Draußen unterwegs  Das Zen und die Schnepfen

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 16.05.2022 17:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schafe, Kühe und Pferde sind am Freepsumer Meer schnell gefunden und fotografiert – bei der Uferschnepfe gestaltet sich die Sache schwieriger. Foto: Hock
Schafe, Kühe und Pferde sind am Freepsumer Meer schnell gefunden und fotografiert – bei der Uferschnepfe gestaltet sich die Sache schwieriger. Foto: Hock
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Mit Tele-Objektiv bewaffnet, wollte unser Reporter ein Foto von einer Uferschnepfe haben. Stattdessen bekam er Schafe, Kühe – und ein bisschen Entspannung.

Freepsum - Strahlender Sonnenschein. Zusammen mit 20 anderen Frauen, Männern und Kindern stehe ich am Glascontainer in Freepsum. Heiko Ringena, Ratsmitglied, Nabu-Mitglied und Jäger möchte heute vom Erfolgskonzept Freepsumer Meer erzählen und den Interessierten zeigen, wie es vor Ort aussieht. Freepsumer Meer, Sie wissen schon: Wiesenvogelschutz. Das große Teleobjektiv an meiner Kamera wiegt schwer in der Hand. Mein Ziel: eine Uferschnepfe fotografieren.

Was und warum

Darum geht es: Manchmal wird ein Termin nicht so, wie man es sich gedacht hat. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein.

Vor allem interessant für: diejenigen, die mal Lust auf einen „untypischen“ Zeitungstext haben.

Deshalb berichten wir: Ein Foto einer Uferschnepfe zu bekommen, war nicht so einfach, wie sich das unser Reporter gedacht hat. Deswegen wird es etwas „philosophischer“.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Recht zügig geht es nach einer kurzen Ansprache von Heiko Ringena in Richtung Freepsumer Meer. Von der Brücke aus gebe es den besten Ausblick. Die Straße, über die wir gehen, ist nicht für den Verkehr gesperrt. Aber es ist recht ruhig, an diesem Vormittag wollen außer uns nur Radfahrer die Straße nutzen. Ringena erzählt, dass ein Uferschnepfen-Nest außerhalb des Schutzbereiches erst jüngst von einem Fuchs leergeräumt wurde. Innerhalb des zehn Hektar großen Schutzbereiches verhindert dies ein „Prädatorenschutzzaun“. An sich ein Schafzaun, der unter Strom steht.

„Prrriit“ und „Prrrli“

Auf der kleinen Brücke angekommen, deutet Ringena auf die große Fläche vor uns. Hier und da bewegen sich ein paar Punkte, auch Uferschnepfen seien darunter – behauptet Ringena zumindest. Ich gestehe, weder meine ornithologischen Kenntnisse noch die Brennweite meines Objektivs reichen dafür aus, die Aussage qualifiziert zu beurteilen. Obwohl, an sich ist es nur die Brennweite, denn wie eine Uferschnepfe aussieht, zeigen mehrere Schilder, die entlang der Wege angebracht sind. Auch die anderen Wiesenvögel, die durch das Programm geschützt werden, sind hier verzeichnet.Und auch die Zählungen der Brutpaare zeigen: Hier tut sich etwas, die Zahlen der Uferschnepfen steigen. Aber zehn Hektar sind auch einfach viel Fläche – und Uferschnepfen eher klein.

Könnte eine Uferschnepfe sein, muss aber nicht. Foto: Hock
Könnte eine Uferschnepfe sein, muss aber nicht. Foto: Hock

Das Brennweitenproblem bleibt aber, so wirklich erkennen kann ich nicht, was ich da eigentlich fotografiere. Dafür gewöhnt sich mein Auge aber langsam an die Umgebung, überall sehe ich Vögel durch das Gras huschen – oder auch mal über die Straße laufen. Feldlerchen singen, behauptet Heiko Ringena. „Trillernde, zirpende und rollende Laute werden in schneller Folge rhythmisch wiederholt und ununterbrochen vorgetragen“, beschreibt der Nabu auf seiner Internetseite den Gesang. Die Rufe würden wie „prriit“ oder „prrli“ klingen. Ja, kommt hin.

Frosch quakt, Reporter erschreckt sich

Und was ist mit der Uferschnepfe? Während des Balzfluges sei sie lauter, ihr Ruf erklinge laut und klar: „gritta-gritta-gritta“, sagt der Nabu. Und weiter: „Im Brutgebiet erfolgen außerdem nasal klingende „witte-witte-witte“-Rufe.“ Während ich das auf meinem Smartphone lese und mich dabei etwas von der Gruppe entferne, steigt mindestens eine Uferschnepfe auf. Behauptet zumindest die Gruppe hinter mir, als ich in die Richtung blicke, sehe ich vor dem blauen Himmel aber: nichts. Smartphone weg! Völlig auf die Umgebung konzentrieren!

Vögel gibt es, sowohl am Himmel als auch auf dem Boden, am Freepsumer Meer genügend zu entdecken. Foto: Hock
Vögel gibt es, sowohl am Himmel als auch auf dem Boden, am Freepsumer Meer genügend zu entdecken. Foto: Hock

Tatsächlich stellt sich dann nach kurzer Zeit fast ein Zen-Zustand ein. Das Grasrupfen und Schmatzen der neben mir auf einem Feld grasenden Kühe klingt übertrieben laut. Der Frosch, der plötzlich neben mir im Graben anfängt zu quaken, erschreckt mich fast mehr als ich es zugeben will.

Städter, der zum ersten Mal in der Natur ist?

Die Luft voll mit Geräuschen. Überall zwitschert oder quakt etwas, Insekten summen, es raschelt im Gras. Die sonst „normalen“ vom Menschen gemachten Umgebungsgeräusche sind hier gerade kaum zu hören. Das entfernte Rauschen von Autos auf der Hauptstraße geht in der Natur nahezu völlig unter.

So sieht übrigens eine Uferschnepfe aus. Foto: Archiv
So sieht übrigens eine Uferschnepfe aus. Foto: Archiv

Ja, das klingt jetzt sehr nach „Städter, der zum ersten Mal in der Natur ist“. Mag danach klingen, dem ist aber nicht so. Man (oder vielleicht nur ich) macht es sich aber nicht unbedingt immer ganz so bewusst, dass es diese Orte oft direkt vor der Haustür noch gibt. Auch geht es in den eher nüchternen Beschreibungen von Schutzräumen wie dem Freepsumer Meer oft unter: Diese Fleckchen sind wichtig, nicht erst seit „mental health“ ein großes Thema geworden ist. Für den Menschen ebenso wie für die Tiere. Da ist es dann auch nicht schlimm, wenn es mit dem Foto der Uferschnepfe nichts wird. Ist halt so. Genügend zu entdecken gibt es dennoch – auch wenn selbst Heiko Ringena sich an diesem Tag wundert, wie unaufgeregt die Uferschnepfen unterwegs sind.

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