New York „Hamilton“ ist die Heldengeschichte, die Deutschland jetzt braucht
Hamburg ist die Musical-Hauptstadt Deutschlands. Mit „Hamilton“ reiht sich ab Oktober ein neues international erfolgreiches Stück in die lange Liste großer Aufführungen ein. Ein Besuch am Broadway in New York, wo „Hamilton“ seit 2015 läuft.
Standing Ovations, Klatschen und Jubelrufe des Publikums: Die Darsteller des Musicals „Hamilton“ begeistern an diesem Abend in New York ihr Publikum. Sie verbeugen sich, gehen von der Bühne und das war es. Das ist so üblich am Broadway. Ich bin kurz verwirrt, aus Deutschland kenne ich Zugaben und ich will, dass dieser Abend nicht endet. Was bleibt, ist mein Ohrwurm dieser Zeile: „I am not throwin’ away my shot.“
Vor sechs Tagen erfuhr ich, dass ich mir das Musical „Hamilton“ am Broadway anschauen darf – ein paar Monate, bevor das Stück in Hamburg Premiere feiern wird. Sechs Tage später stehe ich, mit Jetlag und vor allem komplett überwältigt von New York, vor dem Richard Rodgers Theater am Broadway. Hier läuft der Musical-Erfolg „Hamilton“ bereits seit 2015. Abend für Abend. Seitdem spielt das Ensemble vor ausverkauften Reihen. Auf dem Weg zum Theater sind wir über den Times Square gelaufen – Touristen mit Handykameras, die Lichter der Werbetafeln, Lärm. In der Straße des Theaters ist es ruhiger, einzig vor dem Eingang hat sich eine Menschentraube gebildet. Gleich beginnt die Show.
Das Richard Rodgers Theater ist nicht die Elbphilharmonie. Statt Prunk und Eleganz gibt es knarzende Stühle, die mit rotem Samt bezogen sind und Sitzreihen, die wenig Beinfreiheit lassen. Das Theater wirkt in die Jahre gekommen. Gleichzeitig ist es mit dem Stuck an den Wänden und dem Licht der Kronleuchter irgendwie gemütlich.
Die Geschichte des amerikanischen Gründervaters Alexander Hamilton ist für deutsche Muttersprachler wie mich nicht ganz einfach zu verstehen. Die Darsteller rappen in enormer Geschwindigkeit, insgesamt sind 23.000 Wörter untergebracht, damit hat „Hamilton“ doppelt so viele Worte wie andere Musicals.
Das amerikanische Publikum feiert den Sprechgesang an diesem Abend in New York. Es gibt immer wieder Zwischenapplaus - zum Beispiel für dieses Lied, dessen Refrain ich noch Tage nach der Show im Ohr habe.
Hören Sie das Lied „My Shot“ aus der englischen Version des Musicals:
Das Musical fasziniert mich, obwohl mir die Geschichte fremd war: Alexander Hamilton ist einer der Gründerväter der USA, einer der Männer, die 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten. Außerdem war er der erste Finanzminister der neuen Nation.
Viele Amerikaner kennen das Gesicht Hamiltons deshalb, weil es den Zehn-Dollar-Schein ziert. Die Broadway-Aufführung verschaffte dem trotzdem etwas in Vergessenheit geratenen Gründervater neue Bekanntheit. Sein Kopf sollte von dem Dollar-Schein verschwinden, dann kam das Musical und er durfte auf dem Zahlungsmittel bleiben.
Lin-Manuel Miranda ist der Macher des Musicals und ein Star in den USA. In seinem eigenen Buchladen, in der Nähe des Times Square, erzählt er vom Erfolg seines Stückes. „Ich denke, warum Hamilton so lange aufgeführt wird, ist, weil es um die Frage geht, was unsere Aufgabe auf der Erde ist. Wir verlassen das Theater mit der Frage, was tue ich mit meinem Leben, warum bin ich hier?“ Die Geschichte weise über die Gründung der USA hinaus und habe noch heute Relevanz.
Damit beantwortet er die Frage, die ich mir vor der Show gestellt habe. Warum sollte sich ein deutsches Publikum ein Musical über einen Nebenschauplatz der amerikanischen Geschichte anschauen? Weil es eine klassische vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Story ist, eine Heldengeschichte.
Alexander Hamilton, geboren auf den Westindischen Inseln, gelingt es trotz Migrationshintergrund zum Assistenten George Washingtons aufzusteigen und bei der Gründung einer neuen Nation Einfluss zu nehmen. Es geht um den Kampf für die Freiheit und um die gesellschaftlichen Chancen eines Außenseiters.
Das Problem mit der Sprache, vor dem ich stand, wird später in Hamburg wegfallen. Über drei Jahre saßen Sera Finale und Kevin Schröder an der Übersetzung des anspruchsvollen und textgewaltigen Epos.
Hören Sie hier eine Kostprobe:
Lin-Manuel Miranda freut sich auf die deutsche Version seines Musicals. Im Interview erzählt der Schauspieler, Autor und Rapper, dass er aufgeregt ist, wie die Übersetzung vom deutschen Publikum aufgenommen wird.
Die Produzenten des Musicals in Deutschland, Stage Entertainment, sehen in dem Stück nichts geringeres als eine Musical-Revolution. Für die USA kann es stimmen: Das Stück von Lin-Manuel Miranda ist nicht nur ein Publikumsliebling - es wurde mit elf Tony-Awards, dem Musical-Oscar, ausgezeichnet und sogar den Pulitzer-Preis gab es.
Nach der Broadway-Show trete ich hinaus in die Nacht, die mitten am Times Square hell erleuchtet ist. Blinkende Reklameschilder von anderen Shows, die zur selben Zeit an der Theatermeile laufen, flimmern mir entgegen.
Die Konkurrenz in Midtown Manhattan ist groß und dennoch läuft „Hamilton“ hier seit über sieben Jahren. Ob sich dieser Erfolg in Deutschland einstellt, wird sich ab Oktober zeigen, dann hat das Musical in Hamburg Premiere.
„Hamilton“ wird ab Oktober 2022 im Hamburger Operettenhaus am Spielbudenplatz 1 aufgeführt.