Bühne  Großes Theater für Ayenwolde wie ein Hörspiel einstudiert

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 30.05.2022 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für Regisseurin Elke Münch und Theaterautor Erhard Brüchert hat das neue Stück viel mit ihren eigenen Erlebnissen zu tun. Foto: Lüppen
Für Regisseurin Elke Münch und Theaterautor Erhard Brüchert hat das neue Stück viel mit ihren eigenen Erlebnissen zu tun. Foto: Lüppen
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Weil der Infektionsschutz das Proben echter Szenen nicht zuließ, begannen die Schauspieler mit intensivem Texttraining. Das Thema Flucht ging dabei nahe.

Hatshausen/Ayenwolde - Noch einmal wollten sich die Schauspieler des Bürgervereins Hatshausen-Ayenwolde nicht vom Virus ausbremsen lassen. In diesem Jahr soll das Stück „Heimat“ als Freilichttheater unbedingt aufgeführt werden. Doch unter Corona-Bedingungen musste eine neue Art des Probens gefunden werden.

Was und warum

Darum geht es: Die Corona-Pandemie hat die Proben für das Freilichtschauspiel „Heimat“ in Hatshausen-Ayenwolde stark verändert.

Vor allem interessant für: Menschen die gerne Theater spielen oder anschauen

Deshalb berichten wir: Wir hatten gehört, dass die neue Art zu proben bei den Schauspielern gut angekommen ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Deshalb hat Regisseurin Elke Münch mit den Schauspielern – zusätzlich zu den Theaterleuten des Bürgervereins sind Akteure aus ganz Ostfriesland dabei – anfangs profan nur den Text geübt. „Jetzt könnten wir das Stück als Hörspiel aufführen“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Textarbeit am Tisch gehöre immer zu den ersten Schritten bei der Arbeit an einem neuen Stück. Nur nicht so intensiv.

Weil die Schauspieler bei dieser Übung auf jede Form von Bewegung verzichten müssen, konzentrieren sie sich voll auf den Text und die Rolle. „Die Schauspieler können ihre Figuren vom Kopf her begreifen“, sagt Elke Münch, die bereits bei vielen großen Stücken in Ostfriesland Regie geführt hat. Dazu gehöre, sich die passenden Bilder im Kopf zu erschaffen. Das sei bei diesem Thema nicht leicht gewesen.

Flucht und Vertreibung selbst erlebt

Denn in „Heimat“ geht es um die unmittelbare Nachkriegszeit in Hatshausen. Flüchtlinge aus dem Osten, damals sprach man von Vertriebenen, kamen nach Ostfriesland. Sie brauchten Wohnraum, sie brauchten Essen und wollten arbeiten. Konflikte mit den Einheimischen blieben nicht aus.

Der Autor des Stückes, Erhard Brüchert, hat das selbst als Kind miterlebt. „Aber ich hatte Glück, ich bin immer gut aufgenommen worden“, sagt Brüchert, der in Norden aufwuchs. Andere hatten es nicht so leicht. Eine der Hauptfiguren ist „Paula“. Sie geht auf eine echte Person zurück, die als Flüchtling nach Hatshausen kam. Um das, was sie erlebt hat, geht es in dem Stück.

Für die Schauspieler, die zu jung sind, um auf eigene Erfahrungen zurückzugreifen, keine leichte Sache. „Wir haben viel über die Thematik gesprochen“, sagt Münch. Viele Akteure hätten wohl auch ältere Familienmitglieder befragt und auf diese Weise zum ersten Mal mit ihnen über diese schwere Zeit gesprochen. „Dazu wird es höchste Zeit“, sagt Brüchert, der sich für das Stück unter anderem mit der echten „Paula“ unterhalten hat.

Rollen mit großer Tiefe erarbeitet

Marina Bohlen, Vorsitzende des Bürgervereins und der Arbeitsgemeinschaft Ostfriesischer Volkstheater, war von den Textproben schwer angetan. „Es ist die Frage, ob wir das nicht jetzt immer so machen sollten“, sagt sie. Die Sprechproben hätten die Rollen in einer Tiefe vermittelt, die sie so noch nicht erlebt habe – dabei hat Marina Bohlen schon in vielen Stücken auf der Bühne gestanden. Inzwischen haben die Proben auf der Bühne mit Requisiten begonnen.

Regisseurin Münch hatte sich zu Beginn die Frage gestellt, ob Menschen die Zeit von damals heute auf der Bühne sehen wollen. „Jetzt denke ich: Ja“, sagt sie. Denn durch den Krieg in der Ukraine habe das Stück ungewollt Aktualität bekommen. Was haben Menschen erlebt, die vor dem Krieg fliehen? Wie gehen wir mit ihnen um? Wie lösen wir die Konflikte, die es immer geben wird, wenn die Geflohenen in ihrer neuen „Heimat“ ankommen?

Nicht nur für Brüchert kommen persönliche Erfahrungen ins Spiel, auch für Münch: Sie war in den 80er Jahren aus der DDR „ausgereist“, de fakto ist sie in den Westen geflohen. Die Ablehnung, die Flüchtlinge 1945 oder heute zu spüren bekommen, sei nicht immer zu vermeiden. „Man kann so eine Reaktion auch verstehen“, findet Münch. Wichtig sei, dass es zur Ablehnung immer die andere Seite gebe: „Die heißt Hilfe.“

Hier ist das Stück zu sehen

Das Stück „Heimat“ wird an insgesamt 14 Terminen ab dem 22. Juli bei der Alten Küsterei in Ayenwolde aufgeführt, und zwar mittwochs, freitags, sonnabends und sonntags (außer am 24. Juli, dafür am 7. August auch 15 Uhr), sowie am Dienstag, 9. August, jeweils um 20 Uhr. Begleitet wird das Schauspiel von einem „Sechs-Jahrzehnte-Markt“ des Bürgervereins. Nähere Informationen gibt es auf der Internetseite des Vereins. Eintrittskarten gibt es telefonisch unter 04945 / 1666 oder 04945 / 990108 sowie in der Tourist-Info Moormerland, Dr.-Warsing-Straße 79 in Warsingsfehn.

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