Marode Schulen in Emden  „Wir betreiben eine zerstörende Instandhaltung“

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 13.05.2022 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das teuerste Sorgenkind unter den Emder Schulen: die BBS am Steinweg. Die Stadt taxierte die Kosten eines Ersatzbaus auf 129 Millionen Euro. Foto: Päschel
Das teuerste Sorgenkind unter den Emder Schulen: die BBS am Steinweg. Die Stadt taxierte die Kosten eines Ersatzbaus auf 129 Millionen Euro. Foto: Päschel
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Viele Schulen in Emden haben die besten Jahre hinter sich – der Sanierungsbedarf ist groß. Die Stadt steht in der Kritik und überrascht zur Verteidigung mit einer abschreckend hohen Zahl.

Emden - Man könnte meinen, es geht wie so oft nur ums Geld: Die einen - so der Emder SPD-Ratsherr Andreas ten Hove - verlangt Antworten, wo es bleibt. Die anderen, die es wissen sollten - so der leitende Angestellte beim städtischen Gebäudemanagement in Emden, Helmut Fischer-Joost -, fordern mehr davon. Doch das eigentliche Thema, der schlechte Zustand vieler Schulen, rührt in Emden tiefer. Dazu kommt: Nur mit Geld lässt sich der Sanierungsstau nicht lösen.

Was und warum

Darum geht es: den (schlechten) Zustand von Emder Schulgebäuden

Vor allem interessant für: diejenigen, die die Schulen nutzen und diejenigen, die für den Zustand verantwortlich sind

Deshalb berichten wir: Das Thema hat die Politik erreicht. Im Ratsausschuss für Gebäudemanagement stellten mehrere Fraktionen unangenehme Fragen an die Stadtverwaltung. Unsere Redaktion war bei der Sitzung dabei und hat im Nachgang bei Beteiligten zum Kern des Problems nachgefragt.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Zwischen Rat und Verwaltung ist eine neue Diskussion entbrannt. „Wir betreiben eine zerstörende Instandhaltung“, beklagt etwa Lars Mennenga (Die Linke). Er zählt zu denen, die deutlich mehr Engagement und Geld für die Schulgebäude verlangen. Auslöser und öffentlicher Schauplatz der Debatte war die jüngste Sitzung des Ratsausschusses für Gebäudemanagement.

Die Stadt hat den Überblick verloren

Die Gespräche im weiten Ratssaal kreisten vor allem um die Grundschule Larrelt und die Berufsbildenden Schulen II. Kaputte Fenster und marode Hallen, morsche Dächer und veraltete Gebäudetechnik – die Liste der Mängel ist lang, nicht nur dort. Die Stadt beseitigt die gröbsten Schäden. Doch sie kommt gegen den sich auftürmenden Berg nicht mehr an. Es klingt fast verzweifelt, wenn Wilke Held von der CDU-Fraktion feststellt, dass sich „strukturell etwas ändern“ müsse: „Wir brauchen doch eine vorausschauende Planung.“

Die Verwaltung und das von ihr kontrollierte Gebäudemanagement müssen sich vorwerfen lassen, den Überblick verloren zu haben. Wie Stadtbaurätin Irina Krantz einräumte, sei man gerade erst dabei, das ganze Ausmaß des Sanierungsbedarfs aller Schulen zu erfassen und neu zu ordnen. Angesichts solcher Äußerungen schlagen sie in der SPD die Hände über dem Kopf zusammen. „Sie müssen ihre Hausaufgaben machen“, tadelte Andreas ten Hove.

Neue Schule soll 129 Millionen Euro kosten

Die Fraktion hatte umfassende Antworten zum größten Sorgenkind unter den städtischen Bildungseinrichtungen verlangt: den BBS II am Steinweg. Alleine dort wird Jahr für Jahr eine Million Euro in die Gebäude gesteckt. Die SPD wollte von der Stadt als Schulträgerin genau wissen, was mit dem Geld in den vergangenen sieben Jahren gemacht worden ist und was alles in den nächsten fünf Jahren passieren soll. Außerdem hatte sie um einen Vergleich gebeten: Gegenübergestellt werden sollten die Kosten der Instandhaltung mit denen für einen Abriss und Neubau.

Die Stadt antwortete daraufhin mit einer absurd hoch scheinenden Zahl: Beim Gebäudemanagement gehe man von 129 Millionen Euro Gesamtkosten für eine neue Schule an einem neuen Standort aus, hieß es. Die abschreckende Wirkung dieser Summe dürfte in der Antwort ebenfalls eingepreist sein.

BBS-Leiter zweifelt an der Kalkulation

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: In den BBS II schäumt der Schulleiter Björn Holzgrabe. In einer in dieser Woche veröffentlichen Stellungnahme wirft er der Stadt vor, keine Kenntnis von derlei Berechnungen zu haben und übergangen worden zu sein. „Zu keinem Zeitpunkt haben wir erwogen, den Standort zu verlassen oder gar einen kompletten Neubau verlangt!“, so Holzgrabe.

Mit einem Gegenbeispiel macht er klar, was er von der Kalkulation hält: Seine Recherchen hätten ergeben, „dass ein kompletter Neubau der BBS 3 Oldenburg auf unerschlossener Fläche für 27,4 Millionen Euro realisiert“ worden sei. Laut einem Bericht der Nordwest-Zeitung investierte die Stadt Oldenburg 28 Millionen Euro für die im Jahr 2015 eröffnete Schule. Allerdings gehe aus dem Bericht nicht hervor, ob es mögliche Zusatzkosten gegeben hat. Trotzdem fragt Holzgrabe empört: „Wie lässt sich eine Differenz von 100 Euro begründen?“

Es fehlt nicht nur Geld

Auf die Kritik aus dem Rat und die offenbar gravierenden Organisationsdefizite im Gebäudemanagement (GME) angesprochen, sagt Stadtbaurätin Irina Krantz: „Es liegt nicht nur am Geld.“ Wenn sich Eltern, Lehrer, Schulen oder eben die Politik über Unzulänglichkeiten beschweren, liege es auch an Faktoren, die die Stadt nicht immer beeinflussen könne, so Krantz. Eine Ursache: der Fachkräftemangel - „auf beiden Seiten“, wie die Stadtbaurätin betont.

Über fehlendes Personal klagen sie nicht nur beim GME, wo manche Stellen kaum nachbesetzt werden können. Auch viele Handwerksbetriebe suchen händeringend Mitarbeiter und Facharbeiterinnen. Dazu kommen Lieferschwierigkeiten bei vielen Baumaterialien.

Diese und andere Schwierigkeiten können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Frust über den Sanierungsstau an den Emder Schulen zumindest in Teilen hausgemacht ist. Neben Geld, Material und Personal mangelt es offenbar auch an der Kommunikation der Stadt mit ihren Schulen. „Ich wäre zufrieden, wenn ich wüsste, welche Prioritätenliste abgearbeitet wird“, sagt Marion Ocken, die Rektorin der Grundschule Larrelt. An den BBS II wäre Björn Holzgrabe froh, wenn überhaupt mit ihm gesprochen werden würde: Um den Fragenkatalog der SPD zu seiner Schule zu beantworten, habe „das GME keine Gespräche mit der Schulleitung geführt“, ärgert er sich.

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