Paraguay  Impfgegner in Paraguay: Warum die vermissten Kinder den ganzen Kontinent elektrisierten

Tobias Käufer
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Von Tobias Käufer
| 10.06.2022 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Foto: DANIEL DUARTE
Foto: DANIEL DUARTE
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Ein deutsches Paar taucht mit zwei Töchtern in Paraguay unter. Die Menschen vor Ort verfolgen das Schicksal der Kinder irritiert.

„Deutsche Mädchen nach Tagen der Suche aufgetaucht. Das Wiedersehen hat in der Provinz Itapua stattgefunden“, schreibt die paraguayische Tageszeitung „ABC“. Damit ist ein Fall zu Ende gegangen, der nicht nur in Deutschland hohe Wellen geschlagen hat, sondern auch in Paraguay wie in ganz Lateinamerika.

Denn er steht stellvertretend für die Auswanderungswelle Dutzender, vielleicht sogar Hunderter deutscher Impfgegner nach Paraguay, die mit großem lokalen wie internationalen Interesse verfolgt wurde - begleitet von der Frage: Warum gehen Deutsche ein solches Risiko ein?

Zwei nach Paraguay ausgewanderten Eltern, der Vater des einen Mädchens und die Mutter des anderen Mädchens, sind in zweiter Ehe verheiratet – und waren im November vergangenen Jahres mit den Kindern nach Paraguay ausgereist. Und zwar ohne die Zustimmung ihrer Ex-Partner. Laut lokalen Medienberichten wollten sie verhindern, dass die Kinder gegen das Coronavirus geimpft werden. Gegen das Paar lag nach Angaben der paraguayischen Staatsanwaltschaft ein über die internationale Polizeibehörde Interpol verbreiteter Haftbefehl vor. Am Ende wurde der Druck zu groß, die Eltern stellten sich, übergaben die Mädchen, die nun auf dem Weg nach Hause sind. In eine deutlich sicherere Zukunft.

Die mutmaßliche Kindesentziehung berührte die Menschen nicht nur in Paraguay, sondern auch in Argentinien, Kolumbien und Mexiko. Vielleicht liegt es daran, dass Migration in dieser Region ein großes Thema ist. Aber normalerweise geht es von diesem Teil der Welt in den Norden, in Richtung USA oder Europa. Die Deutschen aber legten die umgekehrte Route ein, in Richtung Südamerika. Die Tageszeitung „Ultima Hora“ hatte eigenes unter dem Namen „Deutsche Mädchen“ einen Ticker eingerichtet, unter dem die Leser die neuesten Entwicklungen abrufen konnten. Nahezu alle lateinamerikanischen Medien berichten über den Fall.

Kaum ein Tag, an dem in Paraguay nicht neue Nachrichten die Runde machen. Wahrscheinlich war es dieser öffentliche Druck, der das untergetauchte Paar am Ende dazu bewegte, Kontakt zu den Anwälten der Ex-Partner aufzunehmen. „In den vergangenen Tagen gab es mehrere Telefongespräche“, teilten die Anwälte in dieser Woche mit. „Wir suchen nach einer Lösung, um die Kindesentziehung zu beenden.“ Am Donnerstag war es dann so weit: Die Kinder wurden ihren wartenden Elternteilen übergeben, das Drama hat ein glückliches Ende genommen.

Die jüngste Entwicklung hing wohl auch damit zusammen, dass das nach Paraguay ausgewanderte Paar in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist. Wie für einige der Impfgegner, die relativ kurzfristig nach Paraguay geflohen sind, stellt sich die Situation nicht so einfach da wie erwartet – und vielleicht von dem ein oder anderen guten bezahlten Auswanderungsberater versprochen und in Aussicht gestellt. In Lateinamerika werden Leute, die Ausreisen mit bisweilen dubiosen Versprechen organisieren, Schlepper genannt.

Es gibt Fälle, da wurde kompletten Familien – offenbar sehr schlecht beratenen – am Flughafen der Hauptstadt Asuncion die Einreise verweigert, eben weil sie nicht geimpft waren und sich in der Zwischenzeit die Gesetze geändert hatten. Die bisweilen schwierigen Lebensumstände in einem fremden Land führen dann zu großen Enttäuschungen: „Sie sind in eine Situation geraten, in die sie nicht hineinwollten“, wird ein Anwalt zitiert. „Wir suchen nach einer Lösung, die die Rechte aller Parteien wahrt und vor allem den Interessen der Kinder Rechnung trägt.“ Die fruchtbaren Gespräche hätten unter anderem dazu geführt, dass die Mutter des einen und der Vater des anderen Mädchens mit ihren Kindern hätte telefonieren können. 

Ein Großteil der Menschen in Paraguay wie auch in Lateinamerika kann ohnehin nicht verstehen, warum deutsche Impfgegner ihre ökonomisch wie politisch vergleichsweise sichere Heimat verlassen und sich auf ein unkalkulierbares Risiko in Paraguay einlassen. Dort sind die Einnahmequellen überschaubar, die Kosten allerdings trotzdem hoch. Vor allem dann, wenn die Ersparnisse irgendwann aufgebraucht sind.

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