Nübel / Lübeck Lederschuhe statt Gummistiefel: Ist Jörg Struve der Bauer der Zukunft?
Überall wird über die Landwirtschaft der Zukunft der Zukunft diskutiert. Jörg Struve lebt sie schon heute. Dass er Bauer ist, sieht man ihm nicht an.
Wenn der Chef kommt, wird es laut. Kaum streckt Jörg Struve seinen Arm in die Richtung seiner Schweine fangen die stimmgewaltig an zu grunzen. „Ich bin jeden Morgen im Stall“, sagt der 42-jährige Landwirt aus Nübel (Kreis Schleswig-Flensburg), dem man gerade nicht ansieht, was er beruflich macht. Mit glatt gezogenem Scheitel, Lederschuhen, beiger Hose, Designerhemd und -jacke sieht er eher aus wie ein Manager. Und in gewisser Weise ist Struve das auch, denn er steht selbst ein bisschen für den Wandel der Landwirtschaft, über den die rund 1000 Bauern in dieser Woche auf dem Deutschen Bauerntag in Lübeck diskutieren.
Dort wird auch Jörg Struve sein – als „Zukunftsbauer“. Denn er ist unter der Ägide des Vizepräsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Werner Schwarz, der einzige Schleswig-Holsteiner unter den 18 Mitgliedern des Arbeitskreises „Zukunftsbauern“. Die wollen am Mittwoch auf dem Deutschen Bauerntag ihre neue Strategie präsentieren, die sie im vergangenen halben Jahr entwickelt haben. „Wir haben ganz unterschiedliche Kollegen aus allen Teilen Deutschlands, die auch alle unterschiedliche Betriebe bewirtschaften“, sagt Struve. Aus dieser Vielfalt heraus wollen sie Konzepte entwickeln wie Bauern in allen Regionen Deutschlands eine Perspektive bekommen können. „Ich hoffe, dass nicht nur wir so denken, sondern dass der Bauerntag unserer Arbeitsgruppe das Mandat gibt, um weiter zu machen.“
Denn die Landwirtschaft steht vor enormen Herausforderungen. Viele Menschen kritisieren die Landwirte, weil die angeblich Tiere schlecht behandeln, zu viel düngen und die Artenvielfalt durch Monokulturen gefährden. Dazu wird der wirtschaftliche Druck immer größer, das Höfesterben ist ungebrochen. Gerade Schweinehalter wie Struve leiden unter schlechten Preisen: Von 2011 bis 2021 Jahren ist die Zahl der Höfe mit Schweinehaltung um 42 Prozent auf nur noch gut 1000 in Schleswig-Holstein gesunken. Aktuell dürften es noch weniger sein. Die Zahl der Betriebe, die Sauen halten, nimmt laut Bauernverband noch deutlicher ab: Dort sei die Zahl der Höfe in Schleswig-Holstein mit 180 bis 190 erstmals unter 200 gesunken. Noch vor einem halben Jahr seien es um die 250 gewesen. Und dennoch sagt Struve: „Mir macht der Beruf Spaß.“
Er glaubt fest daran, dass das auch bei Berufskollegen möglich ist, die vielleicht gerade frustriert sind. Er will ihnen mit den anderen Zukunftsbauern Mut machen. Auf drei Säulen beruht deren Konzept: Selbstverständnis, Rollenverständnis, Kommunikation. Diese Schlagwörter wiederholt Struve gern als er in seinem schicken modernen Büro erzählt, wie die Bauern einen Imagewandel hinbekommen könnten. „Wir werden oft als Problemverursacher gesehen, dabei wollen wir die Probleme lösen.“ Es gehe nicht darum, dass Bauern viel falsch gemacht hätten – ein Satz der vielen Landwirten gefallen wird. Aber Struve sagt auch einen, der vielleicht nicht jedem Bauern gefallen wird: „Wir müssen zurück in die Mitte der Gesellschaft.“
Denn die Landwirte hätten die Kundenbindung verloren. „Wir Bauern haben in der Vergangenheit Nahrungsmittel produziert, aber die nur irgendwo abgeliefert, wo die Kunden sie dann gekauft haben. Uns war oft gar nicht mehr klar, was der Kunde wollte.“ Deswegen müsse der Landwirt der Zukunft mehr zum Dienstleister werden – und das könnten auch die meisten. „Die Landwirte haben sich immer angepasst. Wir haben doch heute eine viel bessere Tierhaltung als noch vor einigen Jahrzehnten. Wir müssen uns aber klar machen, dass das vielen Menschen nicht reicht. Und deswegen müssen wir mit denen das Gespräch suchen – und nicht alles verurteilen, was Kritiker uns vorhalten.“ Nur so könne der Landwirt aus seiner „eigenen Opferrolle“ herauskommen.
Struve weiß, dass manche Bauern längst die Nase voll haben, von ständigen neuen Anforderungen, die an sie gestellt werden. Und dass es immer noch keine klaren Definitionen von Tierwohl gibt – und deswegen viele Landwirte mit Investitionen zögern, weil sie nicht wissen, ob ein artgerechter Stall das laut Gesetz auch noch in zehn Jahren sein wird.
Und er weiß auch, dass viele Landwirte sich nicht zu sehr in ihre Produktionsweisen hineinreden lassen wollen und sich als Ernährer der Gesellschaft sehen. „Das sind wir ja auch, aber eben nicht mehr nur“, sagt Struve. „Denn der moderne Landwirt kann eben auch ein Naturschutz-Unternehmer sein.“ Artenvielfalt, Gewässer-, Natur- und Klimaschutz – das seien alles Themen, mit denen sich die Landwirte beschäftigten. „Und wenn solche Gemeinwohlaufgaben ordentlich honoriert werden, sind wir doch mit dabei.“
Doch dafür müsste sich nicht nur in den Köpfen der Landwirte etwas ändern, sie müssten auch auch klarer kommunizieren, warum sie wie wirtschaften. Nur dann könne das Verständnis in der Gesellschaft für den Berufszweig wieder wachsen.
Dass das ein langer Weg ist, weiß auch Struve. „Aber irgendwann müssen wir ihn ja gehen“, sagt er und will dazu seinen Beitrag leisten – etwa in dem er die schleswig-holsteinischen Kreisbauernverbände besucht und für den Wandel wirbt. Und er ist zuversichtlich, dass er in den nächsten Monaten und Jahren eine Veränderungsprozess mit einleiten kann. Der neue Geist müsse verbreitet werden wie der olympische Fackellauf, von einem Ort zum andern. „Mir ist klar, dass nicht alle alles mitmachen werden“, sagt Struve. „Aber ich denke, dass jeder etwas in unseren Vorschlägen finden wird, das auf sein Betriebskonzept und seine Region passen wird.“
Denn die Landwirte seien schon immer wandlungsfähig gewesen, wie das jeder Unternehmer eben sein müsse. Sein Vater habe seinen breit aufgestellten Betrieb auf die Schweinhaltung spezialisiert. Er setze jetzt mit Biogasanlage und Photovoltaik auch wieder auf andere Geschäftszweige, sagt Jörg Struve. Sein Vater habe die Schweinehaltung von Stroh auf Spalten umgestellt, weil das damals der neue Standard gewesen sei. „Ich bringe jetzt die Schweine wieder von den Spalten aufs Stroh“, sagt Jörg Struve, der mit einem großen Lebensmittelhändler aus Norddeutschland das Konzept „Strohschwein“ entwickelt hat. Die leben in der Haltungsform 3, also eine Kategorie unter Bio-Standard. 600.000 Euro hat Struve für den Um- und Neubau von Ställen investiert, fünf Jahre läuft der Vertrag mit dem Konzern. Danach habe sich die Investition natürlich noch nicht amortisiert, sagt Struve, aber er glaubt an das Projekt. „Und dafür bin ich bereit, ein gewisses unternehmerisches Risiko einzugehen.“
Denn eines ist für den „Zukunftsbauern“ auch klar: Er möchte seinen Hof, den er in der fünften Generation, an zumindest eines seiner vier Kinder weitergeben. Und das geht eben nur, wenn die genauso viel Spaß an dem Beruf haben wie ihr Vater. Und wer weiß? Vielleicht sind die Schweine bei ihnen ja genauso aufgeregt, wenn der Juniorchef oder die -chefin kommt.