Schwerin/Rostock/Warnemünde  Der Pfingstausflug mit dem 9-Euro-Ticket – eine gute Idee?

Konstantin Pavel
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Von Konstantin Pavel
| 05.06.2022 18:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Viele Schweriner wollten am Samstagmittag mit dem Regionalexpress nach Rostock fahren. Foto: Konstantin Pavel
Viele Schweriner wollten am Samstagmittag mit dem Regionalexpress nach Rostock fahren. Foto: Konstantin Pavel
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Mit dem 9-Euro-Ticket ans Meer – und das am Pfingstwochenende. Was man dabei erlebt und wen man so trifft, haben wir herausgefunden.

Seit Mittwoch gilt das 9-Euro-Ticket und bietet die Möglichkeit, für einen schmalen Taler durch die Republik zu reisen. Auf Sylt regte sich im Vorfeld die (größtenteils unberechtigte) Sorge vor dem Einfall feierwütiger Party-Horden, doch auch andere Ausflugsziele am Meer genießen die Gunst vieler Ausflügler. Ich habe den Selbstversuch gemacht und bin am Pfingstsamstag von Schwerin nach Warnemünde gefahren.

Das Abenteuer beginnt schon am Bahnsteig, genauer gesagt beim Raten der Abfahrtszeit. Planmäßig soll der RE aus Hamburg um 11:49 in Schwerin starten. Die große Anzeigentafel im Bahnhofsfoyer ist kaputt, doch die DB-Navigator-App verrät mir, dass der Zug wohl mit einer Verspätung von fünf Minuten abfährt. So weit, so Bahn. Doch auch um 11.54 Uhr steht kein RE zur Abfahrt bereit, denn Letztere wurde erneut verschoben, dieses Mal auf 12.09 Uhr. „Grund ist eine durch hohes Fahrgastaufkommen verlängerte Ein- und Ausstiegszeit“, erfahre ich aus den Lautsprechern.

Ein Blick in die App verrät mir: Der Zug musste einen „Zusätzlichen Halt zum Ein- und Ausstieg“ einlegen. Ich hoffe innerlich, dass der Halt mehr dem Aus- als dem Einstieg der Menschenmassen galt, bereite mich aber auf das Schlimmste vor. Schritt für Schritt ändert sich die Zeit auf der Anzeigetafel nach hinten. Zwischenzeitlich hält ein IC - einige steigen aus, fast niemand ein. Genau wie die Verspätung steigt auch die Zahl der Menschen auf dem Bahnsteig.

Das Wetter ist gut, das Reisen billig. Viele scheinen das erkannt zu haben, ganz besonders Gruppen junger Menschen. Zum Beispiel Nils, Marco, Christian, Max und Dorian. Die Schüler aus Schwerin wollen – genau wie ich – über Rostock nach Warnemünde fahren. Ein genaues Programm haben sie noch nicht geplant. Auch Emma und Amine warten auf dem Bahnsteig. Die beiden haben sich die gleiche Route vorgenommen, wollen in Rostock shoppen und Essen gehen. Danach weiter nach Warnemünde – „Wenn man hinkommt, wenn es nicht zu überfüllt ist.“

Obwohl sich der Bahnsteig zusehends füllt, ist er bei weitem nicht überfüllt. Besonders im Vergleich zum gegenüberliegenden Gleis, an dem Züge nach Hamburg und Berlin abfahren. Allgemein geht es entspannt zu, das schöne Pfingstwetter scheint gegen Verspätungs-Unmut zu wirken. Ich nutze die Zeit, um mit weiteren Wartenden ins Gespräch zu kommen. Nicht nur Schüler freuen sich über das günstige Ticket. Klaus und Silke Bischoff wollen ihren Sohn und Enkel abholen. Gerade machen die beiden Urlaub in MV. Bahnfahren ist für sie nicht alltäglich, denn ihr Heimatort, Okel bei Bremen, sei nicht besonders gut angebunden. Mit Bus und Bahn, so erzählt Klaus, würde der Weg zur Arbeit eineinhalb bis zwei Stunden dauern – statt einer halben Stunde mit dem Auto. „Wenn ich den Anschluss immer kriege“, fügt er hinzu.

Irgendwann fährt dann tatsächlich unser Zug ein. Inzwischen ist es 12.29 Uhr, die gesamte Verzögerung liegt nun bei 40 Minuten. Um die Türen bilden sich Menschentrauben. Nachdem die Schweriner zugestiegen sind, herrscht im Zug eine solide Sitzplatz-Auslastung. Mein Waggon ist ziemlich voll, aber nicht wirklich überfüllt. Vor der „9-Euro-Ära“ habe ich jedenfalls schon in volleren Bahnen gesessen oder gestanden, manchmal auch auf Treppen. Das ist heute nicht nötig, denn nach kurzer Suche finde ich eine freie Zweierbank. Erst beim Näherkommen sehe ich das Schild auf einem der beiden Polster: „Sitz ist nass :)“. Der daneben ist es zum Glück nicht, also setze ich mich.

Weiterlesen: Fünf Vorteile des 9-Euro-Tickets auch auf dem Land

Da ich mehr über meine Mitreisenden wissen will, bleibe ich nicht lange auf dem trockenen Sitz, sondern gehe durch den Zug. Dort treffe ich Andre. „Wir organisieren Fahrten für ukrainische Flüchtlinge“, erzählt er. „Heute fahren wir zum Nationalpark Müritz.“ Das 9-Euro-Ticket findet er sehr gut, weil es niemanden wegen finanzieller Probleme ausschließe. „Das macht es auch für uns leicht, alles zu organisieren und es günstig zu halten. Ohne das Ticket hätten wir vielleicht nur ein oder zwei Ausflüge gemacht“, erklärt der junge Mann. Nun wolle man öfter fahren, „Mindestens einmal pro Woche.“

Im Oberdeck haben es sich Len und Felix bequem gemacht. Sie sind gut gelaunt auf dem Weg von Gadebusch zum Rostocker Pfingstmarkt. Dafür haben sich die beiden mit dem 9-Euro-Ticket ausgestattet. „Wir wären sonst gar nicht gefahren, das wäre viel zu teuer gewesen“.

Ein paar Reihen weiter treffe ich Jan Affeldt. Der 29-Jährige ist auf dem Rückweg von einem Kurztrip nach Sylt, für ihn das erste Mal auf der Insel. Als Rostocker konnte er den Vergleich zum heimischen Strand ziehen. „Im Großen und Ganzen finde ich Rostock Warnemünde schöner.“ In Sylt gebe es zwar eine gute Struktur an Hotels, Ferienhäuser und Gastronomie. Doch „sobald man den Strand und die Promenade betritt, ist es nicht so liebevoll und mit so viel Kreativität entwickelt worden wie bei uns“.

Von Rostock bis nach Westerland habe es siebeneinhalb Stunden gedauert. „Relativ viel Zeit“, findet er. „Weil ich halt den ICE nicht nutzen konnte. Weil ich immer umsteigen und Verspätungen einkalkulieren musste.“ Dass es so lange dauert, damit habe er nicht gerechnet. Eine Nacht blieb er auf der Insel, heute geht es zurück nach Rostock. „Als ich heute Vormittag vom Hamburger Hauptbahnhof zurückgefahren bin, war der Zug komplett überfüllt.“ Jan erzählt mir von Menschen, die auf dem Gang stehen oder sitzen mussten. „Ich glaube, es sind gar nicht alle Leute mitgekommen, die mitfahren wollten.“

Mir wird bewusst, dass er vom selben Zug spricht, in dem wir gerade sitzen. Ich frage mich, was passiert ist – so viele sind doch in Schwerin gar nicht ausgestiegen. Viele, so erzählt mir Jan, wollten in Schwerin nach Berlin umsteigen. Weil der Zug dafür aber zu spät in Schwerin angekommen wäre, habe die Bahn einen zusätzlichen Halt in Holthusen eingerichtet. Dort sei ein Umstieg nach Berlin möglich gewesen. „Da hat sich die Situation in unserem Regionalexpress entspannt.“

Bis wir in Rostock mit 42 Minuten Verspätung ankommen, bleibt es auch entspannt. Als sich die Türen aufschieben, warten davor bereits neue Menschentrauben. Einsteigen wollen alle. Warten nur die meisten. Einige halten es für eine gute Idee, einfach nach vorn zu preschen. Das Phänomen ist mir nicht neu, doch heute ist der Andrang so groß, dass sich in der Traube nur ein schmaler Korridor für die Aussteigenden gebildet hat. Genau in diesem Gang drängt mir jetzt einer der Ungeduldigen wie vom Hafer gestochen entgegen. Ich fühle mich kurz wie bei einem Stierkampf, den ich knapp überlebe.

Um die aus dem Regionalexpress geströmten Ausflügler weiter Richtung Strand zu transportieren, stehen reichlich S-Bahnen bereit. In den knapp 20 Minuten nach unserer Ankunft sollen laut Anzeigetafeln gleich drei Stück nach Warnemünde abfahren. Ich entscheide mich für die zweite. Der Zug der S2 ist ebenfalls gut ausgelastet, doch ein paar freie Plätze gibt es noch.

In der S-Bahn treffe ich Ali. Der Student aus Berlin ist mit seinen Freunden Timo und Achmed unterwegs für einen Tagesausflug ans Meer. Gegen 19 Uhr soll es bereits zurück gehen, somit bleiben ihnen knapp fünf Stunden Ostsee. Bisher seien sie immer in wärmere Regionen verreist, in die Türkei oder nach Italien. Für das Reisen in Deutschland sei dann keine Zeit geblieben. „Durch das 9-Euro-Ticket kann man auch mal am Wochenende einfach wegfahren“, so Ali. Mit dem ICE hätte der Trip 100 Euro gekostet – „schon sehr teuer“. Als Student musste er sich das Ticket gar nicht erst kaufen, da er ein Semesterticket besitzt.

Nach knapp 20 Minuten Fahrt erreichen wir Warnemünde. Die Uhr zeigt 14.11 Uhr und der Himmel keine Wolken. Ich mache mich auf den Weg zum Fischbuden-Boulevard, wo eine Möwe verdächtig gierige Blicke auf mein Essen wirft. Dann geht es zum Strand, bevor gegen halb fünf mein Zug nach Schwerin fährt. S-Bahn und Regionalexpress werden wieder ähnlich voll sein wie auf der Hinfahrt – und mich ohne Zwischenfälle nach Hause bringen.

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