München Meist gewinnt der Spieler, aber nie beim Fan
Geht Lewandowski oder bleibt er noch? Egal, wie es am Ende ausgeht: Gewinner gibt es keine, findet unser Kolumnist Udo Muras.
Nachdem nun Uli Hoeneß kraft seiner Autorität als ewiger Klubpatron erklärt hat, er freue sich auf das erste Training seiner Bayern im Juli mit einem hoch motivierten Robert Lewandowski, könnten wir dieses Stück im Sommertheater eigentlich schließen. Eigentlich. Denn das Pingpong-Spiel mit gegenseitigen Vorwürfen wird uns noch ein paar Wochen begleiten, ich schätze mal bis 31. August.
Am Tag des sich schließenden Transferfensters muss dann ja Gewissheit bestehen, für wen der Weltfußballer die Stiefel schnürt. Und da Uli Hoeneß zwar weiterhin über dem Verein schwebt, ihn aber weder de facto noch de jure regiert, ist der Ausgang eben doch offen. Mancher sagt, das Klima bei den Bayern sei kälter geworden, seit der Polterer mit Herz vorwiegend am Tegernsee seine Tage verbringt und die Erben seiner Macht, Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic, die Geschäfte führen, speziell die mit dem „Spielermaterial“. Man ist ja leicht versucht, allein aufgrund von Äußerlichkeiten Partei zu ergreifen, und mancher Zuschauer glaubt sich schon gut vorstellen zu können, wie so eine Verhandlungsrunde mit einem grimmigen Kahn und einem temperamentvoll entgleisenden Salihamidzic, in der Folge „Brazzo“ genannt, verläuft.
Meine Wenigkeit war indes nie dabei und stellt deshalb einfach nur die Fakten zusammen. Im Groll schieden in der Nach-Hoeneß-Ära bisher ein David Alaba, Jérôme Boateng, Niklas Süle und Corentin Tolisso, und aus dem Trainerstab ein Hermann Gerland und ein Miroslav Klose, auch der in Monaco geparkte Alexander Nübel schwärmt nicht gerade in höchsten Tönen von Brazzo, der ihm Einsätze versprach, von denen der Trainer (natürlich) nichts wissen wollte.
Wegen Erfolglosigkeit gefeuerte Trainer und frustrierte Reservisten einmal ausgeklammert, kommt da schon einiges zusammen. Warum treffen die Bayern nicht mehr den richtigen Ton im Umgang mit verdienten Mitarbeitern? Das war doch schon immer so, mag man einwenden. Die legendäre Achse der Siebziger hat auch keinen Abschied aus dem Bilderbuch bekommen. Franz Beckenbauer musste sich frei kaufen, Gerd Müller nahm sich einen Anwalt und Sepp Maier ging ein Jahr nicht mehr ins Olympiastadion. Stefan Effenberg, Michael Ballack, Paul Breitner – wen haben wir vergessen? Die Fälle in der Gegenwart eint die offenkundige Unfähigkeit, vernünftig zu kommunizieren. Wenn Lewandowski sagt, er habe nie ein Angebot bekommen und Brazzo eines mit Laufzeit und Gehalt abgegeben haben will, kann ja einer nicht die Wahrheit sagen. Oder ist der Postbote schuld? Ähnlich ist es bei den anderen: alle Vergraulten beklagen das Ausbleiben von Kommunikation und das In-der-Luft-hängen-Lassen.
Auch Millionäre wollen mal in den Arm genommen werden. Das ist eine unpopuläre Position, und man erhält viel leichten Beifall dafür, pokernden Spielern und ihren Beratern den Schwarzen Peter zuzuschieben. Was im Fall Lewandowski auch in gewisser Hinsicht berechtigt ist: Er hat noch einen Vertrag und muss gefälligst antanzen an der Säbener Straße, außerordentliche Kündigungsgründe haben sich die Bayern nicht vorzuwerfen. Für den Polen war es freilich schlimm genug, dass sie sich mal kurz gedanklich mit Erling Haaland beschäftigten. Das ist ihr Job, das gehört zu ihren Pflichten. Wenn solch eine Sturmrakete auf dem Markt und ihr eigener Mittelstürmer schon 34 ist – also bitte.
Wenn das der Grund für Lewandowskis Weigerung zurückzukehren ist, dann sollte er sich schämen. Auch die Besten haben Konkurrenz, das erst macht sie selbst dazu. Wird er sich denn in Barcelona in den Vertrag schreiben lassen, mit wem der Vorstand besser nicht telefonieren sollte? Im Fall Lewandowski gibt es keine Gewinner. Der Verein gibt aufgrund der sich häufenden Dissonanzen mit Angestellten ein schlechtes Bild ab, Lewandowski beschädigt sein Vollprofiimage. Er sollte wissen: In den meisten Fällen von Bockigkeit gewinnt zwar der Spieler, aber nie beim Fan.