Hamburg  Neun Tage 9-Euro-Ticket: Von vollen Zügen und großen Plänen

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 08.06.2022 17:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das 9-Euro-Ticket sorgte vor allem am Pfingstwochenende für volle Gleise und überfüllte Züge. Foto: dpa/Jonas Walzberg
Das 9-Euro-Ticket sorgte vor allem am Pfingstwochenende für volle Gleise und überfüllte Züge. Foto: dpa/Jonas Walzberg
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Seit neun Tagen gilt das 9-Euro-Ticket in Deutschland. Was in dieser Zeit im ÖPNV passiert ist und wie es weitergehen soll.

Rund sieben Millionen Menschen haben sich das 9-Euro-Ticket gekauft, mit dem sie den ÖPNV deutschlandweit nutzen können. Damit hat sich die Zahl der verkauften Tickets seit Ende Mail mehr als verdoppelt, heißt es in einer Pressemitteilung der Deutschen Bahn.

Mit dem Pfingstwochenende kam es gleich zum Ticketstart zu einem echten Stresstest für den Konzern. „Mit 86.000 Zugfahrten ist bei DB Regio über das lange Wochenende alles gerollt, was rollen kann. Das 9-Euro-Ticket ist ein einmaliges Experiment und eine große Chance für die gesamte Branche. Wir setzen hierfür buchstäblich alles in Bewegung, was wir haben – Züge, Busse, Servicekräfte“, sagte Jörg Sandvoß, Vorstandsvorsitzender DB Regio.

Seit dem 1. Juni setzt DB Regio mehr als 50 zusätzliche Züge ein, die zu rund 250 zusätzlichen Fahrten und einer Erhöhung des täglichen Angebots von rund 60.000 Sitzplätzen führt. Um eine möglichst reibungslose Abwicklung des Reiseverkehrs zu gewährleisten, sind über 700 zusätzliche Service- und Sicherheitskräfte im Einsatz.

Zu überfüllten und verspäteten Zügen kam es vor allem auf Routen zu touristischen Zielen. So war der Ansturm am Hauptbahnhof Hannover besonders groß. Das Eisenbahnunternehmen Erixx fährt von dort aus in den Harz, die Metronom-Züge nach Hamburg. Auch die Reiserichtung Nordsee wurde besonders oft angesteuert.

Bahnkunden fanden keine Sitzplätzte, eine Mitfahrt konnte teilweise nicht garantiert werden. Reisende mit Fahrrädern, Rollstühlen, Rollatoren und Kinderwagen strandeten mitunter am Gleis. In Hamburg gab die Metronom Eisenbahngesellschaft bekannt, dass bis Pfingstmontag eine Fahrradmitnahme ausgeschlossen sei.

In Berlin und Brandenburg sprachen Reisende von „krachend vollen Zügen“ insbesondere in Richtung Ostsee. In der App des DB Navigators hieß es bei Regionallinien nach Rostock oder Stralsund etwa, es werde eine „außergewöhnlich hohe Auslastung erwartet“. Am Berliner Hauptbahnhof waren Bundespolizisten verstärkt auf den Bahnsteigen unterwegs. Auch in Baden-Württemberg war die Auslastung von Regionalzügen insbesondere zu touristischen Zielen hoch.

Obwohl es an Pfingsten vor allem auf touristischen Verbindungen zu übervollen Zügen kam, bewertet der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen den Start des 9-Euro-Tickets als geglückt. Die Verkehrsunternehmen und die Fahrgäste seien gut vorbereitet gewesen.

Kritischere Töne gab es dagegen vom Fahrgastverband Pro Bahn, der von einem „vorhergesehenen Chaos“ sprach. „Wer mehr Verkehr will, muss erstmal die Kapazitäten schaffen“, sagte Vorsitzender Karl-Peter Naumann im Gespräch mit unserer Redaktion. Als Positivbeispiel, wie es laufen könne, nannte er die Stadt Wien mit der 365-Euro-Jahreskarte, die es bereits seit 2012 gibt.

Und die Eisenbahner? „Das 9-Euro-Ticket über Pfingsten hat die Mitarbeiter:innen an die Belastungsgrenze gebracht“, teilte Martin Burkert, der Vize-Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft mit. „Größte Probleme am Wochenende waren wie erwartet überfüllte Züge, die Fahrradmitnahme und die Durchsetzung der Maskenpflicht.“

Auch die Personalvertretung der Deutschen Bahn berichtet von einer hohen Belastung für die Mitarbeiter. „Zu den befürchteten tätlichen Übergriffen gegen das Bahnpersonal kam es nicht, wohl aber zu verbalen“, sagte der Vize-Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats DB Regio, Ralf Damde, den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.

Seit Tagen trendet der Hashtag #9EuroTicket auf Twitter. Zahlreiche Nutzer posteten ihre Erfahrungen mit der Deutschen Bahn und teilten Fotos und Videos von überfüllten Gleisen und aus vollen Zügen in den sozialen Netzwerken.

Und auch Sylt stand im Fokus auf Facebook, Twitter und Co. Zahlreiche Punks waren am Pfingstwochenende auf die Nordseeinsel gereist, um ausgelassen zu feiern.

Das Video eines Reporters, in dem er einigen Punks Fragen stellte, erfreute sich auf Twitter besonders großer Beliebtheit. „Gestern war ein bisschen anstrengend. Manche meckern, aber die schmeißen gut Kohle rein, die Sylter. Aber da kamen auch schon Omas an und meinten: einmal asozial, immer asozial“, sagte ein Punk.

„70 Minuten Verspätung, jeder zweite Zug fällt aus“, schrieb ein Bahnkunde auf TikTok und veröffentlichte dieses Video:

Das große Interesse am 9-Euro-Ticket zeigt, dass der Zugang zu einem preiswerten ÖPNV in Deutschland gewünscht ist. Jedoch wirft es auch ein Schlaglicht auf die Defizite der Bahn.

Das deutlich erhöhte Fahrgastaufkommen über Pfingsten mache deutlich, „dass wir dringend die nötigen Investitionen in den Ausbau, in die Modernisierung und für Kapazitätserweiterungen unserer Angebote benötigen“, hieß es etwa vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft forderte erneut Investitionen in Busse und Bahnen.

Auch interessant: 9-Euro-Ticket: Im Scheitern der Bahn liegt eine riesen Chance

„So wie es im Augenblick ist, kann es nicht bleiben. Die Bahn kann und sie muss besser werden“, sagte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) und sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Deutschen Bahn. Noch in diesem Monat solle ein Konzept zur Problemlösung vorgestellt werden. Die Bahn solle für die Bürgerinnen und Bürger eine echte Alternative werden. Dazu müsse das Netz grundlegend saniert werden, die Grundlage für mehr Pünktlichkeit, schnellere Verbindungen und ein insgesamt attraktiveres Angebot.

Auch Dirk Flege, Geschäftsführer des Lobbyverbandes Allianz pro Schiene, forderte Wissing zum Handeln auf. „Wie der Bahnverkehr besser werden kann, steht seit 2020 im Masterplan Schienenverkehr“, sagte er. „Seit dem Amtsantritt von Minister Wissing ist keine einzige Maßnahme neu in die Umsetzung gegangen.“

Mit Material der dpa

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