Wirtschaft in Ostfriesland Arbeitgeberverband: Krieg in der Ukraine birgt Probleme und Chancen
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine sorgt auch bei ostfriesischen Unternehmen für Materialengpässe. Doch die Krise biete auch neue Möglichkeiten für die Region, meint der Arbeitgeberverband.
Ostfriesland - Für die Unternehmen in Ostfriesland häufen sich derzeit die Probleme: Außer den immer noch spürbaren Folgen der Corona-Pandemie durch einen akuten Personalmangel komme nun der russische Angriffskrieg in der Ukraine hinzu. Dieser habe auch Auswirkungen in der Region, erklärte Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands (AGV) für Ostfriesland und Papenburg, am Montag bei einem Pressegespräch in Emden.
Die Preise für Rohstoffe und Energie, die auch vor Kriegsbeginn schon hoch waren, würden weiter anziehen; zudem fehle es gerade in der Industrie an Material. „Das Thema Ukraine verschärft das Ganze noch“, sagte Doden. Und je länger der Krieg andauere, desto kritischer werde die Lage für die Unternehmen.
Der Stahl aus Russland und der Ukraine fehlt in Deutschland
Frank Wessels, der Vorsitzende des AGV-Verwaltungsrates, verwies etwa auf den aktuellen Engpass bei Euro-Paletten, die nicht gefertigt werden könnten, weil der Stahl für die Nägel bisher aus Russland geliefert worden sei. Doch aufgrund der Sanktionen des Westens gegen Moskau können Unternehmen aus der EU keinen Stahl mehr aus Russland importieren.
Hinzu kämen Lieferketten, die direkt infolge des Krieges durchtrennt worden seien, sagte Doden – etwa, wenn es um das von russischen Truppen belagerte Stahlwerk Azowstal in der südukrainischen Hafenstadt Mariupol gehe. „Viele wussten gar nicht, dass da hinten so ein großes Stahlwerk ist.“ Jetzt merke man erst, wer bisher alles aus Mariupol mit Stahl versorgt worden sei.
Verband ist für eine Erdgasbohrung vor der Insel Borkum
Ein weiteres Risiko stelle für die Unternehmen die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Gaslieferungen dar: Bei manchen hänge auch die Produktion davon ab, dass eine Werkshalle geheizt werden könne, sagte Doden. Bleibe die Halle kalt, stünden auch die Bänder still. In diesem Zusammenhang sei es für die Firmen wichtig, die Sicherheit der Energieversorgung zu gewährleisten, sagte Jörg Thoma, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des AGV.
In diesem Zusammenhang sprachen sich die Verbandsvertreter auch für die geplante Erdgasbohrung des niederländischen Unternehmens One-Dyas vor der Insel Borkum aus. „Wir müssen in unserer Region gucken, was möglich ist“, sagte Doden – nur so könne die Energieversorgung auch ohne russisches Gas sichergestellt werden. Wenn es um die Abhängigkeit von Russland geht, stellt er aber auch eine Frage: „Musste eigentlich erst einmal dieser Krieg kommen, um uns die Augen zu öffnen?“
Fachkräftemangel bleibt für Betriebe ein langfristiges Problem
Eine Krise, wie sie jetzt durch den Krieg in der Ukraine eingetreten sei, biete auch Chancen, sagte der AGV-Chef. Für Ostfriesland gebe es nun die Möglichkeit, Bürokratie abzubauen und damit Infrastrukturprojekte wie die Ems-Vertiefung oder den Bau einer zweiten Eisenbahnbrücke über den Emder Binnenhafen zu beschleunigen. Bisher seien die Wege für Genehmigungen und Förderungen zu lang, kritisierte Thoma. „Ein Umdenken ist zwingend erforderlich“, so Doden. Mit den „Sonntagsreden“ der Politik müsse Schluss sein.
Neue Möglichkeiten biete der Wille zu mehr Unabhängigkeit bei der Versorgung in Deutschland und die von der Bundesregierung angestrebte Energiewende in der Region auch für die erneuerbaren Energien. Mit der Nähe zu Offshore-Windparks, der Auricher Windkraftanlagen-Hersteller Enercon und Plänen für eine Wasserstoffinfrastruktur in Wilhelmshaven gebe es großes Potenzial, sagte Doden. „Wenn nicht diese Region hier in Deutschland ein ganz großer Zukunftstreiber ist, welche denn dann?“
Doch damit die Zukunft gelinge, müssten einige langfristige Baustellen angegangen werden, sind sich die AGV-Vertreter einig: Der Fachkräftemangel sei schon jetzt eklatant, sagte Wessels. „Das geht durch alle Branchen.“ Es gebe bei den Unternehmen große Probleme, freie Stellen zu besetzen und Auszubildende zu finden, sagte Doden. „Das wird sich in Zukunft eher noch verschärfen.“ Denn die geburtenstarken Jahrgänge würden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. „Da bekommen wir Probleme, die Stellen adäquat nachzubesetzen.“