Bootsbau auf Teufelsinsel  Emder Schulklasse legt Endspurt ein für Stapellauf

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 13.06.2022 17:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Inka Petersen (rechts) hält ein Brett, das Jette Lehnert am Bootsrumpf festschraubt. Foto: Päschel
Inka Petersen (rechts) hält ein Brett, das Jette Lehnert am Bootsrumpf festschraubt. Foto: Päschel
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Auf der Teufelsinsel in Emden nehmen zwei Ruderboote aus Holz Gestalt an. Sie sind das Projekt der Klasse 10c von Christine Brand. Nicht immer läuft alles rund.

Emden - In der Halle riecht es nach Holz und durch die große Fensterwand scheint helles Tageslicht hinein. Auf einer Empore haben sich Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c des Emder Max-Windmüller-Gymnasiums um zwei Gestelle verteilt. Während sie sich mit den Aufgaben des Tages vertraut machen, fällt der Blick hinter ihnen von der Teufelsinsel in den Hafen und auf den großen Bockkran der Nordseewerke. In einem Trockendock liegt ein Schiff auf Kiel. Es ist der passende Hintergrund für das Projekt der Schülergruppe.

Was und warum

Darum geht es: ein besonderes Schulprojekt für handwerklich eher wenig geforderte Emder Gymnasiasten

Vor allem interessant für: Lehrer, Schüler und Pädagogen, die sich für Gruppendynamik begeistern und weniger für Frontalunterricht erwärmen können

Deshalb berichten wir: Wir waren beim Startschuss im November dabei und wollten wissen, welche Erfahrungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die Verantwortlichen des Projekts bisher gesammelt haben.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Seit November kommt sie nun schon Woche für Woche in diesen eher wenig beachteten Teil des Emder Hafens. Dort, auf der sogenannten Teufelsinsel, steht das Herz des Vereins „Arbeitskreis für historischen Schiffbau in Ostfriesland“: eine Halle direkt am Wasser. In einem höher gelegenen Arbeitsbereich warten zwei Ruderboote des Typs Bevin’s Skiff darauf, von den Gymnasiasten fertiggestellt zu werden. Am Ende des laufenden Schuljahres soll der Stapellauf sein. Doch wie bei fast jedem Projekt gerät auch diesmal der Terminplan arg in Bedrängnis. „Vielleicht haben wir am Anfang etwas weit ausgeholt“, sagt Inka Petersen und grinst.

Keiner bekommt Geld für die Arbeit

Die 56-Jährige mit kurzen Haaren und auffällig tätowierter Haut ist die Ideengeberin des Projekts. Zusammen mit dem erfahrenen Schiffsbauingenieur Dieter Gimperlein, der früher auf den Nordseewerken gearbeitet hat, und Joschka Leonhardt leitet sie die Gruppe an. Keiner der drei Projektbetreuer bekommt Geld dafür. Es sei alles ehrenamtlich, sagt Petersen. Lediglich für das Material – pro Boot kommen 1300 Euro zusammen – hätten sie mit der Stadtsparkasse und dem kommunalen Präventionsrat Emden die Unterstützung von Sponsoren.

Die Projektleiterin Inka Petersen steht in der Halle des Arbeitskreises auf der Teufelsinsel. Foto: Päschel
Die Projektleiterin Inka Petersen steht in der Halle des Arbeitskreises auf der Teufelsinsel. Foto: Päschel

Die Schülerinnen und Schüler der 10c seien so etwas wie Versuchskaninchen, so Inka Petersen, die sich selbst als „handwerkliche Erziehungskraft“ für das Experiment bezeichnet. So wie die Organisatoren sind auch die Jugendlichen freiwillig auf der Teufelsinsel. Der Bootsbau, der für die meisten Neuland ist, findet donnerstagnachmittags nach Ende des regulären Unterrichts statt. In dieser Zeit haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den vergangenen Monaten gelernt, wie mit Hilfe von Mathe, Geometrie, Physik, Materialkunde und handwerklichem Geschick ein Boot entsteht.

Scheu vor dem Akkuschrauber verloren

Die Vorkenntnisse innerhalb der Gruppe sind überschaubar. „Sie haben an der Schule kein Werken“, sagt ihre Lehrerin Christine Brand. Auch deswegen begrüßt sie die Möglichkeit dieses außerschulischen Angebots. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen und die Scheu vor Akkuschrauber und Co. verlernen. „Da sehe ich bei den Schülern eine wahnsinnige Entwicklung“, staunt die Lehrerin.

Gruppenarbeit: Gemeinsam legen Schülerinnen und Schüler der 10c von Lehrerin Christine Brand (vorne rechts) Hand an ihr Boot. Foto: Päschel
Gruppenarbeit: Gemeinsam legen Schülerinnen und Schüler der 10c von Lehrerin Christine Brand (vorne rechts) Hand an ihr Boot. Foto: Päschel

Die 15-jährige Sophie Harding sagt über sich selbst, dass sie vorher „noch nicht einmal einen Nagel“ einschlagen konnte. Über das Projekt habe sie mittlerweile Gefallen am Spachteln, Hobeln und Schrauben gefunden. Neben dem Vertrauen in die eigene Kraft habe sie aber auch ein anderes Verständnis von Schiffen bekommen. Sie könne jetzt ganz anders einschätzen, „was das Boot dazu bringt, Gleichgewicht zu haben“, sagt die Schülerin. Ihr Mitschülerin Freya Ulferts stimmt ihr darin zu, dass die Donnerstagsstunden auf der Teufelsinsel wirkungsvoll seien: „Es baut das Selbstbewusstsein auf“, findet sie.

Die Zeit drängt

So sehr ihnen und offenbar auch den meisten anderen Schülerinnen und Schülern das Erreichte gefällt. Aus Sicht der Verantwortlichen gibt es bei einem Nachfolgeprojekt einige Dingen zu verbessern. Am meisten habe ihnen die Zeit zu schaffen gemacht, gesteht Inka Petersen. Statt die Gruppe zu teilen und wechselnd nur alle zwei Wochen anzuleiten, hätten sie zum Ende entschieden, dass jeder und jede idealerweise im Abstand von nur einer Woche kommt. Erschwerend kam hinzu, dass einige in der Pandemie erkrankten oder durch Quarantäne ausgebremst wurden. Unter dem Strich habe in diesem Jahr der Rhythmus im Projekt gefehlt.

Obwohl es in den letzten Wochen des Schuljahres auch deswegen noch einmal knapp wird und zum Beispiel der Anstrich der Boote in die Sommerferien oder das nächste Schuljahr verschoben werden muss, fiebert die Gruppe einem Moment schon jetzt entgegen. Das genaue Datum steht noch nicht fest. Aber sie würden alle mächtig Gas geben, um noch bis zum 13. Juli die Boote das erste Mal zu Wasser zu lassen, versichert ein Junge.

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