Emder Werft insolvent  Gehen Schiffbauaufträge für Fosen jetzt nach Stralsund?

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 02.06.2022 19:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Portalkran der traditionsreichen Nordseewerke aus der Vogelperspektive: Es ist das Sinnbild für den einst blühenden Schiffbau in Emden. Foto: Tobias Bruns
Der Portalkran der traditionsreichen Nordseewerke aus der Vogelperspektive: Es ist das Sinnbild für den einst blühenden Schiffbau in Emden. Foto: Tobias Bruns
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Noch ist unklar, wie es bei der Emder Werft Fosen Yard weitergeht. Es herrscht „verhaltener Optimismus“. Die Gehälter sind für drei Monate gesichert.

Emden - Nach der Insolvenzanmeldung der Emder Werft Fosen Yard soll der Geschäftsbetrieb weiter laufen. „Wir wollen weitermachen“, sagte der Oldenburger Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Dr. Christian Kaufmann dieser Zeitung in Emden. Der auf Sanierungen von Unternehmen in der Krise spezialisierte Jurist nahm an der Betriebsversammlung auf dem Werftgelände teil, bei der der Betriebsrat und die Geschäftsführung die Beschäftigten über die jüngsten Entwicklungen informierte. Der Betrieb werde „im derzeitigem Umfang fortgeführt“, teilte Kaufmann nach der Versammlung mit.

Was und warum

Darum geht es: die Zukunft der insolventen Emder Werft Fosen Yard

Vor allem interessant für: alle, sich für die maritime Wirtschaft und den Schiffbau in Ostfriesland interessieren, und diejenigen, die von der Insolvenz betroffen sind

Deshalb berichten wir: Am Donnerstag gab es eine Betriebsversammlung auf der Werft. Auch der Insolvenzverwalter nahm daran teil.

Die Autorin erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Seinen Angaben zufolge sind die Gehälter der Mitarbeiter über das Insolvenzgeld für drei Monate gesichert. Ihren noch ausstehenden Lohn für den Mai sollen sie möglicherweise schon an diesem Freitag oder aber zu Beginn der nächsten Woche erhalten. Der größte Teil der Beschäftigten ist seit dem Herbst in Kurzarbeit.

Bau von sechs Schiffen verzögerte sich mehrfach

Die Werft, die 2019 aus den traditionsreichen Nordseewerken hervorgegangen war, hatte am Mittwoch einen Insolvenzantrag beim zuständigen Amtsgericht in Aurich gestellt. Hintergrund sei, so Kaufmann, dass sich der Auftrag für den Bau von sechs Frachtschiffen mehrfach hinausgezögert habe. Früheren Angaben der Werft zufolge sollte der Bau dieser sogenannten Minibulks mit einer Länge von 88 Metern in diesem Frühjahr starten und neuen Schwung in den Schiffbaustandort Emden bringen.

Der Oldenburger Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Dr. Christian Kaufmann nahm am Donnerstag an der Betriebsversammlung der insolventen Werft Fosen Yard Emden teil. Foto: H. Müller
Der Oldenburger Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Dr. Christian Kaufmann nahm am Donnerstag an der Betriebsversammlung der insolventen Werft Fosen Yard Emden teil. Foto: H. Müller

Laut Kaufmann seien „auch bei anderen Aufträgen noch offene Fragen zu klären“. Einzelheiten nannte er nicht. Allerdings wurde in dieser Woche bekannt, dass Fosen Yard Emden einen Anschlussauftrag für das kommende Jahr in Aussicht hat. Es soll sich dabei um den Bau von vier LNG-Bunkerschiffen handeln. In der Öffentlichkeit war davon bislang nichts bekannt.

„Tragfähige Lösung“ ist das Ziel

Darüber, ob diese Aufträge noch ausgeführt werden können, will der Insolvenzverwalter an diesem Freitag mit der Geschäftsführung sprechen. „Ziel ist es, eine tragfähige Lösung für die Schiffswerft zu erarbeiten“, teilte Kaufmann mit. Fosen-Yard-Geschäftsführer Carsten Stellamanns war für diese Zeitung bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Unterdessen mehren sich in Emden die Vermutungen, dass Fosen Yard die Aufträge an seinen neuen Standort in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) ziehen könnte. Dort hat eine andere Tochter der norwegischen Fosen-Gruppe im April einen Pachtvertrag über Teile des maritimen Industrie und Gewerbeparks Volkswerft mit der Stadt abgeschlossen. Der Park befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Volkswerft, die zu der insolventen MV-Werften-Gruppe gehört.

Auch in Stralsund gibt es Unruhe

Laut einem Bericht der Ostsee-Zeitung hat die Insolvenz von Fosen Yard Emden auch in Stralsund Unruhe ausgelöst. Dort wird befürchtet, dass die Pleite in Emden Auswirkungen auf die Pläne der Stadt haben könnte. Im Stralsunder Rathaus bleibt man allerdings optimistisch. Die Stadt teilte am Mittwoch mit, nicht von der Insolvenz der Emder Werft betroffen zu sein.

Den Pachtvertrag für Teile des Gewerbe- und Industrieparks habe eine andere Tochter der norwegischen Holding abgeschlossen. Die Pächterin sei von Emden „vollständig unabhängig“, heißt es in der Mitteilung der Stadt Stralsund. Allerdings ist der Geschäftsführer ebenfalls Carsten Stellamanns.

IG-Metall-Vize: „Das hat ein Geschmäckle“

Weiter teilte die Stadt Stralsund mit, dass Fosen Yard in Deutschland die Ausschreibung für den Bau von vier LNG-Bunkerschiffen gewonnen hat. „Die weitere Umsetzung läuft“, heißt es. Und weiter: „Nach den neuen Plänen des Unternehmens und aufgrund der Insolvenz in Emden könnte das gesamte Programm vollumfänglich in Stralsund umgesetzt werden.“ Man sehe keinen Grund, am Erfolg von Fosen in Stralsund zu zweifeln. Die Stadt Stralsund zitiert auch den Geschäftsführer der Fosen Yard AS im norwegischen Rissa, Anders Straumsheim: „Wir werden in Stralsund Schiffe bauen. Darauf freue ich mich.“

Der IG Metall in Emden hat man nach Angaben ihres 2. Bevollmächtigten Thomas Preuß von offizieller Seite gesagt, dass man Fosen Emden zugunsten von Stralsund nicht im Stich lassen wolle. „Aber natürlich hat das ein Geschmäckle“, sagte Preuß am Donnerstag nach der Betriebsversammlung.

Betriebsrat: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auch für Betriebsratschef Frank Hieronimus hat es „einen ganz faden Beigeschmack“, dass zeitgleich mit der Insolvenzanmeldung in Emden der Pachtvertrag in Stralsund zum 1. Juni wirksam wurde. Das sei „ein Schlag ins Gesicht für alle Mitarbeiter“. Möglicherweise arbeite man in Emden irgendwann aber auch Hand und Hand mit Stralsund.

Grundsätzlich sei man aber in Emden „verhalten optimistisch, dass es doch noch irgendwie weitergeht“, sagte Hieronimus. Es sei mittlerweile die fünfte Insolvenz an diesem Standort und viermal habe man das Glück gehabt, Investoren zu finden. Jetzt hoffe man ebenfalls auf eine Lösung. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, so Hieronimus.

Thomas Buß ist bei Fosen Yard in Emden beschäftigt. Der 52 Jahre alte Emder macht zum fünften Mal eine Insolvenz an dem Werftenstandort mit. Foto: H. Müller
Thomas Buß ist bei Fosen Yard in Emden beschäftigt. Der 52 Jahre alte Emder macht zum fünften Mal eine Insolvenz an dem Werftenstandort mit. Foto: H. Müller

Zum fünften Mal muss auch Thomas Buß eine Insolvenz erleben. Der 52-jährige Emder, der als Teamleiter in der Brennerei von Fosen in Emden tätig ist, reagierte relativ gelassen. Zu seinen Gefühlen sagte er nach der Betriebsversammlung: „Es wird jedes Mal schlechter, aber die Hoffnung bleibt bestehen.“

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