Osnabrück, Hamburg, Flensburg  Zum Start des 9-Euro-Tickets: Unsere schlimmsten ÖPNV-Erfahrungen

Christian Ströhl, Carina Hindersmann, Sarah Sauerland, Laura-Cäcilia Wolfert, Julia Wadle
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Von Christian Ströhl, Carina Hindersmann, Sarah Sauerland, Laura-Cäcilia Wolfert, Julia Wadle
| 02.06.2022 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit dem 9-Euro-Ticket kannst Du drei Monate lang den gesamten Nahverkehr in Deutschland nutzen. Wir wollen Dich warnen. Foto: imago images(2)/wolterfoto/Panthermedia; dpa/Tom Backes
Mit dem 9-Euro-Ticket kannst Du drei Monate lang den gesamten Nahverkehr in Deutschland nutzen. Wir wollen Dich warnen. Foto: imago images(2)/wolterfoto/Panthermedia; dpa/Tom Backes
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An Pfingsten mit dem 9-Euro-Ticket ans Meer? Klingt gut, doch sei gewarnt: Im Regionalexpress lauert der Wahnsinn. Unsere Redakteure haben es erlebt und schildern hier ungeschönt ihre schlimmsten ÖPNV-Erfahrungen.

Ja, das 9-Euro-Ticket ist eine schöne Idee. Für nur neun Euro kannst Du den kompletten Nahverkehr in Deutschland nutzen. Pendler, die normalerweise mit dem Auto fahren, steigen auf die S-Bahn um, die Hemmschwelle für Leute, die nie oder nur selten in einen Bus steigen, sinkt, und überhaupt: Was haben wir doch für schöne Bahnstrecken in Deutschland?! Für nur neun Euro kannst Du Dir die meisten davon gemütlich aus einem Regionalexpress anschauen. Einfach einen Platz auswählen und mit dem klimatisierten Zug übers Land bummeln. Herrlich!

Ok, wer es nicht gemerkt hat: das war ironisch. Zwar bleibt das 9-Euro-Ticket eine schöne Idee, die Wahrheit über den Nahverkehr in Deutschland sieht aber ganz anders aus. Volle S- und U-Bahnen, Zugausfälle, Gedränge, Stress. Wir haben hier für Dich unsere schlimmsten ÖPNV-Erfahrungen zusammengetragen, damit Du weiß was Dich beim Trip an die Nord- oder Ostsee erwartet.

Stinkende Menschen in der S-Bahn, die wie Sardinen aneinanderkleben, weil es keine Sitzplätze mehr gibt. Bahn voll und auf die nächste warten? Niemals. Einer geht noch, einer geht noch rein. Große Vorfreude auf fremde Menschen, die ihre schwitzende Achseln in Dein Gesicht halten, weil sie sie ihre Arme nach oben strecken, um sich an den Halteschlaufen festzuhalten. Oder Menschen, die auf gar keinen Fall zur Seite rücken, damit andere Fahrgäste aussteigen können. In der Bahn, da wird gerangelt. Frühsport. Kampfsport. Liebste neuen Bahnfahrer: Bitte macht anderen Menschen Platz - und bitte benutzt Deo. (Laura Wolfert)

Freitagabend, 18 Uhr. Die Regionalbahn fährt vom Dorf in die nächste größere Stadt. Die Regionalbahn ist so voll, wie sie laut ist. Das Kind im Vierer auf der anderen Gangseite signalisiert seiner Mutter mit durchdringendem Organ, dass es mal muss. Doch statt das Kind zur Toilette am Ende des Wagens zu begleiten, gibt sie ihm eine Flasche. Mitten im vollbesetzten Zug pisst das Kind hinein. Hatte ich schon erwähnt, dass wir acht (!) Minuten von der Endhaltestelle entfernt waren? Vorhölle, mein Name lautet Regionalbahn. (Julia Wadle)

Der Bus vor Schulbeginn ist generell immer gut gefüllt - problematisch wurde es an einem Morgen im September, als ein Mann mit seinen beiden Windhunden in den Bus einstieg und die Hunde einen kompletten Viererplatz einnehmen mussten. Neben dem Gejaule des einen Hundes kam dann noch das Gekreische von Schulkindern dazu, die teils fasziniert, teils aber auch ängstlich auf die Hunde reagierten. Gegen diese Geräuschkulisse kamen auch die besten Kopfhörer der Welt nicht an. (Carina Hindersmann)

Sechs Stunden Chaos am Hamburger Hauptbahnhof - mit gut gefülltem Reiserucksack auf dem Rücken, Kleinkind in der Trage, Tasche über der Schulter. Warum? Der erste Schnee des Jahres war gefallen. Wie es das Gesetz will, ging nichts vor und nichts zurück. Was ein Mama-Tochter-Trip nach Stuttgart werden sollte, endete nach schier traumatischen Stunden dort, wo er begonnen hatte: am Flensburger Hauptbahnhof. (Nun wird Schnee im Sommer vermutlich nicht fallen - aber sind Sie schon einmal Bahn gefahren, wenn Wind weht?) (Sarah Sauerland)

Wir würden gerne von Euch wissen: Wie findet Ihr eigentlich #neo? Die Umfrage ist ganz, ganz kurz, versprochen! Wenn Ihr mitmacht, helft Ihr uns aber sehr.

Nur 1,5 Stunden dauert die Fahrt mit dem Regio vom Hamburger Hauptbahnhof zum Timmendorfer Strand an der Ostsee. Das klingt verlockend, oder? Sandstrand, Fischbrötchen, Sommersonne… Doch ich warne eindringlich: Nur komplett Wahnsinnige tun das, weil nur komplett Wahnsinnige das aushalten. Dabei ist es völlig egal, zu welcher Zeit Sie in den Zug einsteigen. Es ist egal, ob Sie mit Fahrrad, Kind, Koffer oder alleine reisen.

Es ist übrigens egal, ob Sie zur See hin- oder dort wieder wegwollen: Die Regionalzüge sind immer brechend voll, mit von der Arbeit gestressten oder von der Sonne ausgelaugten, angespannten, unfreundlichen und egoistischen Menschen. Und fällt dann wieder einmal die Klimaanlage aus, wie meine Kollegin Laura treffend beschreibt, herrscht völlige Anarchie. Es ist, als läge sich ein Schalter im Kopf der Zugreisenden um: der Wahnsinn setzt spätestens im Regio ein. (Christian Ströhl)

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