Auricher müssen sparen  Kirchenkreis hat weniger Geld – und höhere Kosten für Pastoren

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 07.06.2022 19:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Martin-Luther-Kirche in Bagband: Weil die Gemeinde nur noch etwa 560 Mitglieder hat, wird dort ab kommendem Jahr nur noch eine viertel Stelle für einen Pastor angesiedelt. Fotos: Cordsen
Die Martin-Luther-Kirche in Bagband: Weil die Gemeinde nur noch etwa 560 Mitglieder hat, wird dort ab kommendem Jahr nur noch eine viertel Stelle für einen Pastor angesiedelt. Fotos: Cordsen
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Aus Sparzwängen müsste jede fünfte Pastorenstelle bis 2028 wegfallen. Stattdessen wird der Rotstift woanders angesetzt. Die Synode muss jetzt entscheiden.

Aurich - Der Kirchenkreis Aurich muss sparen – auch, weil durch höhere Gehälter für Pastoren und den Superintendenten Geld fehlen wird. Um fast 600.000 Euro müssen die Kosten im Verlauf der kommenden sechs Jahre runter. In Summe drei Pfarrstellen sollen im Planungszeitraum von Anfang 2023 bis Ende 2028 wegfallen – je eine volle in den Regionen Aurich und Wiesmoor/Großefehn, je eine halbe in den Regionen Südbrookmerland und Ihlow. Entsprechende Informationen unserer Redaktion bestätigte Superintendent Tido Janssen auf Nachfrage.

Was und warum

Darum geht es: Der Kirchenkreis Aurich muss sparen

Vor allem interessant für: Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirche

Deshalb berichten wir: Die Synode des Kirchenkreises Aurich tagt am Donnerstag.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Eben dies wird auch Thema auf der Kirchenkreis-Synode sein, die an diesem Donnerstag ab 19 Uhr im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Victorbur zusammenkommt. „Eigentlich müssten wir sogar sechs Pfarrstellen einsparen“, sagt Janssen. Gut 30 volle Pfarrstellen und eine Superintendenten-Stelle gibt es aktuell im Kirchenkreis. Sechs Stellen hätten geheißen, dass binnen sechs Jahren etwa jede fünfte Pfarrstelle wegfiele, nun ist es ungefähr jede zehnte. Da fast alle Pastoren Kirchenbeamte sind, müssen und können die Streichungen nur über Ruhestände erfolgen.

Im Kirchenamt Aurich sitzt die Verwaltung des Kirchenkreises.
Im Kirchenamt Aurich sitzt die Verwaltung des Kirchenkreises.

Mehr Vakanzen und Trennung von Gebäuden?

Entsprechend muss der Kirchenkreis, der laut Janssen im vorigen Jahr bei knapp 65.000 Mitgliedern auch rund 500 Kirchenaustritte zu verzeichnen hatte, weitere Wege finden, Geld zu sparen. Im Gespräch ist, Vakanzen länger als bislang – bis zu einem Jahr – auszudehnen, um so Kosten zu senken. „Wir werden eh nicht jede Stelle sofort wieder besetzen können, weil sich ein Pastorenmangel abzeichnet“, sagt Janssen. Zusätzlich denkt die Kirche auch darüber nach, sich von Gebäuden zu trennen, das Geld aus den Verkäufen zu sparen – und gegebenenfalls Sanierungen aufzuschieben.

„Wir haben eine Gruppe eingesetzt, die das prüft. Hier kommt ja zusätzlich zum Tragen, dass die Baukosten massiv gestiegen sind. Die Sanierung des alten Pfarrhauses in Ihlow wird am Ende doppelt so teuer wie eigentlich geplant. Auch das müssen wir im Auge haben. Es wird so sein, dass wir nicht alle Gebäude weiter unterhalten und nicht alle angedachten Gebäude neu bauen können werden“, sagt Tido Janssen. „Wenn wir kleiner werden, wird auch die Zahl unserer Gebäude kleiner werden.“

Landeskirche verweist auf demografischen Wandel

Wie erklären sich die Einsparungen genau? Landeskirchen-Sprecher Benjamin Simon-Hinkelmann verweist auf den demografischen Wandel als Auslöser: „Die Kirchenmitglieder, die aktuell noch im Berufsleben stehen, werden in großer Zahl in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in den Ruhestand gehen. In den jüngeren Jahrgängen gibt es prozentual weniger Kirchenmitglieder, das heißt: Kirchensteueraufkommen wird nicht weiter wachsen, sondern bestenfalls stagnieren.“

Gleichzeitig müssten aber die zu erwartenden Tarifsteigerungen und Kostenerhöhungen etwa im Baubereich finanziert werden. Weil man zwar mit leicht steigenden Kirchensteuereinnahmen rechne, die aber „vermutlich unterhalb der Inflation liegen werden“, weil Energie und Personal teurer werde, werde man trotzdem „faktisch weniger Geld“ haben. „Deshalb gehen wir davon aus, dass auch fortgesetzt Einsparungen notwendig sein werden“, so Simon-Hinkelmann.

Deutlich erhöhte Pauschalen für Pastoren und Superintendenten

Der Sparzwang des Auricher Kirchenkreises erklärt sich aber beileibe nicht nur aus den Gesamtzuweisungen der Landeskirche, die von zuletzt noch etwa 6,7 Millionen Euro jährlich sukzessive auf etwa 6,0 Millionen Euro jährlich sinken werden. Er erklärt sich auch aus deutlich angehobenen Kosten für die Bezahlung der Pastoren, die ab Januar um 13 Prozent für Pastoren und um mehr als 22 Prozent für das Amt des Superintendenten steigen. Dafür behält die Landeskirche, von der die Geistlichen ihr Geld erhalten, Pauschalen ein, die ihr zufolge „Durchschnittsberechnungen“ sind für den Planungszeitraum der kommenden sechs Jahre. Aus den Pauschalen werden nicht nur die steigenden Pastorengehälter gezahlt, sondern auch Rückstellungen für Pensionen gebildet – laut Landeskirche werden 42 Prozent der Beträge dafür aufgewandt.

Für Pastorenstellen sollen die Pauschalen sich nach einem Beschluss der Landessynode von 92.800 auf 105.000 Euro pro Jahr erhöhen. Die Besoldung hat die Landeskirche an die der Beamten des Landes Niedersachsen gekoppelt. Die Pauschale für das Amt des Superintendenten steigt zugleich sogar von 106.800 auf 130.700 Euro jährlich.

Die Superintendentur in Aurich an der Julianenburger Straße.
Die Superintendentur in Aurich an der Julianenburger Straße.

Pastoren-Personalkosten machen fast die Hälfte der Einsparungen aus

„Die einmalige stärkere Erhöhung bei den Superintendent*innen ist einer zeitlich nachgeholten Besoldungsanpassung geschuldet. Das Profil des Superintendent*innenamtes hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert“, schreibt Landeskirchensprecher Simon-Hinkelmann auf Nachfrage. Was dies konkret bedeutet und worin die Veränderungen bestehen, bleibt offen. Jedenfalls bekommen Superintendenten nun ab dem vierten Dienstjahr „eine nicht ruhegehaltfähige Zulage“.

Fast die Hälfte der nötigen Einsparsumme des Kirchenkreises, gut 250.000 Euro, wird durch die deutliche Anhebung des sogenannten Pfarrstellen-Verrechnungsbetrags fällig. So heißt die Pauschale offiziell. Die in Hannover beschlossene Erhöhung dieser Personalkosten-Pauschalen gilt für alle Kirchenkreise der Landeskirche gleichermaßen.

Streichungen in Bagband, Strackholt, Tannenhausen und Ostgroßefehn

Von den jetzigen Planungen unberührt bleiben Stellenstreichungen, die bereits vor sieben Jahren beschlossen worden sind: Auf Sicht sollen laut Plan aus Aurich die Kirchengemeinden Bagband und Strackholt, wo Elske Oltmanns und Bernd Battefeld das Ruhestandsalter erreichen, eine pfarramtliche Verbindung eingehen. Dies hieße, dass zwei Gemeinden mit zwei Kirchenvorständen künftig gemeinsam von einem Pastor mit einer vollen Stelle betreut werden. Die halbe Stelle aus Bagband mit knapp 600 Gemeindegliedern wird ab kommendem Jahr auf eine Viertelstelle gekürzt, die in Strackholt mit gut 1800 Gemeindegliedern von einer ganzen auf eine Dreiviertelstelle. Dem Vernehmen nach gibt es auf beiden Seiten Widerstände gegen die pfarramtliche Verbindung und den damit verbundenen Zwang zu deutlich engeren Absprachen und Kompromissen.

Auch in Aurich-Tannenhausen wird zu Jahresbeginn eine halbe Stelle gestrichen. Dort wird Pastor Uwe Noormann in Pension gehen. Zudem verkleinert sich die Dreiviertelstelle für Ostgroßefehn auf eine halbe. Der Kirchenkreis geht bei der Stellenverteilung rein über den Faktor der Gemeindeglieder. Für rund 2400 gibt es eine volle Stelle.

Wie geht es in Wiesmoor weiter?

Und was ist mit der halben Stelle im Kirchspiel Wiesmoor/Großefehn, die nach Streit aus der „Zwangsehe“ der Marcardsmoorer Kreuzkirchengemeinde mit der Friedenskirche in Wiesmoor gelöst wurde? „Die fällt an die Gemeinde in Wiesmoor“, sagt Tido Janssen. Gremienentscheidungen über die Zukunft der Stelle und eine Änderung des Stellenplans gab es nach Informationen der Redaktion allerdings nicht.

Die halbe Stelle wird laut Tido Janssen schon jetzt und bis auf Weiteres je zur Hälfte von den Wiesmoorer Pastorinnen Eva Caesar und Sabine Bohlen ausgefüllt.

Einsparungen bei Diakonie? Zusammenlegung von Gemeinden?

In Dokumenten zur Synode, die unserer Redaktion vorliegen, listet der Kirchenkreis weitere Möglichkeiten zum Sparen auf: Über die Gedankenspiele hinaus, weitere pfarramtliche Verbindungen zu schaffen und Gesamtkirchengemeinden zu bilden, stehen Ideen im Raum, die Dienstbeschreibungen für Pastoren zu ändern, zugleich aber auch bei der Diakonie und der Verwaltung einzusparen – besonders bei der Fachstelle Sucht, heißt es. Konkret dazu äußerte sich Janssen auf Nachfrage nicht. Man habe „einen Beratungsprozess mit dem Diakonischen Werk in Niedersachsen durchlaufen“, wolle „Prozesse optimieren“ und habe „gewisse Strukturveränderungen vorgenommen“.

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