Osnabrück Elbphilharmonie stellt Höhepunkte der Saison 2022/23 vor
Die Elbphilharmonie startet ohne Corona-Vorbehalt in die kommende Saison. Zu erleben sind die edelsten Namen der Klassikwelt - und jede Menge spannender Schwerpunkte, bei denen sich Intendant Christoph Lieben-Seutter von persönlichen Vorlieben leiten lässt.
Der Nimbus des ewig ausverkauften Hauses hat die Elbphilharmonie verloren. „Es ist nicht mehr jeder Abend ausverkauft“, sagt der Hamburger Generalintendant Christoph Lieben-Seutter bei der Vorstellung des Programms für die nächste Spielzeit. Auch die Abozahlen seien rückläufig. Doch einen Nachteil sieht er darin keineswegs.
Die niedrigere Auslastung ermögliche ein „refreshment im Publikum“, sagt er: Statt den Konzertbesuch in Hamburgs edelster Musikstube Monate im Voraus zu planen, lohnt längst der spontane Gang zu Abendkasse. Gerade die Kontingente an günstigen Karten für junge Menschen seien jetzt häufiger verfügbar; das senkt den Altersdurchschnitt. Und überhaupt: Die Auslastung liegt immer noch bei 85 Prozent. Im Vergleich zu anderen Einrichtungen sei das ein guter Wert, sagt Lieben-Seutter.
Und er tut ja auch alles, das Angebot attraktiv zu halten. Natürlich gastieren nach wie vor die edelsten Klangkörper, die berühmtesten Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in der Elbphilharmonie und natürlich auch in der zweiten Spielstätte, der ehrwürdigen Laeiszhalle. Pianistin Yuja Wang, Sängerin Cecilia Bartoli, Top-Orchester aus den USA, Teodor Currentzis und John Elliott Gardiner: die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.
Doch das Herunterbeten großer Namen ist nur ein Seitenaspekt der Programmpräsentation. Spannend wird es, wenn Lieben-Seutter seine persönlichen Vorlieben ins Spiel bringt. Eine davon krönt die Konzertreihe „Fokus Afrofuturism“. Vereinfacht gesagt steht dieser Begriff für die Utopie einer freien Welt, mit dem sich die afroamerikanische Kultur an den Science-Fiction-Begriff des 20. Jahrhunderts anlehnt. Musikalisch spiegelt sich das in einem Programm, das Lieben-Seutter mit einer Formation krönt, die er als 14-Jähriger erstmals erlebt hat und sein Verständnis von Jazz geprägt hat: das „Sun Ra Arkestra“.
Nicht nur mit dieser Reihe reagiert der Intendant auf gesellschaftliche Strömungen. Der Bezug zur Rassismusdebatte findet sich auch wieder, wenn das Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin die Saison mit Werken schwarzer Komponisten des 20. Jahrhunderts eröffnet.
Auch andere gesellschaftliche Brennpunkte reflektiert das Programm der kommenden Saison: Ein „Sufi-Festival“ widmet sich drei Tage lang der spirituellen Seite des Islam. Ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zu pauschalen Islamismus- und Salafismus-Vorwürfen, mit denen der Islam konfrontiert ist.
Aber natürlich muss ein modernes Konzerthaus auch genuin musikalische agieren, zum Beispiel in dem es der zeitgenössischen Musik ein Podium bietet. Zwar hat die neueste Musik längst im regulären Programm ihre feste Position gefunden hat. Den 70. Geburtstag von Wolfgang Rihm feiert die Elbphilharmonie mit drei Konzerten, Esa-Pekka Salonen setzt seine Residenz als Komponist und Dirigent fort, der Tiroler Thomas Larcher wird in vier Konzerten vorgestellt. Und unter dem Titel „Elbphilharmonie Visions“ gibt es zehn Tage lang Neue Musik pur. Oder wie Lieben-Seutter sagt: „Hardcore“.
Auf der anderen Seite darf es in der Elbphilharmonie durchaus „bunt und poppig“ zugehen. Dafür steht zum Beispiel Angélique Kidjo: Sie wird vier Tage lang vor allem Musikerinnen aus allen Teilen der afrikanischen Welt in die Elbphilharmonie holen.
Bei all dem geht Lieben-Seutter davon aus, die nächste Spielzeit frei von Corona-Beschränkungen bestreiten zu können. Dann soll auch die Veranstaltungsgesellschaft der Elbphilharmonie, „Hamburgmusik“, wieder kostendeckend arbeiten. Die Voraussetzungen sind gut; zwar sind mit BMW und Montblanc wichtige Sponsoren ausgestiegen. Dafür hat er mit Porsche und Rolex renommierten Ersatz gefunden. Damit dürfte auch ein weiteres wichtiges Anliegen der Elbphilharmonie weiter gesichert sein: die Musikvermittlung. „Die zählt zur Kernarbeit der Elbphilharmonie“, sagt Lieben-Seutter. Mit 20 Mitarbeitern habe man sich „europaweit einen Namen als wesentlicher Player“ gemacht. Das dürfte aber nur ein Aspekt sein: Die Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene richten sich ja in erster Linie an die Hamburger selbst. Das sorgt für Akzeptanz in der Stadt, und von der profitiert auch ein Global Player wie die Elbphilharmonie einer ist.