Blomberger spendet Knochenmark Ein Kennenlernen mit dem „genetischen Zwilling“
Mirco Claassen ließ sich mit 18 Jahren in die Spenderdatei der DKMS aufnehmen. Er kam für eine Spende in Frage und rettete Milan damit das Leben. Heute sind die Männer Freunde.
Blomberg - Das Leben bringt Menschen manchmal auf verworrenen Pfaden zusammen. Mirco Claassen aus Blomberg fand in Montenegro einen Freund. Gerade hat er dort zehn Tage lang Urlaub an der Seite von Milan gemacht: „Wir sind beide auf einer Wellenlänge. Wir teilen fast denselben Humor.“ Darüber hinaus haben sie am gleichen Tag Geburtstag. Doch was viel wichtiger ist: Milan ist der sogenannte genetische Zwilling des 26-Jährigen. Die Gewebemerkmale beider Männer stimmen nahezu zu 100 Prozent überein.
Was und warum
Darum geht es: Mirco Claassen hat sein Knochenmark gegeben. Im Gegenzug fand er einen neuen Freund.
Vor allem interessant für: jeden, der schon bei der DKMS registriert ist oder mit dem Gedanken spielt, sich typisieren zu lassen
Deshalb berichten wir: Es kann so einfach sein, ein Leben zu retten: Es braucht nur einen wichtigen ersten Schritt. Der Text soll zeigen, was sich daraus für Möglichkeiten ergeben können. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Vor weniger als drei Jahren spendete Claassen Stammzellen für den an Leukämie erkrankten Südosteuropäer. Damals war alles anonym. Heute weiß Claassen einiges über den 37 Jahre alten Mann aus Montenegro: „Von Milan habe ich erfahren, dass er im Krankenhaus schon palliativ versorgt wurde. Er wurde durch eine Sonde ernährt und konnte nicht mehr laufen.“ Nach der Stammzelltransplantation begann bei Milan ein Genesungsprozess. Claassen kann es noch immer kaum fassen: „Das ist schon ein großes Wow!“ Und ein seltenes dazu: Nur jeder hundertste potenzielle Spender der DKMS kommt zum Zug.
DKMS hat mehr als elf Millionen Spender in der Datenbank
Heute gelte Milan als geheilt vom Blutkrebs, erzählt Claassen im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es ist unglaublich, wenn man ihn jetzt sieht. Das ist schon ein kleines Wunder.“ Dabei sei es für ihn so leicht gewesen, unterstreicht Claassen. Ermöglicht hat das die DKMS. Sie führt eine Spenderdatenbank mit mehr als elf Millionen Freiwilligen und bringt eigenen Informationen zufolge pro Jahr mehr als 7600 Menschen zusammen. Stammzelltransplantationen werden dann notwendig, wenn Kinder oder Erwachsene eine schwerwiegende Erkrankung des blutbildenden Systems haben. Die kann eine Form von Blutkrebs oder Blutarmut sein. Nur bei einer möglichst hohen Übereinstimmung kann der Stammzellengeber zum Lebensretter für den an Leukämie erkrankten „genetischen Zwilling“ werden. Innerhalb der Familie, vorrangig bei Geschwistern, ist die Wahrscheinlichkeit einer Übereinstimmung am größten. Gibt es die nicht, kommt die DKMS ins Spiel.
Mirco Claassen erzählt nur widerwillig von seinen Erfahrungen. Eigentlich würde er sie lieber für sich behalten. Er will keine Anerkennung dafür, dass er geholfen hat, unterstreicht der Vater einer Vierjährigen. „Helfen ist wichtig“, sagt er schlicht. Claassen ist auch von Beruf Helfer. Er arbeitet als Rettungssanitäter in Aurich. „Man muss sich ja nur fragen, was wäre, wenn man selbst erkrankt.“ Er erzählt seine Geschichte nur, um andere auf die DKMS aufmerksam zu machen, sagt er. Damit mehr Menschen Spender werden. Unter www.dkms.de steht, wie es geht. Milan sei einverstanden, wolle aber nicht mit vollem Namen genannt werden. Claassen war 18 Jahre alt, als er sich typisieren ließ. „Das ging ganz schnell: Es braucht nur ein Wattestäbchen und ein paar persönliche Daten.“ Vor fast drei Jahren bekam er den entscheidenden Anruf: „Da hieß es, es könnte einen Empfänger geben.“ Es folgten erste Termine beim Hausarzt, dann in einer Kölner Klinik. Claassen bekam einen ausführlichen Gesundheitscheck.
Spender sein ist schnell und einfach
Alles wurde von der DKMS organisiert. Mirco Claassen sagt, er habe sich jederzeit bestens aufgehoben und informiert gefühlt. Und er sei auch immer wieder gefragt worden, ob er es durchziehen wolle. Doch die Frage habe sich für ihn gar nicht gestellt. „Die Spende hat nur 20, 30 Minuten gedauert.“ Mit An- und Abreise, Vor- und Nachsorge sowie einer Verschnaufpause sei er drei Tage in Köln gewesen. Es gibt zwei Varianten, um an die Stammzellen heranzukommen: Sie werden aus dem Blut gefiltert oder aus dem Beckenkamm entnommen. Bei Claassen wurden die Zellen aus dem Blut gewaschen, erinnert er sich. Die Entnahme habe wie eine Dialyse funktioniert. „Am Tag der Spende soll man sich noch ausruhen. Am nächsten Tag hätte ich schon wieder Marathon laufen können.“
Claassen habe zudem drei Eckdaten vom Empfänger bekommen. Der sei männlich, um die 30 Jahre alt und stamme aus Serbien, hieß es. Mehr Informationen gibt es zunächst nicht – und auch später nur auf ausdrücklichen Wunsch. Zwei Jahre Anonymität sind bei der DKMS Pflicht. „Aber man kann immer wieder nachfragen, wie es dem Empfänger geht.“ Das tat der Blomberger. So erfuhr er nach vier Monaten, dass der Empfänger die Spende ohne Nebenwirkungen vertragen hatte. Nach gut einem Jahr hörte Claassen, dass der für ihn damals noch fremde Mann sieben Monate nach dem Eingriff aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Claassen habe zunächst kein Kennenlernen gewollt. Er habe keinen Druck aufbauen wollen. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, der Mann wäre ihm zu Dank verpflichtet. „Ich habe das für mich gemacht. Er ist mir nichts schuldig“, unterstreicht er.
Kennenlernen in Montenegro
Wie sich zeigen sollte, war der Empfänger aber sehr an einem Kennenlernen interessiert. Er suchte den Kontakt. Seit dem ersten Briefwechsel über die DKMS im vergangenen Oktober ist der immer intensiver geworden. Es folgte schnell ein Videochat mit Milan und seiner Frau Irena. Beide sprechen nur Serbisch. Ein Freund der Familie lebt in Deutschland und übersetzt. Auch beim ersten persönlichen Kennenlernen war der dabei. Und das dauerte immerhin zehn Tage. Im Mai flogen Claassen und seine Ehefrau nach Montenegro. Sie besuchten das Paar in ihrer Kleinstadt. Und reisten mit ihnen gemeinsam ans Meer. Für Mitte September ist ein zweiter Besuch geplant. „Wir wollen uns dann genauer kennenlernen und feiern unseren Geburtstag nach“, freut sich Claassen schon jetzt.
Kommendes Jahr, so hofft Claassen, ist Milan möglicherweise wieder kräftig genug, um nach Ostfriesland zu reisen. Noch sei sein Immunsystem zu anfällig. Der Sanitäter freut sich darauf, seinem neu gewonnenen Freund dann sein Zuhause zeigen zu können. „Ich denke, dass wir in Zukunft engen Kontakt halten werden.“ Claassen steckt voller Bewunderung für Milan, den die Ärzte aufgegeben hatten – und der heute wieder voller Leben steckt. Beide verbinde viel. Bei all den genetischen Übereinstimmungen seien sie aber durchaus verschieden: „Letztlich ist er schon ein anderer Mensch. Aber wir sind schnell auf eine Wellenlänge gekommen.“