Zukunft der Landwirtschaft  Bio in Aurich: Wie die Veganerin zum Schwein kommt

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 13.06.2022 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf dem Hof Sonnenschein werden auch alte Schweinerassen gezüchtet. Foto: Bär
Auf dem Hof Sonnenschein werden auch alte Schweinerassen gezüchtet. Foto: Bär
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Wie läuft das mit der Landwirtschaft? Drei Tage haben zwei Interessierte auf dem Auricher Hof Sonnenschein mitgearbeitet und sich das Leben dort angeschaut.

Aurich - Carolin Lewandowska ernährt sich vegan. Doch jetzt hat sie drei Tage lang auf dem Bioland-Hof Sonnenschein im Südeweg in Aurich mit angepackt – einem ökologisch arbeitenden Familienbetrieb, auf dem Schweine gezüchtet werden. Ein Problem für die 20-jährige Studentin der Umweltwissenschaften in Oldenburg? „Nein“, sagt sie. Obwohl: „Ein bisschen gruselig war es am Anfang schon. Aber ich habe hier einen ausgesprochen positiven Eindruck von der ökologischen Landwirtschaft gewonnen. Es ist toll, wie mit den Tieren umgegangen wird.“ Die artgerechte Haltung der Schweine mit viel Raum auf dem Hof Sonnenschein hat es der Studentin angetan.

Was und warum

Darum geht es: Ein politisches Aktionsbündnis hat Interessierte für drei Tage bundesweit auf Bauernhöfe geschickt. Mit dabei war der Auricher Hof Sonnenschein.

Vor allem interessant für: Aktivisten, Politiker, junge Leute und an der Nahrungsmittelproduktion Interessierte

Deshalb berichten wir: Uns hat interessiert, wie das Aufeinandertreffen gelaufen ist.

Den Autor erreichen Sie unter: o.baer@zgo.de

Lewandowska ist eine von mehr als 70 jungen Interessierten oder politisch Aktiven, die sich im Projekt „Hof mit Zukunft“ mit der Landwirtschaft befasst haben. Das Bündnis für eine neue Agrarpolitik „Wir haben es satt!“ hatte sie bundesweit für ein verlängertes Wochenende auf 25 Höfe verteilt. Nicht zum Urlaub, wie es die in Nürnberg groß gewordene Studentin in ihrer Kindheit in Südtirol erlebt hat, sondern um mitzuarbeiten, zu diskutieren und mit den Bäuerinnen und Bauern gemeinsam Ansätze für eine zukunftsfähige Agrarpolitik zu entwickeln. Der Wunsch einer Agrarwende hin zu einer bäuerlichen Landwirtschaft ist in ihr tief verwurzelt, sagt sie. Zu den Aktivisten zählt sie sich selbst aber nicht.

Im Anzug Stallung ausmisten

Ganz anders ist das bei Thomas Synowietz. Der 44-Jährige, der sich selbst als Politikdarsteller sieht und in dieser Rolle voll aufgeht, ist Vorstandsmitglied im Kreisverband Osnabrück der Partei „die PARTEI“, die für ihren satirischen Ansatz und Umgang mit Politik bekannt ist. „Ich wollte mal selber sehen, wo die Subventionsmilliarden ankommen“, brachte er seine Motivation, im Anzug und mit Krawatte auszumisten, erwartungsgemäß auf den Punkt. „Hier offensichtlich nicht.“

Carolin Lewandowska (links) und Thomas Synowietz (rechts) haben drei Tage lang auf dem Hof von Nadja und Hermann Poppen mitgearbeitet. Foto: Bär
Carolin Lewandowska (links) und Thomas Synowietz (rechts) haben drei Tage lang auf dem Hof von Nadja und Hermann Poppen mitgearbeitet. Foto: Bär

Sein Interesse gelte sowohl den Bauern als auch den Tieren, betonte er. Wie läuft der Wechsel zur Bio-Landwirtschaft? Wie ist das Umfeld der Tiere gestaltet? Was wird den Tieren, die letztlich auf dem Teller landen, gefüttert? Und was kommt am Ende für die Bauern dabei heraus? „5000 Euro für den Grill und ein Euro für das Steak, so geht das nicht“, hat der Politikdarsteller eine klare Position. Die Erfahrungen, die er gemacht hat, will er in der Partei weitergeben.

Die Umstellung war nicht einfach

Das dürfte Nadja und Hermann Poppen, den Besitzern des Bio-Hofes, gefallen. Das teils schiefe Bild der Landwirtschaft gerade zu rücken, ist eines der Anliegen, welches das Landwirtspaar bewogen hat, sich an der Aktion „Hof mit Zukunft“ zu beteiligen. „Wir zeigen offen und ehrlich, wie es bei uns zugeht. Transparenz ist für uns ganz wichtig“, betont Nadja Poppen. „Wir stellen uns immer wieder der Diskussion, auch mit Veganern, solange sie vernünftig geführt wird.“ Die Entscheidung, den Hof auf Bio umzustellen, hat das Paar nicht bereut. Obwohl Bio auch seine Schwierigkeiten habe: „Es ist sicher nicht alles eitel Sonnenschein.“ Die Umstellung sei schwierig gewesen, habe die Landwirte vor viele Herausforderungen gestellt, berichtet Nadja Poppen, während Hermann nickt.

Für Bäuerin Nadja Poppen sind die Tiere mehr als nur Schlachtvieh. Foto: Bär
Für Bäuerin Nadja Poppen sind die Tiere mehr als nur Schlachtvieh. Foto: Bär
„Und kostenintensiv war es auch. Die Schweinezucht ist im Bio-Sektor wohl der teuerste Bereich.“ Anlaufschwierigkeiten mit der neuen Bewirtschaftung hätten sogar die Sauen gehabt, erzählt Nadja Poppen schmunzelnd: „Die haben sich massiv gegen Bio gewehrt. Die waren so an konventionelle Haltung gewöhnt, dass zu Beginn selbst jede Fütterung schwierig war.“ Die Bäuerin sieht den gemeinsamen Hof auf dem richtigen Weg. „Die Arbeit mit den Tieren ist zufriedenstellender als früher. Wir werden zwar nicht reich, aber glücklich.“

Frühes Aufstehen ist auf dem Bioland Hof-Sonnenschein Pflicht. Schließlich müssen mehr als hundert Schweine und mehr als 200 gackernde Freigänger versorgt werden. Daran führte auch für die beiden Besucher kein Weg vorbei. Füttern, Stallungen säubern, Eier einsammeln und danach die Ausreißer wieder einfangen, der Tag auf dem Bauernhof war vollgepackt. Und? Muskelkater? Carolin Lewandowska grinst und nickt, Thomas Synowietz rollt nur mit den Augen. Was bleibt? „So geht es auch“, sagt Stadtkind Lewandowska.

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