Osnabrück „Man ist ein Stück weit ausgeliefert“ - Was bei einem Geburtstrauma helfen kann
Nach der Geburt ihrer Tochter war eine 27-jährige Osnabrückerin so traumatisiert, dass sie auch zwei Jahre später noch auf Medikamente, Schlafmittel und psychologische Begleitung angewiesen ist. Hilfe fand sie unter anderem bei Susanne Steinhübel, die seit 2003 als Psychologin und Psychotherapeutin in der Profamilia-Beratungsstelle in Osnabrück arbeitet.
Darum geht es in diesem Text:
Frau Steinhübel, vor wenigen Tagen berichtete unsere Redaktion über eine Osnabrückerin, die seit der Geburt ihrer Tochter unter einem Geburtstrauma leidet. Wie häufig haben Sie bei Profamilia mit dem Thema Geburtstrauma oder Gewalt unter der Geburt zu tun?
Das ist eine schwierige Frage, denn der Schwerpunkt der Beratung liegt auf den Themen Sexualität und Partnerschaft. Es kommt schon häufiger vor, dass eine Frau nach sogenannten Spätabbrüchen, Tot-oder Fehlgeburten hier Hilfe sucht. Das Thema wird allerdings auch sichtbar, wenn es sexuelle oder partnerschaftliche Probleme gibt. Dann spielen öfter auch seelische Verletzungen durch eine Geburt eine Rolle. Womit ich auch häufiger zu tun habe, sind Frauen, die unter einer postpartalen Depression leiden, und eine der Ursachen hierfür kann ein traumatisches Geburtserlebnis sein.
Welche Tipps können Sie Frauen geben, damit es gar nicht erst zu so einem Trauma kommt? Wie kann man sich vorbereiten und schützen?
Eine Geburt ist nie völlig vorhersehbar. Man ist ihr ein Stück weit ausgeliefert und kann sie nie wirklich planen. Daher sollte man im Vorfeld mit seiner Hebamme mögliche Risikoszenarien durchsprechen. Es ist für Frauen wichtig, dass alles transparent bleibt, dass sie sich selbst während der Geburt als handlungsfähig erleben. Es kann auch helfen, sich vorab medizinisch notwendige Eingriffe genau erklären zu lassen, vielleicht auch an einer Kreißsaalführung teilzunehmen. Wobei diese Führungen wegen der Pandemie in den vergangenen Monaten nicht stattfinden konnten, aber stattdessen gab es online Angebote. Auch nach der Geburt finde ich es wichtig, in der gynäkologischen Praxis noch einmal über das Erleben der Geburt zu sprechen.
Eine Geburt ist sicherlich für jede Frau ein einschneidendes Erlebnis – ab wann spricht man von einem Trauma?
Ein Trauma kann auftreten, wenn man eine bestimmte Erfahrung gemacht hat, die unsere Verarbeitungsfähigkeit übersteigt. Eigentlich hat ein Mensch ja Flucht- oder Kampfimpulse; bei Gefahrensituationen wird der gesamte Körper aktiviert, der Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich an, die Atmung wird schneller. Bei einem Trauma ist das anders: Hier besteht eine Hilflosigkeit, ein absoluter Kontrollverlust. Die üblichen Mechanismen greifen nicht mehr, es kommt zu einer Erstarrung, zur Bewegungsunfähigkeit. Das kennt man vielleicht aus dem Tierreich, wenn sich eine Gazelle angesichts einer Bedrohung nicht anders zu helfen weiß, als sich tot zu stellen. Wenn es unter einer Geburt plötzlich hektisch wird, wenn einen die Angst überrollt, dann kann es auch zu einer Dissoziation kommen: Alles erscheint einem unwirklich, man betrachtet sich selbst quasi von außen, fühlt sich nicht mehr mit dem eigenen Körper verbunden, empfindet dadurch aber auch nicht mehr so starke Schmerzen.
Typisch für ein Trauma ist, dass man sich nach dem Erlebnis tagelang ängstlich fühlt, dass immer wieder Erinnerungssplitter auftauchen, sogenannte Flashbacks, dazu Schlaflosigkeit und eine gewisse Übererregbarkeit. Hinzu kommt ein Gefühl von Schuld und Gescheitert-sein. Die Frage, ob man etwas hätte anders machen können. Normalerweise stabilisiert sich das etwa sechs bis acht Wochen nach dem traumatischen Ereignis wieder. Wenn aber auch nach sechs Monaten noch die geschilderten Probleme auftreten, dann ist therapeutische Hilfe dringend nötig, dann kann es sich um eine Posttraumatische Belastungsstörung handeln.
Ist ein Trauma denn gut therapierbar?
Es kommt sehr auf das Trauma an. Mehrfache Traumatisierungen sind schwieriger zu therapieren als ein einmaliges traumatisches Erlebnis. Es gibt verschiedene Arten von Traumatherapie, eine sehr renommierte ist zum Beispiel die EMDR. Nicht immer ist eine professionelle Traumatherapie nötig, manchmal reicht auch schon eine gute Beratung oder Begleitung durch diese schwierige Zeit. Auch eine sogenannte Traumakonfrontation, also ein detailliertes Nacherzählen des Erlebten, muss nicht in allen Fällen gemacht werden. Es kann Frauen helfen, ihren Geburtsbericht anzufordern, um mögliche Erinnerungslücken zu schließen, oder sogar die Geburtsräume noch einmal aufzusuchen, was natürlich viel Mut erfordert. Für die Frau ist es zunächst einmal wichtig zu wissen, dass es sich um ein Trauma handelt und was das bedeutet, damit man es schafft, ein Erlebnis ins Langzeitgedächtnis zu spülen, vereinfacht ausgedrückt. Denn ein Trauma sitzt quasi im emotionalen Gedächtnis im vorderen Bereich des Gehirns, wird nicht weitertransportiert und ist daher so präsent.
Gibt es Zahlen darüber, wie häufig es nach einer Geburt zu einem Trauma kommt?
Es heißt, dass rund 20 Prozent der Geburten als traumatisch erlebt werden und etwa zehn Prozent traumatische Stresssituationen in den ersten Wochen erfahren. Etwa drei Prozent entwickeln nach einer Geburt eine Posttraumatische Belastungsstörung. Ich gehe aber davon aus, dass die Dunkelziffer viel höher liegt.