Rechterfeld  Wiesenhof: Muss bald kein Hähnchen mehr für Fleisch sterben?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 11.06.2022 01:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Fleisch aus dem 3D-Drucker: Peter Wesjohann, Chef der PHW-Gruppe, kann sich gut vorstellen, eine solche Produktion in Deutschland aufzubauen. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
Fleisch aus dem 3D-Drucker: Peter Wesjohann, Chef der PHW-Gruppe, kann sich gut vorstellen, eine solche Produktion in Deutschland aufzubauen. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
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Kommt das Hähnchenfleisch bald aus dem 3D-Drucker statt dem Schlachthof? Für Peter Wesjohann, Chef des Wiesenhof-Mutterkonzerns PHW, ist das „absolut denkbar”. Das Unternehmen aus der niedersächsischen Provinz will hier Pionier sein wie einst bei fleischlosen Burgern von „Beyond Meat“.

Die Paul-Wesjohann-Straße schlängelt sich ein ganzes Stück durch die Landschaft des Landkreises Vechta. Acker schließt sich an Acker an, dazwischen manchmal ein Stall. Dann einmal scharf links, einmal scharf rechts und wie aus dem Nichts taucht der Verwaltungssitz von Deutschlands größtem Geflügelfleisch-Produzenten auf: der PHW-Gruppe, bekannt vor allem für die Marke Wiesenhof. PHW ist ein milliardenschwerer Konzern mit Wurzeln genau hier in der Bauernschaft Rechterfeld, einem Ortsteil der Gemeinde Visbek.

Das Verwaltungsgebäude im niedersächsischen Nirgendwo kommt denkbar unspektakulär daher. Vom äußeren Anschein her könnte dieses Unternehmen alles mögliche verkaufen. Versicherungen vielleicht, oder Staubsauger. Das Kerngeschäft aber ist Hähnchenfleisch und das seit drei Generationen. Niemand schlachtet und verkauft in Deutschland so viele Hähnchen wie die PHW-Gruppe.

Die Straße zum Verwaltungssitz trägt den Namen des Firmengründers. Die Initialen der heutigen Gruppe stehen für dessen Sohn: Paul-Heinz Wesjohann. Mittlerweile leitet wiederum dessen Sohn Peter Wesjohann als Vorstandsvorsitzender die Geschicke.

Es sind schwierige Wochen und Monate für den 52-Jährigen und sein Unternehmen. Erst die Corona-Pandemie mit Schlachthof-Schließungen und Preissteigerungen auf Produzentenseite. Dann der Ukraine-Krieg, der diese Situation noch einmal verschärft hat.

„Kritisch, aber nicht existenzbedrohend”, fasst Wesjohann die Lage zusammen. Er hat zum Gespräch in die Konzernzentrale geladen, um über Dinge zu sprechen, die so futuristisch sind, dass sie nicht ganz zum bodenständigen Image eines niedersächsischen Familienunternehmens passen wollen.

Wesjohann kommt in Begleitung von Marcus Keitzer. Der trägt den Titel „Vorstand Alternative Proteinquellen”, was übersetzt so viel heißt wie: Keitzer kümmert sich um all die Geschäftsfelder des Konzerns, in denen das Töten von Tieren keine Rolle spielt.

2018 gelang der PHW-Gruppe in diesem Segment ein ziemlicher PR-Coup. Die Niedersachsen sicherten sich die exklusiven Vertriebsrechte für Fleischlos-Burger des US-Startups „Beyond Meat” in Deutschland. „Beyond Meat” war zu diesem Zeitpunkt Vorreiter einer Welle von Produkten, die wie Fleisch aussehen und fast so schmecken, tatsächlich aber rein pflanzlich sind.

Der Hype um die US-Amerikaner katapultierte deren Aktienkurs in ungeahnte Höhen, umso härter jetzt der Aufprall. Das Unternehmen steckt in wirtschaftlichen Problemen, schafft es offenbar nicht, Profit aus seinen Produkten und dem anfänglich guten Image zu schlagen. Und die Zahl der Konkurrenten ist mittlerweile auf unüberschaubare Maße angewachsen. Alle wollen mit Fleischersatz Geld verdienen.

Diese Statista-Grafik zeigt, wie hart umkämpft der Markt allein in Deutschland mittlerweile ist:

Still und heimlich haben die PHW-Gruppe und die US-Amerikaner ihre Vertriebskooperation beendet. Details will Wesjohann nicht nennen, nur so viel ist ihm zu entlocken: „Wir bereuen die Geschäftsbeziehung auf keinen Fall. Das war ein wichtiger Meilenstein für den Markt der pflanzlichen Fleischersatzprodukte, aber auch für uns selbst. „Beyond Meat” hat in Deutschland den Boden bereitet für solche Produkte.”

Folglich hält auch PHW an dem Geschäftsfeld fest, produziert Ware für Handelsmarken oder unter der eigenen Marke „Green Legend”. Den Umsatz mit Fleischlosprodukten beziffert Wesjohann mit 22 bis 25 Millionen Euro, bis 2025 soll er auf mindestens 65 Millionen Euro gesteigert werden. „Das ist aber konservativ geschätzt”, sagt der Vorstandsvorsitzende. „Der Markt wächst und unsere Produkte kommen gut an. Ich habe die Hoffnung, dass da noch mehr geht.”

Das Ende der Wurststulle sieht er aber noch lange nicht gekommen und verweist darauf, dass der Umsatz mit Fleischprodukten etwa 80-mal so groß ist wie mit Fleischersatz: „Ich möchte es so sagen: Fleischersatzprodukte werden in immer mehr Haushalten zur Normalität werden, aber es bleibt trotz des Hypes eine Nische.“

Die PHW-Gruppe ist längst im nächsten Geschäftsfeld tätig: dem sogenannten Cultivated Meat. Manche sprechen auch von Laborfleisch. Für die Produktion muss kein Tier mehr sterben. Aus Zellen wird Fleisch quasi in der Petrischale gezüchtet. Vor einigen Jahren wurde der erste Burger aus der Petrischale serviert, Kostenpunkt: zigtausende Euro.

Die Entwicklungen sind seitdem fortgeschritten und eine Markteinführung in diesem Jahrzehnt realistisch. PHW hat sich an dem israelischen Startup Supermeat - zu Deutsch: Superfleisch - beteiligt. Die Zellen werden bereits im Hühnerei abgezapft. Alternative wäre die Lebend-Biopsie, bei der Zellen quasi aus lebenden Tieren in Farmen geerntet werden würden. In großen Bioreaktoren sollen die Zellen dann auf einem Nährboden herangezüchtet werden.

Seriös könne niemand sagen, wann das Fleisch aus dem Labor in Masse auf den Markt käme, sagt Wesjohann. „Zwei, drei oder sechs Jahre vielleicht.” Aber für ihn sei es „absolut denkbar”, eine entsprechende Fabrik in Deutschland zu errichten.

Zunächst würde es dabei um Produkte wie Chicken Nuggets oder Schnitzel gehen. PHW sei in Israel an einem weiteren Unternehmen beteiligt, das im 3D-Druck aktiv sei. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in der Fleischproduktion der Zukunft das Steak von so einem Gerät quasi ausgedruckt wird.” Wann das soweit sei, könne er zwar nicht sagen. „Aber es wird kommen und das sicher schneller, als wir denken”, so Wesjohann.

Bislang sind entsprechende Produkte in Europa allerdings noch nicht zugelassen. Und das bereitet dem Vorstandsvorsitzenden Sorgen: „Wenn da nicht etwas mehr Tempo gemacht wird in Brüssel, wird es am Ende so sein, dass die Genehmigung in den USA und in Asien vorliegt zum Verkauf, und wir hier in Europa mal wieder zu spät dran sind statt einen Ernährungstrend zu prägen.”

Der Unternehmer fordert politisch mehr Flexibilität. Er wolle das Thema mit seinen Partnern vorantreiben, könne das de facto derzeit aber nicht. „Das wäre eine riesige Chance, die darf nicht an der Bürokratie scheitern. Da sollte auch die Bundesregierung auf EU-Ebene Druck machen.” Schon jetzt seien Ausweichbewegungen von Unternehmen aus Europa nach Asien oder in die USA zu beobachten. „Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir da in Europa nicht den Anschluss verlieren”, warnt der Niedersachse.

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