Osnabrück Erderwärmung: Warum die 1,5-Grad-Grenze so wichtig ist
Hitze, Dürren und Wetterextreme wie Starkregen sind auch in gemäßigten Breiten schon lange keine Seltenheit mehr. Jetzt warten Forscher mit einer neuen beunruhigenden Prognose auf.
Die Welt nähert sich bedrohlich der als kritisch definierten Grenze von 1,5 Grad Erderwärmung. Schon in den kommenden fünf Jahren könnte diese Schwelle einem neuen UNO-Bericht zufolge mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent zumindest zeitweise überschritten werden. Für die Jahre zwischen 2017 und 2021 lag die Wahrscheinlichkeit einer temporären Überschreitung der Schwelle noch bei zehn Prozent. Der renommierte Klimaforscher Johan Rockström hält den Bericht der Weltwetterorganisation (WMO) für alarmierend. „Dass wir schon jetzt ein 50/50-Risiko haben, binnen 5 Jahren ein Jahr mit 1,5°C zu erleben, bestätigt unsere schlimmsten Erwartungen“, sagte der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Gespräch mit unserer Redaktion.
Welche Gefahren drohen? Die Folgen des Klimawandels sind vielfach beschrieben worden, am umfassendsten vom Weltklimarat (IPCC) in seinem sechsten Sachstandsbericht. Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace, fasst ihn so zusammen: „Die katastrophalen Folgen der Klimakrise und des Artensterbens sind eine wachsende Bedrohung für uns alle. Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Starkregen und Dürren nehmen in vielen Regionen zu, der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt sich, Ökosysteme drohen zu kippen.“ Als weitere Folgen sagen Experten voraus: Hunger, Flucht, extreme wirtschaftliche Verluste und wachsende Konflikte um lebenswichtige Ressourcen wie Wasser.
Warum ist die 1,5-Grad-Grenzwert so wichtig? Der IPCC sieht darin einen einen Schwellenwert. Werden solche „Kipp-Punkte“ überschritten, kann es demnach zu abrupten Klimaänderungen und irreversiblen Kettenreaktionen kommen. „Es handelt sich um Schwellenwerte, nach deren Überschreitung bestimmte Folgen nicht länger vermieden werden können, selbst wenn die Temperaturen später wieder gesenkt werden.“ Als Beispiele nennt der IPCC den Zusammenbruch der Eisschilde in Grönland und der Antarktis. Die Weltklimakonferenz von Paris hat dementsprechend als Ziel definiert, die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf unter zwei Grad - möglichst nur 1,5 Grad - zu begrenzen.
Wo stehen wir heute? Das heißeste Jahr war bisher das Jahr 2016, als die globale Durchschnittstemperatur etwa 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850 bis 1900) lag. Im vergangenen Jahr registrierte die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf laut ihrem vorläufigen Klimabericht einen Wert von 1,1 Grad.
Wie heiß werden die kommenden Jahre? Die Erderwärmung wird der WMO zufolge in den kommenden fünf Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent die Schwelle von 1,5 Grad überschreiten. Für die Jahre zwischen 2017 und 2021 lag die Wahrscheinlichkeit einer temporären Überschreitung der Schwelle den Angaben zufolge noch bei zehn Prozent.
Wie sicher sind die Prognosen? WMO-Generalsekretär Petteri Taalas bescheinigt der Untersuchung „wissenschaftliche Kompetenz auf hohem Niveau“ und nennt die Prognosen sehr zuverlässig. Die Welt nähere sich immer mehr der in Paris vereinbarten Grenze. Er warnt, ab 1,5 Grad würden die Auswirkungen des Klimawandels für die Menschen und den gesamten Planeten „zunehmend schädlich“. Der Weltklimarat sieht das genauso. Er mahnt in seinen Berichten zu einer schnellen Umstellung auf klimafreundliche Energiequellen wie Solar- und Windkraft. Sonst drohe eine Erfüllung der Ziele von Paris „unmöglich“ zu werden - mit weitreichenden Folgen..
Wie groß sind die Herausforderungen? Sie sind gigantisch, wie der IPCC vorrechnet. Demnach ist der weltweite Ausstoß von menschengemachten Treibhausgasen von 2010 bis 2019 auf 59 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente gestiegen. Damit waren die Treibhausgasemissionen so hoch wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und: Um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, muss dem Weltklimarat zufolge in den frühen 2050er Jahren CO2-Neutralität erreicht sein.
Klimaforscher Johan Rockström fordert rasche Konsequenzen: „Der neue WMO-Report ist eine deutliche Mahnung an uns alle, und vor allem an Entscheider und Entscheiderinnen in Politik und Wirtschaft, dass wir uns mitten in einer globalen Klimakrise befinden.“ Erforderlich sei eine sofortige und tiefgreifende Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen. „Tun wir das nicht, werden wir die planetaren Grenzen überschreiten und das Leben unserer Kinder und aller künftigen Generationen gefährden. Tun wir es aber, können wir immer noch einen sicheren Handlungsraum für die Menschheit auf der Erde erhalten“.