Artenschutz im Kreis Aurich  Schon ein Stock kann bedrohte Küken retten

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 18.05.2022 18:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Diese Brachvogel-Küken schlüpfen alle gemeinsam. Zwei haben es bereits geschafft. Foto: Böning
Diese Brachvogel-Küken schlüpfen alle gemeinsam. Zwei haben es bereits geschafft. Foto: Böning
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Im Landkreis Aurich setzen sich jährlich etwa 70 Landwirte für gefährdete Bodenbrüter ein. Die Untere Naturschutzbehörde unterstützt ihren Aufwand finanziell.

Ihlow - In einer kleinen Grashöhle, unter einem Dach aus geformten Halmen, liegen vier Eier des Großen Brachvogels. Die Eltern sind kapitale Tiere mit einer Flügelspannweite bis zu einem Meter. Sie warten abseits, bis die Luft wieder rein ist. Wer über diese Wiese in der Blitzniederung bei Riepe läuft, könnte das Nest leicht übersehen – genau darauf hoffen diese Bodenbrüter. Auch die Eier passen deshalb farblich in die Landschaft. Grün sind sie, mit verschiedenfarbenen braunen Sprenkeln. Landschaftsplaner Matthias Bergmann hat das Nest für den Landwirt markiert. Rechts und links in Fahrtrichtung des Traktors stecken Stöcke im Boden, damit er die Nester mit dem Traktor umfahren kann. Das gerade der sie beim Mähen erkennt, ist wichtig für das Überleben der Wiesenbrüter.

Was und warum

Darum geht es: Die Watvögel unter den Wiesenbrütern sind stark gefährdet. Ein Programm des Landkreises hilft seit Jahren bei ihrem Schutz.

Vor allem interessant für: Landwirte und andere Tierfreunde und Artenschützer

Deshalb berichten wir: Momentan mähen die Landwirte zum ersten Mal und die ersten Küken flitzen bereits über die Felder.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Bergmann ist im Auftrag des Landkreises Aurich im Einsatz, sucht und sichert mit seinem Team Gelege. Diese Wiese soll bald gemäht werden, jetzt ist das Gras saftig und voller Eiweiß. Genau so brauchen es die Landwirte für die Grassilage. Wahrscheinlich soll es in einer Woche losgehen, vermutet Bergmann. Genau weiß er es nicht. Deshalb suchen er und seine Mitarbeiter seit dem Beginn der Brutsaison regelmäßig nach neuen Nestern. Am 20. März ging es los – und läuft bis etwa Mitte Juni. Auf dieser Wiese ist das Brachvogelnest nur eines von vielen. Auch die Uferschnepfe brütet bereits hier. Wie der Große Brachvogel ist ihr Bestand bedroht. Beide Arten stehen auf der Roten Liste für bedrohte Arten.

Prämie nur bestimmte Flächen

Kommt der Landwirt zum Mähen, gibt es für jedes umfahrene Nest einen finanziellen Ausgleich über das Programm zum Gelege- und Kükenschutz des Landkreises. Sucht der Landwirt die Nester selbst, sind es 50 Euro pro Nest. Findet es ein Beauftragter des Landkreises, wie Matthias Bergmann, gibt es 25 Euro. Geschützt werden laut der Unteren Naturschutzbehörde vor allem Gelege und Küken in Gebieten, für die eine Landesförderung beantragt wurde. Bislang gehören dazu ein Teilgebiet des Vogelschutzgebietes „V09 Ostfriesische Meere“, zu dem auch das Große Meer bei Bedekaspel gehört. Auch der Schutz in einem Teil der Blitz-Niederung wird gefördert.

Nach dem Schlupf der Brachvogel-Küken entfernt Matthias Bergmann den Elektrozaun. Er sollte die Eier vor dem Fuchs schützen. Foto: Böning
Nach dem Schlupf der Brachvogel-Küken entfernt Matthias Bergmann den Elektrozaun. Er sollte die Eier vor dem Fuchs schützen. Foto: Böning

Laut Landkreis schützen jährlich allein am Großen Meer etwa 30 bis 40 Landwirte den Bodenbrüter-Nachwuchs auf diese Weise. In der Blitz-Niederung waren es im letzten Jahr 30 Landwirte. Bodenbrüter gibt es in allen Lebensräumen. Das Programm schützt Gelege und Küken von Wiesenlimikolen. Dazu gehören neben dem Großen Brachvogel auch Watvögel wie Austernfischer, Bekassine, Kiebitz, Rotschenkel und Uferschnepfe. Die Prämien werden für die verabredeten Schutzmaßnahmen gezahlt, die innerhalb der vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) genehmigten Bereiche liegen. Für außerhalb der Projektflächen liegende Gelege sind Einzelfallprüfungen möglich. Im Jahr 2021 erhielten die Landwirte am Großen Meer insgesamt 18.500 Euro. In der Blitz-Niederung beliefen sich die Prämien in den Jahren 2020 und 2021 auf etwa 18.000 Euro.

Feuchte Böden sind wichtig

Die ausgewiesenen Flächen sind für die geschützten Watvögel laut Matthias Bergmann besonders wichtig. „Hier sind die Böden lange feucht und damit stocherfähig“, sagt Bergmann, der neben dem Nest des Brachvogels ein weiteres Gelege gefunden hat. Bergmann: „Die Feuchtigkeit ist für die Landwirte zwar bei der Bewirtschaftung ein Nachteil, für die Vögel aber der einzige Weg, das Überleben der Küken zu sichern.“ Auch dem auf einem benachbarten Maisacker brütenden Kiebitz geht es so. Er stochert im Boden nach Würmern und Insekten. Ist der zu fest, ist für ihn und seine Küken dort nichts mehr zu holen.

Kiebitze legen die Eier auch auf Äcker. Nach und nach landen hier vier Eier in der Mulde. Foto: Böning
Kiebitze legen die Eier auch auf Äcker. Nach und nach landen hier vier Eier in der Mulde. Foto: Böning

„Will man die Tiere schützen, muss man diese Standorte erhalten und zusätzliche Bedrohungen für die Tiere vermeiden“, so Bergmann. Der Nachwuchs ist schon durch natürliche Feinde bedroht. Füchse und Marder mögen die Eier, das haben Wildkameras gezeigt, die Bergmann hier aufgestellt hat. Die Küken sind vor allem für Greifvögel leichte Beute. Die Bodenbrüter sind Gelegeverluste gewohnt. Fällt eine Brut aus, bauen viele von ihnen ein neues Nest. Kommt zu den natürlichen Feinden die Bedrohung durch landwirtschaftliche Geräte und trockene Böden, hat der Vogel keine Chance.

Der Schutz reicht nicht immer für den Bestandschutz

Das Programm läuft gut, reicht aber bei einigen Vögeln nicht aus. „Rein statistisch würde es für den Bestand der Uferschnepfe zum Beispiel ausreichen, wenn mindestens 0,6 bis 0,7 Küken pro Elternpaar überleben“, sagt Bergmann. Diese Zahl würde allerdings momentan nicht erreicht. Durchschnittlich zieht gerade einmal jedes zweite Elternpaar ein Küken groß. Eine Hoffnung gibt es: „Nach dem sehr trockenen Jahr 2019 war 2021 war wieder ein gutes Jahr.“

Der Große Brachvogel hat eine Flügelspannweite von einem Meter und steht auf der Liste der bedrohten Arten. Foto: Link/dpa
Der Große Brachvogel hat eine Flügelspannweite von einem Meter und steht auf der Liste der bedrohten Arten. Foto: Link/dpa

Das Projektmanagement für den Gelege- und Kükenschutz wird zu 80 Prozent vom Land Niedersachsen und aus EU-Mitteln gefördert. Für den Förderzeitraum 2020 bis 2022 sind dazu etwa 165.000 Euro für das Gebiet „Großes Meer“ bereitgestellt worden. Der Landkreis Aurich steuert nach eigenen Angaben einen Eigenanteil von 20 Prozent bei. An der Blitzniederung wurde es 2020 durch ein Förderprogramm des Landes Niedersachsen und EU-Mittel finanziert. 2021 übernahm es der Landkreis Aurich vollständig.

Jedes flügge Küken zählt

Der Landkreis beauftragt Ornithologen wie Bergmann mit dem Gelege- und Kükenschutz. Sie sprechen mit den Landwirten, kartieren die Vogelreviere, suchen Gelege und überprüfen den Schlupferfolg. Außerdem bestätigen sie die vom Landwirt gefundenen Gelege und vereinbaren Schutzmaßnahmen für die Flächen, in denen Wiesenvögel brüten. Als Erfolg zählt am Ende jedes flügge gewordene Küken. Die Ergebnisse werden in einem jährlichen Bericht zusammengefasst. Den Gelege- und Kükenschutz im Landkreis Aurich haben der Landwirtschaftliche Hauptverein Ostfriesland (LHV) und der NABU-Ostfriesland nach holländischem Vorbild 2007 ins Leben gerufen.

In dem Brachvogel-Nest haben inzwischen zwei Küken den Weg aus den Eiern gefunden. Nass und erschöpft liegen sie zwischen den Schalen im Gras. Auch die Bewohner der beiden anderen Eier sind dabei, sich herauszukämpfen. „In ein paar Stunden sind sie trocken, flauschig und fangen an, sich ihre Nahrung zu suchen“, sagt Matthias Bergmann. „Bis zu eine Woche lang ducken sich die Küken bei Gefahr ins Gras und halten still“, so Bergmann. Käme dann ein Traktor, wären sie verloren. „Danach können sie selbstständig weglaufen. Dann wäre es gut, wenn der Landwirt von innen nach außen mäht, damit sie flüchten können.“ Auch den Aufwand dafür kann sich der Landwirt erstatten lassen. 26 Euro pro Hektar werden dafür gezahlt. Wer während der Brutzeit ganz auf eine Mahd verzichtet, erhält nach Absprache 218 Euro pro Hektar. Dann hätte der Nachwuchs die beste Chance.

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