Wege an die Hochschule  „Arbeiterkind“ unterstützt auch in Ostfriesland

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 07.06.2022 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Caroline Biermann (von links) und Janna Voigt gehören zur „Arbeiterkind“-Gruppe an der Hochschule Emden/Leer. Sie unterstützen Schüler und junge Erwachsene bei ihrem Weg an die Hochschule und durchs Studium. Foto: Hock
Caroline Biermann (von links) und Janna Voigt gehören zur „Arbeiterkind“-Gruppe an der Hochschule Emden/Leer. Sie unterstützen Schüler und junge Erwachsene bei ihrem Weg an die Hochschule und durchs Studium. Foto: Hock
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Kinder aus Akademiker-Familien finden sich meist an Hochschulen besser zurecht als die, die als erste in ihrer Familie ein Studium beginnen. Um hier zu helfen, gibt es „Arbeiterkind.de“.

Emden/Ostfriesland - Bildung sollte nicht abhängig von Herkunft und finanziellen Möglichkeiten sein. Die Realität ist aber, dass es gerade „Arbeiterkindern“ in der Regel schwerer fällt, den Weg an die Universitäten und Hochschulen zu finden. Die Gründe sind vielfältig, gezielte Unterstützung gibt es wenig. Daran möchte die Initiative „Arbeiterkind.de“ (kurz: Arbeiterkind), eine egmeinnützige GmbH etwas ändern – und das auch in Emden und Ostfriesland.

Was und warum

Darum geht es: Kinder aus Arbeiterfamilien haben größere Probleme, es bis zum Studium zu schaffen als Kinder aus Akademikerfamilien. Eine Initiative will erstere auch in Ostfriesland unterstützen.

Vor allem interessant für: Jugendliche, die vor der Wahl Studium oder Ausbildung stehen.

Deshalb berichten wir: Wir waren auf die Arbeiterkind.de-Gruppe an der Hochschule Emden/Leer aufmerksam geworden.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Denn an der Hochschule Emden/Leer gibt es bereits seit 2019 wieder eine Arbeiterkind-Gruppe. Reaktiviert hat sie die Studentin Janna Voigt – pünktlich zum Beginn der Corona-Pandemie. Untätig waren Janna Voigt und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter aber dennoch nicht. Über das Internet haben sie in der Pandemie-Zeit sich selbst weitergebildet, Kontakte geknüpft und auch schon Schülerinnen und Schüler sowie Studierende beraten. Nun sollen, so die Hoffnung, auch die Präsenzveranstaltungen wieder losgehen. „Mehrere Schulen an der Region haben schon angefragt“, so Janna Voigt.

Studierende der ersten Generation

Doch was macht es für Arbeiterkinder so schwierig? Hinter dem Begriff stecken die „Studierenden der ersten Generation“ einer Familie, sagt Janna Voigt im Gespräch mit unserer Zeitung. Also die, die in der eigenen Familie keine Vorbilder für einen akademischen Werdegang haben. Was banal klingt, kann ein Problem sein. Studien zufolge beginnen von 100 Kindern 74 ein Studium – zumindest bei Kindern aus Akademiker-Familien. Bei „Arbeiterkindern“ sind es gerade einmal 21 von 100 Kindern, die ein Studium beginnen. Über Bachelor und Master setzt sich dies fort. „Wenn jemand keine Vorbilder in der eigenen Familie hat und somit auch niemanden mit entsprechenden Erfahrungen, dann können die Hürden schon groß sein“, weiß Caroline Biermann auch aus eigener Erfahrung. Die 41-Jährige ist seit 2016 an der Hochschule und seit 2020 Mitglied bei Arbeiterkind. „Finanzierung, das Vokabular, die neue Umgebung: All das kann überfordernd sein“, sagt die Studentin. Das gelte zwar auch für die, die aus akademisch vorgebildeten Familien kommen, „aber die können dann ja auf die Erfahrungen der Eltern oder Geschwister zurückgreifen“, sagt Caroline Biermann.

Arbeiterkind will dieses Auffangnetz, diesen sicheren Raum, in dem über Sorgen und Probleme gesprochen werden kann, all denjenigen bieten, die ihn benötigen. „Wir haben auch Angebote für die Familien“, sagt Caroline Biermann. Diejenigen, die über Arbeiterkind auch anderen helfen wollen, können sich intern fortbilden. „Es gibt aber auch beispielsweise Rhetorik-Kurse“, sagt Janna Voigt.

„Warum kann man nicht allen Schüler*innen gleichermaßen alle Optionen aufzeigen?“

Wie schwer es ohne eine ordentliche Beratung, ohne familiäre Erfahrungen sein kann, an die Hochschule zu kommen, zeigt der Werdegang von Janna Voigt. „Ich hatte in der Realschule keinen Spaß am Lernen, hatte zwar irgendwie ein Ziel vor Augen, etwa Lehrerin zu werden, bekam aber keine Perspektiven aufgezeigt“, erinnert sie sich. Bei einem Berufsinformationstag seien die Vorschläge über Ausbildungsberufe auch nicht hinaus gegangen. Ein Problem des Schulsystems, an der Realschule schaue man eher auf Ausbildungen, denn aufs Studium. „Diese ja schon viel früher beginnende Kategorisierung ist schlimm, die stört mich sehr“, sagt Janna Voigt. „Warum kann man nicht allen Schüler*innen gleichermaßen alle Optionen aufzeigen?“

Die heute 27-Jährige wechselte nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium. Dort gab es spezielle Förderangebote für ehemalige Realschüler. „Ich musste erst einmal lernen, eigenständig und nicht nur auswendig zu lernen und hatte große Zweifel, ob ich das alles schaffe. Aber ich wurde von den Lehrkräften sehr stark motiviert“, sagt Janna. Sie biss sich durch und machte ein gutes Abitur. Die Hürde war genommen, und es war klar: Janna wollte studieren. Auf die Hochschule in Emden kam sie über das Schnupperprogramm „Studentin für einen Tag“. „Ich habe mich dort gleich genauso gut aufgenommen und wohl gefühlt, wie auf meiner alten Schule“, sagt sie. Doch auch in das Lernen fürs Studium musste die junge Frau sich erst einmal hineinfinden, wie auch in die neuen Begriffe und Einrichtungen, die dazugehören.

Hier kam Arbeiterkind ins Spiel, mit der damaligen Gruppe kam Janna Voigt auf einer Informationsveranstaltung in Kontakt. „Ohne Arbeiterkind wäre ich zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, mich für ein Stipendium zu bewerben. Ich wusste nicht mal genau, was ein Stipendium ist“, sagt sie. Als die Gruppe dann einschlief, entschloss sich Janna Voigt, sie mit dem Abschluss ihres Bachelor- und Beginn des Masterstudiums wieder zu reaktivieren. Die Unterstützung, die Arbeiterkind seitdem wieder bietet, werde auch von der Hochschule geschätzt. Das ist zumindest einer Mitteilung aus dem März zu entnehmen. Die Arbeiterkind-Gruppe helfe „vielen Studieninteressierten und Studierenden enorm“, wird Birte Engelberts, Leiterin der Zentralen Studienberatung (ZSB), dort zitiert.

Über Arbeiterkind.de

Auch Studierende aus dem Ausland gehören zur engeren Zielgruppe von Arbeiterkind. „Wir sind sehr divers aufgestellt“, sagt Caroline Biermann. Die Diversität, auch bei den Bildungswegen, sei es auch, was das Netzwerk Arbeiterkind ausmache, sind sich beide einig. 2008 wurde Arbeiterkind von Katja Urbatsch, ihrem Partner Wolf Dermann, ihrem Bruder Marc Urbatsch und zwei Kolleginnen von der Justus-Liebig-Universität Gießen gegründet. „Bundesweit engagieren sich 6.000 Ehrenamtliche in 80 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen, um Schülerinnen und Schüler über die Möglichkeit eines Studiums zu informieren und sie auf ihrem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss und Berufseinstieg zu unterstützen“, heißt es dazu auf Arbeiterkind.de.

Die Emder Gruppe ist per E-Mail an emden@arbeiterkind.de erreichbar.

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