Nachhaltige Landwirtschaft Fiebinger Bio-Bauernhof arbeitet mit besonderen Kreisläufen
Weil der Johannshof Futter und Dünger komplett selbst erzeugt, treffen ihn die hochgeschossenen Preise deutlich weniger. Und das ist nicht das einzige Besondere.
Fiebing - Quer durch Ostfriesland haben sich die Sorgenfalten von Landwirten vertieft mit Blick auf Dünger und Kraftfutter: Der Markt ist auch wegen ausbleibender Importe, die sonst aus der Ukraine und Russland kamen, fast leergefegt, heißt es. Preise sind rapide emporgeschnellt. Dies ist etwas, das dem Landwirt Daniel Caspers und seiner Familie auf dem Johannshof in Fiebing bislang kaum Kopfzerbrechen bereitet. „Unser Anspruch ist, dass alles Futter für unsere Tiere und aller Dünger von unserem eigenen Hof kommen“, sagt der 32-Jährige.
Was und warum
Darum geht es: Wie arbeitet ein Demeter-Hof in Ostfriesland?
Vor allem interessant für: Menschen, die sich bewusst biologisch und regional ernähren
Deshalb berichten wir: Angesichts emporgeschossener Preise für Dünger und Futtermittel bei Landwirten wollten wir uns einen Hof ansehen, der sich in diesem Punkt selbst versorgt. Und wir wollten uns die Besonderheiten von Demeter-Höfen zeigen und erklären lassen. Ded Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Nun ist der Johannshof ein besonderer Betrieb: Er ist seit 2003 einer von nur zweien unter knapp 3000 Höfen in Ostfriesland, die Bio-Landwirtschaft nach den strengen Regeln des 1924 gegründeten Demeter-Verbands betreiben. Der zweite, der „Hof am Dollart“ der Familie Kehl in Emden-Wybelsum, ist der älteste Demeterbetrieb der Region, macht dies seit 1969. Zu den Kern-Anforderungen gehört das Prinzip des Kreislaufs, bei dem ein Hof selbst erwirtschaftet, was er braucht zum Aufziehen von Tieren und Bewirtschaften der Flächen. Die sogenannte biodynamische Anbauweise und die Regeln des Demeter-Verbands gehen auf die Ansätze des Anthroposophen Rudolf Steiner (1861-1925) zurück. Er verband philosophische und naturwissenschaftliche Ansätze mit religiösen und esoterischen Ideen.
„Wir leben hier keine Utopie“
Der Fiebinger Familienbetrieb baut fürs Futter seiner Tiere Ackerbohnen und Kleegras an, vermischt sie zum Teil mit ebenfalls selbst angebautem Getreide wie Hafer, Gerste und Weizen. Nun ist der Johannshof kein kleiner: Rund 300 Mutterkühe, Kälber und Bullen werden dort gehalten, um die 200 Schafe, 35 Mastschweine und etwas mehr als 700 Hühner. „Im Winterhalbjahr leben die Tiere bei uns im Stall, im Sommer auf Weiden“, sagt Daniel Caspers. „Dabei bewirtschaften wir insgesamt rund 350 Hektar Fläche, davon etwa 100 Hektar Ackerland. Wobei viele der Flächen auch extensiv bewirtschaftet werden und zum Teil in Vogelschutzgebieten liegen.“
Der Ertrag sei natürlich ein anderer als auf intensiv und konventionell bewirtschafteten Äckern oder Weiden.“ Auch der Aufwand sei mitunter höher. Dafür sei man – wie beim Futter – weniger abhängig. „Wir leisten ja freiwillig mehr als die EU-Vorgaben für die Bio-Landwirtschaft, da die Demeter-Vorgaben deutlich strenger sind.“ Dafür kann der Hof auch mit dem Siegel werben. „Wir leben hier keine Utopie, möchten aber etwas besser machen“, sagt Daniel Caspers.
Hornmist und Kiesel als Besonderheit
Zum Düngen werden der Mist der Tiere, aber auch kompostierte Pflanzen benutzt. „Die Demeter-Vorschriften verbieten uns den Einsatz synthetischer Dünger, anders als anderen Bio-Betrieben, die zumindest leichtsynthetische Dünger einsetzen dürfen. Das einzige, worauf wir sonst zurückgreifen können, sind bergmännisch abgebaute Salze: Sulfate oder Kali, langsam wirkende Dünger.“ Zusätzlich bringen die Landwirte sogenannte biologisch-dynamische Präparate auf ihre Flächen aus: eine Demeter-Besonderheit, die auf den Ansätzen Rudolf Steiners beruht. Dafür werden unter anderem Kuhhörner mit Kuhdung gefüllt und vergraben. Sie zersetzen sich unter der Erde. Nach einem halben Jahr wird das Ganze ausgebuddelt, in Wasser eingerührt und verdünnt und als „feinstoffliche Substanzen“ in homöopathischen Dosen auf den Flächen ausgebracht.
Ergänzend zum sogenannten Hornmist werden die Flächen auch mit Kiesel-Präparaten aus Quarzmehl benetzt, die ebenfalls vergraben und in Wasser eingerührt werden. Den Ideen Steiners nach beruht die Wirkung dieser Präparate auf den im Sommer in der Erde verwandelten Lichtkräften. Die sollen den Pflanzenstoffwechsel ordnen und die biologische Selbstregulation fördern. Eine direkte Dünger-Wirkung sei damit nicht verbunden, heißt es. Steiner selbst schrieb: „Dadurch, dass das Kuhhorn äußerlich von der Erde umgeben ist, strahlen alle Strahlen in seine innere Höhlung hinein, die im Sinne der Ätherisierung und Astralisierung gehen.“
Daniel Caspers sagt: „Die Wirkung ist von Wissenschaftlern immer wieder angezweifelt worden. Auf der anderen Seite ist es etwas relativ Harmloses – und die biodynamische Forschung weist einen Effekt nach, selbst wenn es Kritik an Methoden gegeben hat.“ Auch sein Vater Eilert sagt, man habe selbst in Versuchen die Wirksamkeit schon belegen können.
Weite Fruchtfolge hilft gegen Unkraut
Das wichtigste Element im Ackerbau ist für Daniel Caspers aber „die sehr weite Fruchtfolge. Dadurch kriegen wir andere Bodenverhältnisse hin und eine bessere Unkrautunterdrückung. Sie beginnt in der Regel mit dem Anbau von Kleegras, das für uns sehr wichtig ist, weil es den Boden durchwurzelt, sich aber auch Knöllchenbakterien an den Wurzeln ansiedeln und Stickstoff binden. Das ist enorm wichtig für die Düngewirkung.“ Aufkeimendem Unkraut rücke man beim maschinellen Hacken oder mit Federzinkenstriegeln zu Leibe. „Indem wir sehr bewusst auf die Fruchtfolge achten und nicht immer dieselben Pflanzen auf denselben Flächen anbauen, haben wir nicht das Problem mancher konventioneller Betriebe, dass sich Unkraut an die Pflanzen anpasst und dann nur noch hilft, da mit Herbiziden drüberzubügeln.“
Genau das wollte sein Vater Eilert nicht, als er seine landwirtschaftliche Lehre begann. „Ich wollte nicht spritzen, kein Gift ausbringen, das dann im Boden oder in den Lebensmitteln landet, die man erntet“, sagt er. Deswegen stieg er 1983 nach erfolgreichem Studium auch nicht auf dem Hof seiner Eltern in Fiebing ein, einem konventionellen Milchviehbetrieb. Er und seine Frau Andrea, die sich für die Demeter-Grundsätze begeisterten, gingen stattdessen auf den Schepershof nach Velbert zwischen Essen und Wuppertal. Den bauten sie mit auf und bewirtschafteten ihn, bis 2002 der Vater von Eilert Caspers starb und das Paar den Hof in Fiebing übernahm. Von da an stellten sie den Betrieb um. „Weil seinerzeit die Situation auf dem Milchmarkt schwierig war, haben meine Eltern die Milchquote und die Milchkühe verkauft und stattdessen mit Mutterkühen, Schweinen und Schafen zur Fleischerzeugung begonnen“, sagt Daniel Caspers.
Vielfältigkeit statt Spezialisierung
Zentral für Demeter-Höfe ist ihm zufolge auch die Vielseitigkeit. „Anders als viele konventionelle Betriebe sind wir nicht spezialisiert und auf Gewinnmaximierung aus.“ Sein Betrieb hält Tiere, betreibt Acker- und Futterbau. „Wir bauen vielfältigste Kulturen an. Zum Demeter-Konzept gehört aber auch die Verarbeitung auf dem eigenen Hof. Wir haben inzwischen eine Backstube, in der Brot, Kuchen und mehr aus unserem Getreide wird. Wir haben eine eigene Metzgerei, in der unser Fleisch verarbeitet wird.“ Beides wird in einem eigenen Hofladen verkauft, aber auch an Bioläden bis ins Osnabrücker Land vermarktet. Prägend sei für Demeter auch ein anderer Umgang auf dem Hof miteinander. Im Falle der Familie Caspers leben 15 Menschen auf dem Hof, acht Erwachsene und sieben Kinder. Sechs davon, beide Eltern, zwei Söhne, eine Tochter sowie deren Mann, betreiben den Hof gemeinsam. Hinzu kommen noch zehn Mitarbeiter.
Zwei weitere hiesige Betriebe wollen Demeter-Höfe werden
Während beide ostfriesischen Demeter-Höfe keine Milchviehbetriebe sind, arbeiten zwei Landwirte aktuell darauf hin und stellen um: der Landeschef des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter, Peter Habbena (Schoonorth) und Karsten Ohling (Canhusen). Habbena sagt: „Ich wollte seit Langem bio machen, der reguläre Biomarkt ist in Sachen Milch übersättigt. Milch nach Demeter-Kriterien wird aber noch gesucht. Und der Herausforderung stellen wir uns jetzt.“ Noch bis zum kommenden Frühjahr dauere die Umstellung, ein Jahr später, Mitte 2024 hoffe er, dann zu den Demeter-Höfen gehören zu können.
Der Präsident des ostfriesischen Landvolks, Manfred Tannen (Westbense), sagt: „Ökologie wird immer wichtiger.“ In Ergänzung werde es die konventionell wirtschaftenden Höfe weiter geben müssen, um mit mehr Effizienz die Bevölkerung ernähren zu können. „Aber ich finde es klasse, wenn Landwirte für ihre Überzeugungen einstehen. Wenn sie, wie die hiesigen Demeter-Höfe, ihre Kundschaft finden und es schaffen, regional erzeugte, gute Produkte zu höheren Preisen zu vermarkten: Volltreffer.“