischereiwirtschaft bedeutet. Einige MSC-Regulierungen werden auch durch den WWF abgelehnt. Welche Fische ich guten Gewissens essen kann, hängt von der Fangmethode ab und in manchen Regionen gehören bestimmte Arten auf die rote Liste.
Welche Arten meinen Sie damit?
Pouliart: Das ist zum Beispiel der Rotbarsch im Nord-Ost- und Nord-West-Atlantik oder der Aal. Die beliebte Schillerlocke ist ein Hai, sollte man also gar nicht mehr essen. Der Aal ist einer der Arten, der ganz stark im Rückgang ist. Aale werden gezüchtet, um sie dann wieder auszusetzen. Das Problem ist also schon erkannt worden und man versucht bereits dem entgegen zu wirken. Da kommt halt die Frage, ob das am Ende ausreicht. Oftmals wird auch Fisch gegessen, der eigentlich noch viel zu jung ist. Wenn man im Restaurant beispielsweise eine Scholle bestellt und die so groß wie der Teller ist, freut sich der Gast. Dabei könnte die Scholle eigentlich doppelt so groß werden. Sie können eine Größe von bis zu 80 Zentimetern erreichen.
Und die werden zu früh gefischt?
Pouliart: Ja. Die Überfischung findet aber nicht hier an der Küste statt, sondern weit draußen im Nordatlantik. Da sind die großen Fischereiflotten unterwegs und fangen die großen Fische weg. Scholle und Seezunge sind Fischarten, die hier herwandern und im Wattenmeer ihre Jungen bekommen. Sie laichen hier ab und schwimmen wieder raus. Der Fang, wenn mit Kiemennetzen, ist hier bei uns kein Problem. Das Wattenmeer ist für den Bestand an Schollen in der Nordsee zu 80 Prozent verantwortlich – weil sie hier geboren werden. Das zeigt auch, wie wichtig der Schutz des Wattenmeeres ist. Es ist die Kinderstube der Nordsee. Der Verbraucher sollte sich daher meiner Meinung nach durchaus Gedanken über Aquakultur machen. Die meisten Forellen kommen klassisch seit vielen Jahren aus einer Aquakultur. Aber auch hier muss man sich fragen: Wie wird diese betrieben? Das Ganze ist etwas in Verruf geraten, zum Beispiel durch viel Einsatz von Medikamenten – vor allem beim Lachs. Aber es gibt eben auch gute Sachen. Es ist genau wie bei der Haltung von Schweinen und Rindern. Ein Fisch in einer gut kontrollierten Aquakultur, die Bioland- oder Naturland-zertifiziert ist, hat vermutlich bessere Lebensbedingungen als ein Fisch in rein kommerzieller Aquakultur. Hier bietet das ASC-Siegel eine Orientierung für Verbraucherinnen und Verbraucher. Was nützt Aquakultur wenn Soja-Futtermittel aus Brasilien eingesetzt werden wie in der intensiven Fleischwirtschaft. Ich selbst esse auch häufig Fisch. Aber ich achte eben darauf, dass ich Fisch aus einer entsprechenden Aquakultur nehme oder Wildfisch aus entsprechenden Gebieten und mit einem schonenden Fanggerät gefischt.
Also sollte der Verbraucher beim Fischkauf vor allem auf die Zertifikate achten?
Pouliart: Immer lieber mit MSC- oder ASC-Zertifikat also ohne. Die Menge an Fisch die durch – man kann schon fast sagen Meerespiraterie – dem Meer entnommen wird, ist die Überfischung. Also die Menge, die man ohne Rücksicht auf Verluste über das Maß den Meeren und Ozeanen entnimmt. Die Siegel bieten da zumindest eine Überwachung der Menge, die dem Meer entnommen wird und eine Vorgabe der tierschonenderen Fangmethode. Es gibt den Fischern bestimmte Kontingente, wie viel Fisch sie entnehmen dürfen. Außerdem gibt es Vorgaben für Netze, die Fluchtklappen haben, damit die jungen Fische entweichen können und der Beifang minimiert wird. Und somit wird auch schonender gefischt. Es ist aber auch da wichtig darauf zu achten, welchen Fisch man konsumiert. Dafür hat zum Beispiel der WWF eine App, die Hinweise darüber gibt, was man essen kann und was man besser lassen sollte.
Sie sagten ja vorhin, dass sie selbst auch viel Fisch essen. Wie viel Fisch ist denn zu viel? Beim Fleisch sagt man ja beispielsweise auch, dass man nicht jeden Tag Fleisch essen sollte.
Pouliart: Das ist auf jeden Fall beim Fisch vergleichbar. Natürlich muss auch eine Aquakultur genauso gepflegt und gewartet werden und hat einen hohen Einsatz an Energie. Wie nachhaltig kann das sein? Ich bin absolut kein Vegetarier. Ich esse gerne Fisch und Fleisch. Aber ich achte eben darauf, wo es her kommt. Man sollte sich einfach bewusst machen, dass das Essen mal ein lebendiges Tier war.
Wie ist denn die Lage bei uns im Wattenmeer oder in der Nordsee? Ist es ähnlich dramatisch wie beispielsweise im Mittelmeer?
Pouliart: Wenn auf hoher See viel gefischt wird, dann kommt entsprechend wenig Fisch zu uns ins Wattenmeer, was ja die Kinderstube der Nordsee ist. Also hier nehmen die Bestände bei der ein oder anderen Art auch ab. Es wandern aber auch Arten aufgrund von Klimaveränderung ein. Diese können dann eine Bedrohung hiesiger Arten bedeuten. Auch Seehunde fressen Fische in der Nordsee und im Wattenmeer. Doch auch er hat den großen Schwund an Fischen nicht zu verantworten. Es gab auch früher schon Seehunde und das Verhältnis zwischen ihnen und anderen Arten war stimmig. Erst durch den Eingriff des Menschen in das Ökosystem und den weltweiten Hunger nach Fisch sind viele Arten wirklich bedroht.
Sie geben auch Wattwanderungen zu diesem Thema und sprechen mit den Menschen über genau diese Konflikte. Wie reagieren Ihre Gäste darauf?
Pouliart: Sie wollen meistens genau diese Fragen beantwortet haben: Wir sind hier an der Nordsee, was kann ich hier essen? Ist es in Ordnung wenn ich Fisch kaufe? Es ist aber schwierig darauf eine Antwort zu geben. Die Stellung der Umweltschutzverbände ist ganz klar: Am Besten ein Fangstopp vieler Arten. Wir dürfen einfach nicht so viel entnehmen und wir müssen darauf achten, wie gefischt wird. Das ist nämlich die nächste Frage. Eine Schleppnetzfischerei mit Grundschleppnetzen, die über den Meeresboden gezogen werden, zerstört den Meeresboden und das, was darauf lebt – auch hier bei uns. Dazu der Eintrag tausender Kunststofffäden durch die Abnutzung der Dollyrobes, ein Scheuerschutz auf der Netzunterseite. Das Wattenmeer ist ein Nationalpark. Grundsätzlich gilt: Natur – Natur sein lassen. Und wenn man es genau nimmt, ist eine Entnahme von Tieren oder Pflanzen aus einem Nationalpark nicht erlaubt. Als der Nationalpark hier 1986 gegründet wurde, hat man der Fischerei die Rechte gegeben, ihren Lebensunterhalt auch weiterhin hier verdienen zu können. Protest und Angst bei Einschränkungen sind ja auch verständlich. Man muss dennoch darauf achten, wie wir Fischerei betreiben und in welchen Mengen wir es machen.
Gibt es sonst noch etwas, was man als Verbraucher tun kann?
Pouliart: Ja, pult eure Garnelen selber, anstatt sie nach Marokko zu bringen. Auf meinen Touren, die ich zum Thema Fischerei mache, hole ich mir beim Kutter ein Pfund Granat und pule mit den Gästen selber, damit der Aufwand selbst erfahren wird. Die Tiere sind unter MSC-Vorgaben nachhaltig gefischt worden. Aber über die weitere Verarbeitung nachdem die Tiere an Bord sind, mag man gar nicht nachdenken. Es kann nicht sein, dass sie aufwendig per Lkw bis nach Marokko und wieder zurück gefahren werden. Trotz des Transportes mit Kraftstoffverbrauch, die Kühlung und Konservierung sowie den Krabbenpulern vor Ort kostet dieser Weg nicht einmal die Hälfte, als wenn hier vor Ort gepult wird. Das Projekt der jungen Frau, die mit einer Maschine Krabben per Ultraschall pulen will, ist daher ein wirklich guter Ansatz. Das macht den Vorgang des Schälens der Nordseekrabben sicherlich viel nachhaltiger und erzielt einen Preis, den der Verbraucher noch gewillt ist zu bezahlen. Ich hoffe, dass wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Veranstaltungen auch mit diesen kritischen Themen erreichen. Ganz nach einer Bildung für nachhaltige Entwicklung und dem weiteren Leitsatz des Nationalparks: Nur was der Mensch kennt, kann er auch schützen.