Klimaschutz zum Trotz Lassen sich die Torfabbau-Pläne in Marcardsmoor noch verhindern?
Die Torfindustrie will weitere 80 Hektar Fläche in Marcardsmoor abbauen – auch wenn die Bundespolitik für den Ausstieg wirbt. Nun werden die Bürger angehört.
Marcardsmoor - In einer neuen Kampagne bewirbt das Landwirtschaftsministerium die torffreie Zukunft des Gärtnerns. Die Plakate hängen bundesweit in Metropolen und Kleinstädten. Bund und Länder wollen trockengelegte, heute von Landwirten bewirtschaftete Moorflächen wiedervernässen, um Klimaziele zu erreichen. „Mit Torf zu pflanzen ist wie mit Kohle zu heizen“, sagte Minister Cem Özdemir (Grüne) kürzlich. Und: „Moore sind die Superhelden im Kampf gegen die Klimakatastrophe“, sagte Özdemir.“ Denn in Verbindung mit Luft zersetzen Mikroorganismen die trockenen Torfböden, wodurch in großen Mengen gebundene Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan entweichen. „Torffrei? Geht doch“, ist einer von mehreren Slogans, mit denen der Bund dem Torf den Abschied ansagt.
Was und warum
Darum geht es: Das Verfahren um den umstrittenen Torfabbau in Marcardsmoor nimmt einen weiteren Schritt.
Vor allem interessant für: Betroffene, Bürger und an Klimaschutz Interessierte
Deshalb berichten wir: Die Anhörung der Bürger im Verfahren ist am Donnerstag. Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
In einem kleinen Winkel der Republik, am Stadtrand von Wiesmoor, soll dieser Abschied allerdings als gefühlt anachronistischer Akt noch um geschätzte zwei Jahrzehnte verschoben werden. In Marcardsmoor will das örtliche Torfwerk, eine Gemeinschaftstochter der Aurich-Wiesmoor-Torfvertriebs (AWT) GmbH und weiterer Gesellschafter, auf knapp 100 Hektar Fläche zwischen dem Naturschutzgebiet Klinge und der 2. Reihe weitere 80 Hektar abtorfen. Bereits im März hatte der Landkreis Aurich den Abbau durch die AWT auf weiteren fünf Hektar Fläche im „Düvelshorn“ am Schützenweg ebenfalls in Marcardsmoor genehmigt.
Gegner wollen demonstrieren
Das Verfahren um den schon zu Januar beantragten Abbau zieht sich. Ursprünglich waren für kommenden Donnerstag die Bürger und Träger öffentlicher Belange vom Landkreis Aurich als Genehmigungsbehörde eingeladen worden.Man wollte hören, welche Einwände im Planfeststellungsverfahren gegen das Vorhaben geltend gemacht wurden. Die nicht-öffentliche Runde, zu der auch die Stadt Wiesmoor geladen war, sollte nicht-öffentlich tagen. Doch der Landkreis hat den Termin kurzfristig abgesagt: „Die für Donnerstag vorgesehene Erörterung zum Torfabbau in Marcardsmoor muss verlegt werden, da einige Einwender nicht zu dem Termin eingeladen worden sind. Ein Ersatztermin wird in Kürze durchgeführt“, sagte ein Kreis-Sprecher.
Nur noch auf einem sehr kleinen Teil der einst trockengelegten Moorböden wird heute noch aktiv Torf abgebaut – doch dort wird CO2 umso schneller freigesetzt. Die verschärfte Entwässerung der Flächen kann auch umliegende Grundstücke ein Stück weit absacken lassen – was den Widerstand gegen das Vorhaben insbesondere bei Anwohnern der 2. Reihe zusätzlich hat wachsen lassen. 15 Haushalte rund um den Verladeplatz sorgen sich zudem um Lärm und Staubbelastungen. „Das Vorhaben ist völlig aus der Zeit gefallen“, sagt Ratsherr Edgar Weiss (FBW). „Sowas geht einfach nicht mehr. Das konterkariert unsere Klimaschutzbemühungen.“ Ihm zufolge würden mehr als 200.000 Tonnen CO2-Äquivalent durch den Abbau in Marcardsmoor freigesetzt. Er habe immer noch die Hoffnung, das Vorhaben verhindern zu können, sagt Weiss. „Dafür kämpfen wir.“
Torfanteil in Erden soll deutlich sinken
Nachdem die Branche lange Torf als alternativlos im Gartenbau propagiert hatte, schwenken der Zentralverband Gartenbau (ZVG) und der Verband Deutscher Garten-Center (VDG) um: Sie kommen den politischen Forderungen nach, wollen bis Ende 2025 den Anteil von Torfanteil in Blumenerden für Privatkunden auf maximal 30 Prozent und bis 2030 auf zehn Prozent verringern – für professionelle Gartenbaubetriebe parallel auf 50 Prozent bis 2025 und auf 30 Prozent bis 2030. Dass das langjährige Credo der Torfindustrie widerlegbar ist, zeigte auch: Vor drei Jahren war eine torffreie Erde sogar Testsieger bei Stiftung Warentest und ließ die torfhaltige Konkurrenz hinter sich.
Gunnar Koch (Ramsloh), langjähriger Chef der Deutschen Torfgesellschaft, sagte kürzlich: „Auch wir müssen unsere Hausaufgaben machen und uns dem Wandel stellen.“ Es sei bei allem „eine spannende Zeit und eine riesige Herausforderung die vielen Millionen Kubikmeter, die benötigt werden, torffrei zu ersetzen“. Im Karriere-Netzwerk Linked.in ist das Motto im Profil von AWT-Chef Frank Tamminga indes „All you need is peat“ (Alles, was du brauchst, ist Torf). Statt in Deutschland torfen hiesige Betriebe auch Moore im Baltikum ab. Für zehn Millionen Euro lässt das emsländische Unternehmen Klasmann-Deilmann, das auch im Baltikum Tochterfirmen hat, in Papenburg eine Substrat-Produktionsanlage bauen, in der mutmaßlich im Rahmen des Erlaubten weiterhin auch Import-Torf verarbeitet werden soll.
Zweifel daran, dass der Entscheid noch kippt
Daran, dass das Ansinnen noch verhindert werden kann, gibt es indes Zweifel. Zum einen: Die Ankündigung der Politik, den Torfabbau zu stoppen, ist bislang nur Absichtserklärung. Nikolai Neumayer, Sprecher des Kreises Aurich hatte auf Nachfrage erklärt: „Wir haben uns ja an geltendes Recht zu halten. Damit sind die aktuellen Abbauanträge konform und danach wurden sie gestellt. Absichtserklärungen wie die jetzigen Zielvereinbarungen von Bund und Ländern können für uns ja erst dann greifen, wenn sie auch in Gesetze und Verordnungen gegossen sind und gelten.“ Das ist noch nicht passiert.
Zudem: Die Abbaufläche ist Teil eines Kompromisspapiers, auf das sich Torfabbauer, Vertreter der Stadt, des Landes und die Bürger in Marcardsmoor nach jahrelangem Streit im Jahr 2016 verständigt hatten. Integriertes Gebiets-Entwicklungs-Konzept, kurz: IGEK, nennt sich die Abmachung, die in Hannover geschlossen und daraufhin in Landesrecht gegossen worden ist. Zuvor waren noch rund 800 Hektar Fläche von der seinerzeit schwarz-gelben Landesregierung als Vorranggebiet für den Torfabbau im Landesraumordnungsprogramm ausgewiesen gewesen. Verwaltung wie auch Teile der Bewohner Marcardsmoor haben seitdem immer wieder die Sorge geäußert, dass bei einem Scheitern des jetzigen Verfahrens, die Torfabbauer den Rechtsweg gehen und sich möglicherweise sogar den Zugriff auf die ausgesparten, weit größeren Flächen erklagen könnten. Auch Schadenersatzklagen wären zu erwarten: Die Flächen für den Abbau hat die Industrie seit Jahren gekauft. AWT-Chef Tamminga sagte schon im Herbst: „Wir gehen davon aus, dass die jetzige Absichtserklärung keinen Einfluss auf die aktuellen Anträge entfalten wird.“
Ausschuss tagt zum Moorschutz
Schon an diesem Dienstag wird sich zudem der Ausschuss für Raumordnung, Umwelt und Klimaschutz des Auricher Kreistags mit dem Thema Moorschutz befassen. Edgar Weiss als Mitglied der Freien Wählergemeinschaft hat einen entsprechenden Antrag eingebracht. Die Gruppe erwartet „von der Kreisverwaltung grundlegende Informationen zur Unterschutzstellung, Wiedervernässung und Reaktivierung der Moore sowie Vorschläge über Förderungen sowie Hinweise von Entschädigungen betroffener Landeigentümer“.
Zusätzlich möchte man grundlegende Daten über Zustand, Nutzung, Schutzstatus und Größen von Moorflächen im Kreis erhalten. Am Ende eines womöglich länger währenden Beratungsprozesses „sollte dann ein Grundsatzbeschluss zum Thema Moore und Klimaschutz im Landkreis Aurich stehen“, so der Antrag.