Ostfriese im neuen PEN-Club  „Es ist eine Aufbruchstimmung da“

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 10.06.2022 19:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eva Menasse und Deniz Yücel, beide Sprecher von PEN Berlin, freuen sich im Literaturhaus Berlin bei der Gründungsveranstaltung von PEN Berlin über ihre Wahl als Sprecher. Foto: Soeder/dpa
Eva Menasse und Deniz Yücel, beide Sprecher von PEN Berlin, freuen sich im Literaturhaus Berlin bei der Gründungsveranstaltung von PEN Berlin über ihre Wahl als Sprecher. Foto: Soeder/dpa
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Der gebürtige Leeraner Jan Brandt ist Teil der neuen deutschen Schriftstellervereinigung. Warum daran auch „alte weiße Männer“ schuld sind, erzählt der Autor im Interview.

Berlin/Leer - Manchmal wird man einfach mit einem Knall aus der eigenen Passivität gerissen. So erging es auch Jan Brandt. Der aus Ostfriesland stammende Autor war lange als „Karteileiche“ wie er selbst sagt, Mitglied im deutschen PEN-Zentrum Darmstadt. Doch nach den lautstarken Querelen bei der Versammlung der Schriftstellervereinigung – PEN steht für Poets, Essayists, Novelists – entschloss sich Brandt, aktiver zu werden. Und das bedeutet auch, eine Kündigung zu schreiben – und sich dem neuen PEN Berlin anzuschließen.

Am Freitag war die Gründungsversammlung. Rund 150 Mitglieder – darunter auch Jan Brandt – wählten den Journalisten Deniz Yücel und die Schriftstellerin Eva Menasse („Dunkelblum“) an die Spitze des Verbandes. Der in Großbritannien inhaftierte Wikileaksgründer Julian Assange wurde Ehrenmitglied.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt Jan Brandt, der seit Jahren auch selbst in Berlin lebt, warum auch er den „alten“ PEN verlassen und sich der neuen Vereinigung angeschlossen hat. Einer der Gründe dafür sind „alte weiße Männer“ und eine „toxische Atmosphäre“.

Frage: Herr Brandt, Sie kommen gerade von der Gründungsversammlung des PEN Berlin. Wie war die Stimmung?

Antwort Jan Brandt: Sehr gut, freundlich kollegial, respektvoll. Es ist eine Aufbruchstimmung da und eine Einhelligkeit. Wir fühlen uns – ganz im Sinne der PEN-Charta – der Freiheit des Wortes, der Verteidigung der Menschenrechte und der Literatur ohne Landesgrenzen verpflichtet. Und es gilt die verfolgten, unterdrückten, mundtotgemachten oder inhaftierten Schriftsteller und Schriftstellerinnen in aller Welt zu unterstützen und sie gegebenenfalls auch aus ihren Ländern raus zu holen. Und da haben wir heute schon den ersten Akt vollzogen: Gerade ist eine Delegation zum Flughafen gefahren und hat den von der russischen Justiz zur Fahndung ausgeschriebenen russischen Autor Dmitry Glukhovsky abgeholt, der jetzt hier ins Exil geht.

Frage: Der neue PEN trägt den Namen Berlin. Warum?

Antwort: Berlin meint jetzt nicht die Stadt und ist auch nicht als geografische Bezeichnung wichtig. Sondern Berlin steht eher für eine Weltoffenheit und Vielsprachigkeit, für Toleranz. Die Stadt Berlin hat ja auch eine lange Tradition, in der jeder willkommen geheißen wird. Und jetzt ist hier die erste Anlaufstelle für die Geflüchteten aus der Ukraine und Russland.

Frage: Warum haben Sie sich dieser neuen Vereinigung angeschlossen und sind nicht im PEN-Zentrum Darmstadt geblieben?

Antwort: Ich bin seit 2016 im alten PEN gewesen. Ich war stilles Mitglied, habe meine Beiträge gezahlt und mich sonst gar nicht weiter so darum gekümmert oder an den Tagungen teilgenommen. Ich habe gedacht, die machen beim PEN bestimmt gute Arbeit, das ist ja alles institutionalisiert und strukturiert. Ich habe dann aber immer mal wieder von befreundeten Autoren und Autorinnen gehört, dass da irgendwas nicht stimmt. Je mehr man sich in diesem alten PEN engagiert, desto stärker wird das Gefühl, nicht dahinzugehören. Mein Eindruck bei der letzten Tagung in Gotha war – der ersten, an der ich per Zoom teilgenommen habe –, es geht mehr um Vereinsmeierei, um Selbstdarstellung – ich bekam so Schrebergartengefühle.

Frage: Und dann hat es auf der Tagung des PEN-Zentrums in Gotha richtig gekracht. Am Ende schmiss Präsident Deniz Yücel seinen Posten hin, mit den Worten: „Ich will keine Galionsfigur für diese Bratwurstbude sein.“ Wie kam es aus Ihrer Sicht zu diesem Knall?

Antwort: Schon im Vorfeld gab es massive E-Mail-Verteiler, in denen Deniz Yücel angegriffen wurde. Es waren endlos lange E-Mails, eine Flut. Absender war eine Gruppe von – man muss es einfach so sagen – älterer weißer Männer. Und ab der ersten Minute dieser Tagung war für mich klar, auf welcher Seite ich zu stehen hatte – das war die Seite von Deniz Yücel. Ich kannte ihn persönlich gar nicht. Aber er wurde von Anfang an daran gehindert, überhaupt die Tagung zu eröffnen. Es haben sich sofort andere Männer in den Vordergrund gespielt – mit Zwischenrufen und Beleidigungen. Sie drohten lautstark mit Schadenersatzklagen, weil die Tagung, mitorganisiert von Yücel, angeblich nicht ordnungsgemäß sei. Ich hatte den Eindruck, sie wollten verhindern, dass die Tagung in dieser neuen hybriden Form stattfindet. Das ging über Stunden so. Es war, wie wenn man einen Autounfall beobachtet – es ist schrecklich, aber man kann auch nicht wegsehen. Es war so zum Fremdschämen.

Frage: Wer waren denn diese „alten weißen Männer“? Yücel sprach von „Wichtigtuern und Selbstdarstellern“.

Antwort: Die Protagonisten waren nur Leute, die kaum jemand kennt. Ich musste die alle googlen – und fand ellenlange Einträge bei Wikipedia, die so wirkten, als wären sie von den Autoren selbst verfasst worden. Die haben sich selbst eine Bedeutung geschaffen, wohl auch über den PEN, aber keine literarische Relevanz. Ich glaube, deswegen waren auch so viele zugeschaltete Mitglieder geschockt. Das ist so einer international herausragenden Vereinigung wie dem PEN einfach nicht angemessen.

Frage: Hat der alte PEN eine Chance, sich zu reformieren?

Antwort: Ich sehe nicht, wie das passieren könnte, ohne einen totalen Bruch herbeizuführen. Die Strukturen sind zu eingefahren. Der PEN hat über 700 Mitglieder – und ich kenne die wenigsten davon. Das ist schon seltsam, ich bewege mich ja schon seit 25 Jahren im Literatur-Milieu. Überregional spielen die keine große Rolle – und das tut dem PEN nicht gut. Ich glaube nicht, dass der alte PEN diese Provinzialität so einfach abschütteln kann.

Frage: Können Sie dem Streit innerhalb des PEN-Zentrums auch was Gutes abgewinnen?

Antwort: Immerhin ist der PEN jetzt in aller Munde – eine Institution, die ja vorher nicht jeder kannte. Ich war da ja bisher auch nur so eine Karteileiche. Aber das geht jetzt nicht mehr, das will ich auch nicht mehr. Deswegen bin ich heute ins Literaturhaus gegangen. Um dabei zu sein.

Frage: Wie geht es jetzt mit dem PEN Berlin weiter?

Antwort: Das war jetzt ja erstmal die Gründung, im November gibt es die erste Mitgliederversammlung. Und wie Deniz Yücel sagt: Dann wird richtig gefeiert.

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