Kiel  Norddeutscher sammelt afrikanische Kunst im Millionenwert

Karin Lubowski
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Von Karin Lubowski
| 08.06.2022 10:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Kieler Sammler Bernd Muhlack lebte mit seinen 3655 Objekten auf drei Ebenen. Foto: Völkerkundesammlung Lübeck
Der Kieler Sammler Bernd Muhlack lebte mit seinen 3655 Objekten auf drei Ebenen. Foto: Völkerkundesammlung Lübeck
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Der Norddeutsche Bernd Muhlack sammelte seit den 60er Jahren afrikanische Kunst, rund 3500 Objekte. Die Sammlung ist mittlerweile einige Millionen Euro wert - und ist nun, zwei Jahre nach seinem Tod, ausgestellt. Doch der Sammler bleibt ein Rätsel.

Ein Schatz aus Holz: Mehrere Millionen Euro ist allein die in Kamerun geschnitzte Maske des Insektengottes wert, die die Lübecker Völkerkundesammlung derzeit im St. Annen-Museum zeigt. Keine zehn Exemplare gibt es von solchen Batcham-Masken weltweit.

In einer Vitrine davor ein kunstvoll geschnitztes Gefäß für Ritualgegenstände aus Nigeria, auch das ist mehrere Millionen Euro wert.

Beide Exponate stammen aus einer der größten deutschen, rund 3500 Objekte umfassenden privaten Sammlung, die der 2020 verstorbene Kieler Bernd Muhlack den Lübeckern vermachte. Der Mann bleibt ein Rätsel.

Eine Wohnung mitten in Kiel. 400 Quadratmeter Fläche verteilt auf drei Ebenen. Und überall Kunstobjekte aus Afrika, Holzskulpturen, Musikinstrumente, Spielzeuge, auch Metallobjekte wie Zahlungsmittel, Waffen, Goldgewichte, Textilien sowie einige Gemälde moderner ostafrikanischer Künstler.

Welche Werte sich hinter der Tür am Papenkamp verbergen, wissen zu Lebzeiten Bernd Muhlacks nicht allzu viele Menschen. Auch Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen, und Lars Frühsorge, Chef der Lübecker Völkerkundesammlung, ahnen nicht, was sie erwartet, als sie der Einladung Muhlacks folgen.

Seine Ankündigung: Er wolle der Hansestadt seine Afrika-Sammlung schenken. Schenkungsangebote sind durchaus nicht selten. Oftmals seien die Objekte dann aber ungeeignet für die Sammlungen des Hauses und so habe man sich mit einer gewissen Portion Skepsis auf den Weg nach Kiel gemacht, erinnert sich Frühsorge. Was folgt, ist ein Museums-Märchen.

Muhlack? In Kiel steht der Name unter anderem für Küchen und Möbel. Dass Bernd Muhlack sich im Laufe von sechs Jahrzehnten per Selbststudium zu einem versierten Kenner afrikanischer Kunst, zum Sammler und auch Händler hochwertiger Objekte ausgebildet hat, ist vornehmlich in Freundes- und Expertenkreisen bekannt. Dieses Kapitel seiner Geschichte beginnt 1959.

Mit Anfang 20 reist er als Holzhändler zum ersten Mal nach Afrika, es ist die Zeit, in der die Bahn noch Tropenhölzer für den Schwellenbau ordert. Über die Handelsware Holz kommt er an die Bevölkerung und ihre Kunst. Das Fotomaterial, das sich in seinem Nachlass findet, dokumentiert Muhlacks Interesse an den Menschen und ihrem Leben.

Rund 100 Mal reist er nach Afrika, meist in den östlichen Teil des Kontinents, 16 Jahre lang lebt er in Kamerun. Afrika und besonders das in den 1960er Jahren um Unabhängigkeit von Nigeria kämpfende Biafra sind zu der Zeit Synonyme für Elend in der sogenannten Dritten Welt.

Der Kieler sammelt mit Leidenschaft und großer Fachkenntnis. Ein Kunsthistoriker, ein systematischer Sammler sei er nicht gewesen, sagt Frühsorge, aber er geht mit gezieltem Blick für Alter und Qualität ans Werk, führt akribisch Buch darüber, was er für welchen Gegenwert kauft. Bald hat er auch einen Ruf als Händler afrikanischer Kunst, den es zu bewahren gilt. Als er einmal doch danebengreift und ein minderwertiges Objekt ersteht, zersägt er es lieber vor laufender Kamera. So beugt er Gerüchten vor, dass unter seinem Namen Schund auf den Kunstmarkt gerät.

Wißkirchen und Frühsorge trifft das Schöne bei ihrem Besuch am Kieler Papenkamp wie ein Schlag. Vom Keller bis zum Dach, den Balkon eingeschlossen, präsentieren sich dem Besuch aus Lübeck Tausende in Szene gesetzte, gehängte, gestellte Objekte.

Besonders wertvolle Stücke sind in einer geheimen Kammer untergebracht, die sich im Schlafzimmer hinter verschiebbaren Bücherregalen verbirgt.

Und ja: Bücher. Kataloge, Ausstellungslektüre, Fachliteratur, die gibt es auch. Kistenweise, wie sich später herausstellt. Muhlack lebt mit afrikanischer Kunst, berührt die Skulpturen auch, begreift sie im wahrsten Sinne des Wortes. „Seine Sehfähigkeit betrug zu diesem Zeitpunkt noch ganze 15 Prozent“, sagt Frühsorge, „sein Plan war, die Sammlung weiterzugeben, sobald er erblindet.“

Muhlack überlegt, die Gegenstände in ihre Herkunftsländer zurückzuführen, doch das kommt aufgrund seiner früheren Erfahrungen mit den politischen Strukturen nicht zustande. Die Sammlung zerschlagen und die Objekte auf dem Kunstmarkt zu Geld machen, das will er nicht. Er fragt Museen an. Doch so unübersehbar die Bedeutung auch sein mag, die Übernahme solch einer privaten Sammlung ist mit enormem Aufwand verbunden.

Abgesehen vom Platz, den sie braucht, muss sie erforscht werden. „Wie ist die Provenienz, klebt Blut an den Dingen?“ Das sind Fragen, die auch Frühsorge umtreiben. Unter anderem. Dazu muss inventarisiert werden. Allein das ist in Zeiten personeller Knappheit eine Herkulesaufgabe. Die Lübecker Völkerkundesammlung sei ohne Zweifel ein dankbarer Abnehmer, betont ihr Chef. Hat er ebenfalls gezögert? „Oh, ja, absolut!“, sagt er lachend.

Doch Muhlack und die Lübecker finden zusammen, dem Sammler liegt auch daran, eine öffentliche Sammlung voranzubringen. Über sich selber und seine Leidenschaft redet er nicht gerne. „Persönliche Fragen hat er meist abgeblockt“, berichtet Frühsorge, „sein Motto war: ,Es geht um Afrika und die Schönheit der Objekte‘.“ Er sei ein bodenständiger Mensch gewesen, unprätentiös, unkompliziert, einer, der Freunde auch mal zum Grillen auf den Balkon eingeladen hat. Und einer, der Kontakte nach Afrika immer pflegte.

Seine Erblindung erlebt Bernd Mulack nicht. Er stirbt im Oktober 2020 im Alter von 83 Jahren so „wie er es sich gewünscht hätte – unerwartet und unmittelbar“, formuliert die Familie in der Todesanzeige.

Nach Mulacks Tod steht Lars Frühsorge vor einer gewaltigen Aufgabe. Allein zeitlich und logistisch erweisen sich die folgenden Monate als Herausforderung. Immerhin sei man der Bevölkerung gegenüber verpflichtet. Um den Schatz so schnell wie möglich präsentieren zu können, geht es samt Fotograf nahezu täglich in die Wohnung nach Kiel. Dort wird jedes der exakt 3655 Objekte fotografiert, bestimmt, inventarisiert, in Kisten verpackt und erst dann nach Lübeck transportiert.

Es ist ein gewaltiges Geschenk. „Allein die Top-Stücke sind heute auf dem Kunstmarkt um die 20 Millionen Euro wert“, sagt Frühsorge. Als Muhlack die Werke erwirbt, sind die Preise noch deutlich niedriger. Die Ehrbarkeit des Sammlers und Händlers Muhlack steht nicht in Zweifel. Da gibt es die Geschichte der kostbaren Maske eines Insektengottes, um die Muhlack sich wieder und wieder bemüht hat.

Muhlack habe dem König des Stammes zunächst Glasperlen als Bezahlung angeboten, so wie es eben üblich war, erzählt Frühsorge. Dann wurden aus Kiel etliche Couchgarnituren nach Kamerun verfrachtet, auch Geld sei geflossen. „Schließlich hat der König beschlossen, dass ausreichend an Gegenwert geliefert worden sei, ließ die Maske vor der Übergabe an Muhlack entweihen und für den Stamm eine neue schnitzen.“

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