Schiffsstau vor der Küste  Grüne fordern Dialog zwischen den Ländern

Martin Alberts
|
Von Martin Alberts
| 12.05.2022 14:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Container wird auf dem Gelände des HHLA Container Terminal Altenwerder (CTA) in Hamburg verladen. Im Hafen der Hansestadt gibt es seit Wochen Probleme beim Containerumschlag. Ein Schiffsstau ist die Folge. Foto: Walzberg/DPA
Ein Container wird auf dem Gelände des HHLA Container Terminal Altenwerder (CTA) in Hamburg verladen. Im Hafen der Hansestadt gibt es seit Wochen Probleme beim Containerumschlag. Ein Schiffsstau ist die Folge. Foto: Walzberg/DPA
Artikel teilen:

Vor der ostfriesischen Küste stauen sich seit Wochen die Containerschiffe. Die Grünen fordern jetzt Gespräche Niedersachsens mit Hamburg und Bremen. Doch das Land will sich lieber nicht einmischen.

Ostfriesland/Hannover - Seit Wochen stauen sich die Containerschiffe vor der ostfriesischen Küste. Auch am Donnerstag lagen Dutzende zwischen den Ostfriesischen Inseln und Helgoland auf Reede, wie Daten des Onlineportals „Marine Traffic“ zeigten. Die Schiffe warten darauf, ihre Fracht nach Hamburg oder Bremerhaven bringen zu können. Doch in den Häfen gibt es ebenfalls schon seit Wochen große Probleme bei der Abfertigung. „Wir brauchen eine schnelle und dauerhafte Lösung, im Interesse von Wirtschaft und Ökologie“, fordert jetzt die Grünen-Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz (Borkum), die bereits Ende April ihre Sorge um die Gesundheit der Menschen in der Region zum Ausdruck brachte.

Ähnliche Artikel

Der Schiffsstau habe eine ganze Reihe an Ursachen, schreiben Janssen-Kucz und ihre Fraktionskollegin Eva Viehoff aus dem Landkreis Cuxhaven in einer Kleinen Anfrage an die niedersächsische Landesregierung: den Brexit, die Corona-Pandemie, den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die aktuellen Corona-Lockdowns in chinesischen Häfen.

Im Hamburger Hagen stapeln sich seit Wochen die Container

Aber auch im Hamburger Hafen bereiteten corona-bedingte Personalausfälle den Verantwortlichen schon Ende April Schwierigkeiten. Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) versuchte zwar, ihre Beschäftigten durch finanzielle Anreize zu Mehrarbeit zu bewegen – doch ohne Erfolg, wie unter anderem das „Hamburger Abendblatt“ berichtet. Die Arbeitnehmerseite lehnte das Angebot ab und forderte stattdessen die Einstellung zusätzlicher Hafenarbeiter. Ein Sprecher der HHLA sagte der Zeitung Ende April, die Verhandlungen würden fortgeführt – ein Ergebnis wurde bis zum Donnerstag jedoch nicht vermeldet.

Janssen-Kucz forderte auf Anfrage unserer Redaktion bereits vor mehr als zwei Wochen, dass die norddeutschen Bundesländer ihre Kooperation bei den Häfen verstärken müssten, um die Container besser auf die einzelnen Standorte zu verteilen. Dabei brachte die ostfriesische Abgeordnete auch den Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven ins Spiel. In der Anfrage der Grünen schreiben sie und Viehoff nun: „Mit dem Jade-Weser-Port verfügt Niedersachsen über eine Alternative, die die Situation entschärfen könnte. Hier könnten Container entladen oder zwischengelagert werden, für die es in anderen Häfen keinen Platz gibt.“

Jade-Weser-Port hat noch genügend freie Kapazitäten

Dass es in Wilhelmshaven genügend Kapazitäten gibt, belegen die Zahlen, welche die Landesregierung in ihrer Antwort auf die Grünen-Anfrage nennt: So habe der Jade-Weser-Port eine Umschlagkapazität von 2,7 Millionen Standardcontainern (TEU) pro Jahr. Im vergangenen Jahr seien 712.953 Container umgeschlagen worden – das bisher beste Betriebsergebnis seit der Inbetriebnahme 2012. „Eine Umleitung von Ladung auf den Jade-Weser-Port, die im Verantwortungsbereich der Reederei- und Logistikwirtschaft liegt, kann daher dazu beitragen, die Zuverlässigkeit und Termintreue in den Lieferketten sicherzustellen“, schreibt die Landesregierung weiter.

Darüber, dass Wilhelmshaven die Standorte Hamburg und Bremen entlasten könnte, habe es aber bisher keine Gespräche mit den beiden Städten gegeben, heißt es aus Hannover. „Denn zum einen obliegt die Entscheidung über entsprechende Umdisponierungen grundsätzlich den Akteuren in den Lieferketten und kann nicht über wettbewerbseinschränkende Maßnahmen wie eine staatliche Ladungslenkung geregelt werden.“ Zum anderen hätten die Bemühungen der niedersächsischen Landesregierung, eine verstärkte Hafenkooperation anzustoßen, in Hamburg und Bremen bisher „vergleichsweise wenig Resonanz gefunden“. Der Dialog solle aber fortgesetzt werden, schreibt die Landesregierung.

Grüne fordern Gespräche zwischen den drei Bundesländern

„Seit Jahren fordern wir über Parteigrenzen hinweg eine stärkere Kooperation der großen Seehäfen“, teilt Janssen-Kucz als Reaktion auf die Antwort der Landesregierung mit. „Die Notwendigkeit wird von keiner Seite bestritten, dennoch hat es bis heute keine Bestrebungen für eine verstärkte Hafenkooperation gegeben. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Situation ist es überfällig, dass zumindest Niedersachsen und hier das Wirtschaftsministerium sich auf den Weg macht und endlich mit Bremen und Hamburg das Gespräch sucht.“ Wenn die drei Länder in Zukunft gemeinsam verstärkt Container in Wilhelmshaven umschlagen würden, könne die alle norddeutschen Häfen stärken, zeigt sich Janssen-Kucz überzeugt.

Meta Janssen Kucz: „Wir brauchen eine schnelle und dauerhafte Lösung.“ Foto: Matthey/DPA
Meta Janssen Kucz: „Wir brauchen eine schnelle und dauerhafte Lösung.“ Foto: Matthey/DPA

Darüber hinaus beschäftigen die Abgeordnete auch die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des Schiffsstaus vor den Ostfriesischen Inseln: Es gelte, „die Belastung für das Ökosystem Nordsee und die Menschen durch die enormen Mengen giftiger Abgase, die diese Megafrachter ausstoßen, endlich zu reduzieren“. Die Landesregierung schreibt in ihrer Antwort: „Schiffsstaus sind sowohl aus wirtschaftlicher Sicht als auch aus Umweltaspekten generell ungünstig und wo immer möglich zu vermeiden oder schnellstmöglich aufzulösen.“ Inwiefern sich der aktuelle Stau auf die Ostfriesischen Inseln und den Nationalpark Wattenmeer auswirkt, könne jedoch nicht pauschal beantwortet werden, heißt es aus Hannover.

Wird sich die Lage vor der Küste bald noch verschlimmern?

Wie sich die Lage weiterentwickelt, ist momentan schwer vorauszusagen. Man beobachte die aktuelle Situation mit Sorge, schreibt die Landesregierung. Der Corona-Lockdown in Shanghai stelle auch die norddeutschen Häfen vor große Herausforderungen. Die entstehenden Schiffsstaus ließen sich nur sukzessive auflösen.

Aber das Schlimmste könnte erst noch bevorstehen: „Die Situation wird sich in den nächsten Wochen noch drastisch weiter verschärfen“, sagte Jan Ninnemann, Professor an der Hamburg School of Business Administration, bereits Ende April dem NDR. Er warnte vor den Konsequenzen, wenn Shanghai erst einmal wieder in den gewohnten Takt komme und sich ganz viele Schiffe auf den Weg nach Europa machen würden. Aktuell gilt in der chinesischen Metropole noch ein Corona-Lockdown; vor dem größten Hafen der Welt stauen sich ebenfalls die Schiffe – nur in viel größerem Ausmaß als in der Nordsee, wie die Daten von „Marine Traffic“ zeigen. Wann die Staatsführung in Peking den Lockdown aufheben wird und eine weitere große Belastung auf die norddeutschen Häfen zukommen könnte, ist bisher ungewiss.