Inflation früher und heute Wirtschafts-Experte macht Hoffnung – und gibt Tipps
Eine Greetsielerin kämpfte vor 100 Jahren für ihre Milliarden-Rente, die damals nichts mehr Wert war. Könnte das wieder passieren? Ein Experte im Gespräch.
Greetsiel/Emden - Als ihr Mann Freerk Roß starb, konnte seine Frau Johanna Catharina Roß (Mädchenname Hobbing) zunächst gut über die Runden kommen. Das änderte sich für die Greetsielerin jedoch vor 100 Jahren, als im Deutschen Reich die Hyperinflation losbrach. Plötzlich war das Geld nichts mehr Wert, ein Brot kostete locker mal mehrere Milliarden Mark. Was das genau für die Witwe bedeutete, ist in alten Unterlagen nachzulesen. Auch jetzt gerade bekommen es die Menschen hierzulande wieder mit den Folgen einer größeren Inflation zu tun. Könnte sie so schlimm wie damals werden? Was sollte man beachten? Darüber hat unsere Zeitung mit einem Wirtschafts-Experten gesprochen.
Was und warum
Darum geht es: Wir beleuchten ein Einzelschicksal aus der Zeit der Hyperinflation von 1923. Zudem bewertet ein Experte die damalige und heutige Situation und gibt Tipps.
Vor allem interessant für: Menschen, die Angst vor der derzeitigen Inflation haben
Deshalb berichten wir: Heiner Roß aus Hamburg hatte uns gefragt, ob die momentan angespannte Finanzlage nicht eine gute Gelegenheit wäre, um über die Geschichte seiner Urgroßmutter zu berichten. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Auf die Geschichte von Johanna Catharina Roß hat uns allerdings nicht er, sondern ihr Urenkel Heiner Roß aufmerksam gemacht. Er lebt heute in Hamburg und schickte uns den Schriftwechsel zu, der Anfang der 1920er Jahre zwischen seiner Urgroßmutter und den Behörden erfolgte. Eine Kopie davon befindet sich laut ihm auch in der Personalakte ihres Mannes, die im Niedersächsischen Landesarchiv in Aurich liegen soll.
Klagen über teure Lebensmittel
Johanna Catharina Roß wurde am 26. September 1839 in Greetsiel geboren und heiratete Freerk Roß im Jahr 1872. Die beiden hatten drei Kinder und lebten außerhalb Greetsiels. Erst nach dem Tod ihres Mannes am 10. Juli 1896 kehrte Johanna Catharina in ihren Geburtsort zurück. Dort lebte sie in einem bis heute erhaltenen Haus an der Sielstraße und bis in die 1920er Jahren hinein offenbar ohne finanzielle Probleme. Dann begann laut ihrem Urenkel jedoch ein verzweifelter Kampf um die rechtzeitige Auszahlung der Witwenrente, die wegen der grassierenden Inflation Monat für Monat wertloser wurde und sie vor allem 1923 verarmen ließ. Am 27. Januar 1924 starb die alte Dame.
Bereits am 22. März 1922 schreibt die Witwe an die Preußische Kreiskasse in Emden, dass sie wegen der großen Teuerung „nicht im Stande“ sei, ihren Lebensunterhalt „auch nur notdürftig zu fristen, so dass ich schon in Schulden geraten bin.“ Die Kreiskasse verspricht nur zwei Tage später, die Bezüge neu zu regeln und auf jährlich 10.064,40 Mark anzupassen.
Im September dann beklagt Roß, dass die Kosten für Lebensmittel im Vorjahresvergleich um 100 Prozent gestiegen sind und bittet um eine wesentliche Erhöhung der Pension, um nicht auf Armenunterstützung angewiesen zu sein. Dann kam auch noch eine zehnprozentige Steuer oben drauf, von der die Witwe im Oktober bittet, befreit zu werden. „Dieser Zustand als 84-jährige hilflose Frau ist doch auf die Dauer unerträglich“, so Roß.
224 Milliarden Mark Monatsrente
Richtig schlimm wird es dann im Folgejahr 1923, als die deutsche Regierung Geldvermehrung betrieb und einfach immer größere Zahlen auf die Geldscheine druckte. Immer schneller vervielfachte sich damals die Abwertung gegenüber dem US-Dollar, bis man dafür schließlich im November 4,2 Billionen Mark bekam. Gleichzeitig war der Staat immer weniger dazu in der Lage, als Verlierer des Ersten Weltkriegs Reparationszahlungen an die Siegermächte zu leisten. Die Hyperinflation führte zu einem teilweisen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und des Bankensystems.
In einem Brief an die Preußische Regierung vom 2. November 1923 will so auch Roß verständlicherweise wissen, wie viel Geld sie derzeit überhaupt noch zu erwarten hat. Seit Wochen könne sie sich nur noch trockenes Brot leisten. Ein halbes Brot koste sie mehr als sechs Milliarden Mark. Aus Aurich antwortet man, dass für den Monat Oktober gut 224 Milliarden Mark an sie ausbezahlt worden sind. Wie viel es für den November sein werde, stehe noch nicht fest.
Könnte sich ein Fall wie dieser wiederholen? Darüber hat unsere Zeitung mit Prof. Dr. Wolfgang Portisch von der Hochschule Emden/Leer gesprochen. Der 56-jährige Wirtschafts-Experte unterrichtet unter anderem das Fach Wertpapier-Management – und handelt mit Aktien, seitdem er 16 ist.
Das war 1922 anders als heute:
Vor 100 Jahren sei die Lage eine ganz andere gewesen, sagt er. Nach dem Ersten Weltkrieg habe es keine stabile Wirtschaft gegeben wie heute und die Politik zeichnete sich durch Splitterparteien mit sehr unterschiedlicher Ausrichtung aus. Heute gebe es eine kleinteilige Wirtschaft mit erfolgreichen mittelständischen Firmen und auch großen international tätigen Unternehmen. Das sei wichtig, weil sie Wohlstand generieren und auch die Politik stützen sowie ein friedliches Zusammenleben fördern.
Damals hingegen wurden immer mehr Geldscheine gedruckt, um die stetig steigenden Preise beispielsweise für Lebensmittel bezahlen zu können. „Eine unheilvolle Spirale, aus der man nicht herauskam“, so Portisch. Die Geldnoten hatten keinen Wert, was auch die Bauern in Ostfriesland wussten. „Sie horteten teilweise ihre Erzeugnisse und gaben diese nur gegen harte Währungen wie Gold und Zigaretten heraus.“ Heute werde so etwas nicht noch einmal passieren, ist sich Portisch sicher. Die Wirtschaft sei robust, die Inflationsrate werde beobachtet und üblicherweise werde mit Zinserhöhungen gegengesteuert. Auch große Scheine sind nicht mehr attraktiv, so wird der 500-Euro-Schein gar nicht mehr gedruckt. Vielmehr wird heutzutage bargeldlos bezahlt.
Dementsprechend werden wohl auch keine alltäglichen Tauschgeschäfte auf Schwarzmärkten nötig sein, wie es sie einst gab. Bei ihnen dienten zum Beispiel Zigaretten als Ersatz-Zahlungsmittel. Diese Geschäfte waren jedoch verboten, vermutlich da diese an der Steuer vorbei gemacht wurden. Zwar gebe es auch heute in der Wirtschaft ab und an mal Tauschgeschäfte, aber diese hätten mehr Nachteile als Vorteile. So könnte unter anderem die Qualität von getauschter Ware schwanken und es kämen Lagerkosten hinzu.
Inflation ist in Maßen gut
Laut dem Professor sind Preisschwankungen und auch -anstiege heute völlig normal und in Maßen auch wichtig. Eine Inflationsrate von etwa zwei Prozent strebe die EZB sogar an. Dadurch können Firmen wachsen, weil es für sie immer attraktiver wird, zu produzieren. Auch die Löhne steigen dadurch am Ende. Eine Deflation, also sinkende Preise, wird hingegen vermieden und schadet der Wirtschaft. Eine Stagflation ist laut dem Professor das Schlimmste. Gemeint ist damit eine Inflation bei gleichzeitiger Stagnation der Wirtschaft.
Um diese Entwicklung zu steuern, ist Portisch zufolge der Leitzins das entscheidende Instrument. Er wird von der Europäischen Zentralbank (EZB) festgelegt, dient als Richtschnur und wurde vor ein paar Jahren auf null Prozent gesenkt, was zu günstigen Krediten führte. Damit sollte die Wirtschaft belebt und vor allem sollte stark verschuldeten EU-Ländern wie Griechenland unter die Arme gegriffen werden, denn es reduziert die Zinslast für Staatsanleihen. Es hat aber auch Auswirkungen auf den Alltag vieler Bürger. Sie können sich immer häufiger Kredite leisten, um sich ein eigenes Grundstück zu kaufen und um ein Haus zu bauen. Die Nachfrage in diesem Sektor stieg also an und damit auch die Preise für Immobilien, ein Ausdruck für Inflation.
Was hilft gegen starke Inflation?
Um das zu ändern, müsste die EZB nun eigentlich dringend wieder den Leitzins erhöhen, so Portisch. Das mache die Zentralbank zwar bislang mit Rücksicht auf hochverschuldete Länder vermutlich nicht. Der Markt aber habe diese erwartete Zinsentwicklung in den vergangenen Monaten bereits vorweggenommen. Lag beispielsweise der Zinssatz für die Gesamtfinanzierung eines Hauses noch zum Jahreswechsel bei etwa 1,2 Prozent, seien es inzwischen durchschnittlich rund 2,5 Prozent.
Sobald die Kredite zu teuer werden, werden sich auch wieder weniger Familien ein Haus leisten können, erklärt der Professor. Dann können die Preise für Immobilien wieder sinken, aufgrund einer geringeren Nachfrage. Die Inflation, die derzeit bei schätzungsweise etwa sieben Prozent liegt, geht langsam zurück.
Wie schlimm ist die Lage wirklich?
Der Experte betont, wie gut sich die deutsche Wirtschaft gerade zwischen 2009 und 2020 entwickelt hat. Auch die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie habe sie den Umständen entsprechend bislang gut verkraftet. Allerdings habe niemand mit einem Krieg in der Ukraine und den damit verbundenen Problemen gerechnet, was die Lage nun wieder von Neuem anspanne.
Bedenken müsse man aber, dass es auch jetzt noch Schnäppchen im Supermarkt gebe und zum Beispiel die Preise für manche Elektrogeräte fallen. Beim durchschnittlichen Warenkorb einer Familie seien die Auswirkungen unter dem Strich nicht so fatal. Den Kunden fielen allerdings vor allem die Produkte auf, für die jetzt mehr gezahlt werden müsse, wie beim Benzin an der Tankstelle, mutmaßt der Professor. Deutlich mache sich die Preissteigerung nämlich vor allem beim Strom, Gas und Öl. Die Lage werde sich aber auch wieder beruhigen.
Wann muss der Staat helfen?
So warnt Portisch auch davor, dass sich die Regierung dazu verleiten lässt, Geld in große Betrieb zu pumpen, um deren Zukunft und die der Mitarbeiter zu sichern. Vorübergehend seien staatliche Hilfen und Subventionen im Einzelfall durchaus der richtige Weg, zum Beispiel im Falle des Geldes, dass Gastronomen während der Corona-Shutdowns erhielten. Immerhin sei da klar gewesen, dass sie nur unter einem vorübergehenden Engpass leiden. Dahingegen sollten Unternehmen ausgeklammert werden, die sich auch in normalen Zeiten und ohne Subventionen nicht rentieren. Das schade der Volkswirtschaft unter dem Strich und was nicht von selber laufe, müsse weichen, findet er.
Was sollten die Bürger beachten?
Wenn es um einen möglichen Wertverlust des Geldes geht, ist oft der Gedanke an Wertanlagen da. Wer es sich leisten kann, tauscht so sein Vermögen in Gold oder andere Wertgegenstände oder investiert in Immobilien. Macht das Sinn? „Das kann man schon machen“, sagt der Professor. Allerdings gelte es hierbei einiges zu beachten. So hänge der Goldwert mit dem Dollarpreis zusammen. „Zudem zahlt Gold keine Dividende und findet sich unter dem Eis der Arktis ein riesiger Goldberg, dann wird der Preis vermutlich sinken.“ Es gibt also keine Sicherheit für den dauerhaften Werterhalt.
Bei Investitionen in Grundstücken und Gebäuden sei wiederum die Frage, wann der Preis bei den jetzt wieder steigenden Zinsen zu sinken beginne. Außerdem müsse man bedenken, dass beim Kauf und Wiederverkauf Grunderwerbsteuern, Notarkosten, Eintragungsgebühren und eventuell Maklerprovisionen anfallen. Wer jedoch für sich selbst baue beziehungsweise kaufe, könnte damit nie etwas falsch machen, erklärt Portisch. Alleine schon, weil man sich nach der Abbezahlung die Miete spare und es sich schöner leben lässt.
Welche Rolle spielen Aktien?
Zudem rät der Finanzexperte dazu, über Investitionen in Aktien nachzudenken. Zwar sollte man sich darüber gut informieren und beraten lassen und keinesfalls nur in einzelne Aktien investieren. Suche man sich aber Titel aus verschiedenen Sektoren aus, die man kennt und an deren Erfolg man glaubt, könne das eine gute Wahl sein. Fondssparpläne, die Banken anbieten, seien oft eine gute Alternative. „Dabei erwerben Anleger in regelmäßigen Abständen Anteile an Aktien oder Anleihen und können somit über längere Zeit von der Wertentwicklung und von Gewinnausschüttungen profitieren.“
Börsen-Crashs gebe es zwar immer mal wieder und sie seien vorübergehend schmerzhaft, aber in aller Regel erhole sich die Marktlage früher oder später auch wieder. Zudem bieten sich laut dem Professor günstige Einstiegschancen in den Aktienmarkt: „Es macht gerade dann Sinn zu investieren, wenn die Lage aussichtslos erscheint, denn dann sind die Aktien günstig, wie zuletzt nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie“, weißt er. „Immerhin greift man auch im Laden gerne mal zu, wenn deutliche Rabatte gegeben werden.“