Stralsund  Zu wenig Platz für Affen? Anzeige gegen Zoo im Norden

Sebastian Lohse
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Von Sebastian Lohse
| 09.05.2022 15:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Besucher sind im Zoo von Stralsund unterwegs. Peta sieht darin reine Unterhaltung und fordert die Schließung solcher Einrichtungen. Foto: Stefan Sauer/dpa
Besucher sind im Zoo von Stralsund unterwegs. Peta sieht darin reine Unterhaltung und fordert die Schließung solcher Einrichtungen. Foto: Stefan Sauer/dpa
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Die Tierrechtsorganisation Peta erstattet Anzeige gegen einen Zoo im Norden. Besucher äußerten bereits Kritik an vermeintlich zu kleinen Gehegen.

Der Zoo in Stralsund fügt sich optisch perfekt in das ländliche Idyll Mecklenburg-Vorpommerns ein. Viel Grün, eine Windmühle und Bauernhofstimmung erwarten die Besucher. Unter den 1000 Tieren in etwa 150 Arten sind zahlreiche Haustierrassen von Schafen bis Pferden. Hinzu kommen heimische Tiere wie Störche und Luchse. Sie sind das Markenzeichen des größten Zoos in Vorpommern.

Besucher bewerten die Einrichtung überwiegend positiv. „Es ist kein sehr großer Tierpark, aber er ist trotzdem weitläufig und es gibt viel zu sehen“, schreibt etwa ein Nutzer beim Online-Bewertungsportal Tripadvisor. Doch auch Kritik wird laut. „Der Zoo ist vielerorts in die Jahre gekommen und ein paar Gehege wirken auf uns Laien auch zu klein“, heißt es in einer weiteren Bewertung. Ähnliche Aussagen finden sich in anderen Kommentaren.

Diese Beobachtung ruft aktuell die Tierrechtsorganisation Peta auf den Plan. Insbesondere bei den Schimpansen sieht sie dringenden Handlungsbedarf. Die Menschenaffen würden nicht artgerecht gehalten, lautet der Vorwurf.

„Im Zoo Stralsund werden die Schimpansen-Geschwister Flo und Gerome in einem Innengehege von insgesamt nur etwa 70 Quadratmetern eingesperrt – nicht einmal annähernd die Hälfte der vorgeschriebenen 200 Quadratmeter“, teilt Peta mit. Gleiches gelte für das Außengehege. In der Wildnis leben Schimpansen nach Angaben des WWF in Revieren mit einer Größe von sieben bis 65 Quadratkilometern.

„In Stralsund sind die Tiere dazu gezwungen, vor sich hin zu vegetieren“, sagt Dr. Yvonne Würz, Fachreferentin für den Bereich Zoo und Zirkus. „Auch die Sozialstruktur dort hat nichts mit den natürlichen Verhältnissen zu tun.“ Die paarweise Haltung entspreche nicht dem arttypischen Sozialleben. Schimpansen lebten normalerweise in gemischtgeschlechtlichen Gemeinschaften mit bis zu 150 Mitgliedern. „Daher haben wir uns nun dazu entschlossen, Strafanzeige wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz zu erstatten“, so Dr. Yvonne Würz.

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Die Staatsanwaltschaft Stralsund bestätigt auf Anfrage unser Redaktion, dass eine Straf- und Ordnungswidrigkeitenanzeige gegen „die leitende verantwortliche Person des Zoos Stralsund“ eingegangen sei.

Die Zooverwaltung habe nur aus den Medien von einer Strafanzeige erfahren. „Sollten uns Staatsanwaltschaft und Polizei kontaktieren, werden wir selbstverständlich zur fachlichen Aufbereitung des Sachverhalts beitragen“, heißt es in einer Stellungnahme.

„Die Stralsunder Schimpansen gehören der im ursprünglichen Verbreitungsgebiet extrem vom Aussterben bedrohten Westafrikanischen Unterart an“, erklärt ein Sprecher der Zooverwaltung. Sie seien Bestandteil des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP). „Sie werden bei Bedarf dem EEP zur Verfügung gestellt, um möglicherweise in einem anderen Zoo einen Beitrag zur Erhaltung ihrer Art zu leisten.“

Die beiden Schimpansen Gerome und Flo wurden 1996 und 1999 im Zoo Stralsund geboren und sind laut Verwaltung im Familienverband aufgewachsen. Gegen die Vorwürfe der artwidrigen Tierhaltung wehrt sich die Einrichtung.

2004 wurde die Anlage im Zoo fertiggestellt. „Sie bietet den Tieren Beschäftigungs- und Rückzugsmöglichkeiten, natürlichen Bewuchs im Außenbereich und diverse Kletterstrukturen“, sagt der Zoo-Sprecher. Je nach Witterung könnten Gerome und Flo selbst entscheiden, ob sie sich draußen oder drinnen aufhalten. „Ein Team von Zootierpflegerinnen und ein Tierarzt sorgen 365 Tage im Jahr für ihre fachgerechte Betreuung. Zu ihren Pflegerinnen haben beide Schimpansen ein sehr gutes Verhältnis.“

Vor Ort war die Tierrechtsorganisation offenbar nicht. Die Informationen zu den Haltungsbedingungen seien durch in Auskunftsersuchen gemäß Informationsfreiheitsgesetz erlangt worden. Daraus ergebe sich, dass die Anforderungen gemäß Säugetiergutachten unterschritten würden. „Wenn der Zoo diese Anforderungen, nicht leisten kann oder will, müssen die Tiere in eine anerkannte Auffangstation oder zumindest in einen Zoo mit moderner, großer Anlage umgesiedelt werden“, fordert Dr. Yvonne Würz.

Die Tierrechtsorganisation Peta sieht Tierparks und Zoos generell kritisch. „Für unsere bloße Unterhaltung werden Tiere lebenslang eingesperrt und zur Schau gestellt. Die Enge und Beschäftigungslosigkeit machen sie krank“, erläutert Dr. Yvonne Würz. Zudem würden sich die Einrichtungen nur auf beliebte Tiere konzentrieren, daher sei auch der Beitrag zum Artenschutz gering. Tiere würden nur in seltenen Fällen ausgewildert.

Der hohe Kosten- und Personalaufwand ist nach Ansicht der Tierrechtler eine Verschwendung. „Weitaus effizienter ist Artenschutz, der im natürlichen Lebensraum der Tiere stattfindet“, so die Fachreferentin. Peta fordert daher ein Ende der Tierhaltung in Zoos.

Auch der Zoo Rostock kommt bei der gemeinnützigen Organisation nicht gut weg. Eisbären gehörten in die Wildbahn und nicht ins Gehege, lautet der Vorwurf. Kaum ein anderes Tier leide so sehr in Gefangenschaft. Daran würden auch moderne Einrichtungen wie das 2018 eröffnete Polarium nichts ändern.

In Besuchervideos habe Peta bereits kurz nach der Eröffnung ein Tier mit Verhaltensstörungen identifiziert. Eine Anzeige gab es bislang nicht. Die Zahl der in Zoos gehaltenen Eisbären nimmt seit Jahren ab.

Im vergangenen Jahr hat Peta eine andere Einrichtung in MV angezeigt. Die Organisation forderte die Schließung des Tierparks Wismar. Sie prangerte die Zustände mit verletzten Tieren und kotbedeckten Böden an. Mitarbeiter hatten auf die Missstände aufmerksam gemacht. Der Zoodirektor Michael Werner vermutet einen Rachefeldzug. Die Anzeiger dementieren das. „Wir wollen, dass es den Tieren endlich gut geht“, erklärte eine Angestellte damals.

Amtstierarzt Dr. Philipp Aldinger war inzwischen mehrfach zu Begehungen vor Ort. Sein Gutachten bleibt bis zum Ende der Ermittlungen unter Verschluss. Der Vertragstierarzt Dr. Dirk Fechner erklärte im Februar: „Sicherlich sind Mängel da gewesen, auch der Personalsituation beigemessen. Aber die Situation war nicht so schlimm wie dargestellt.“ Die Anzeiger sehen bislang keine Verbesserung, die Ermittlungen laufen.

Im Zoo Stralsund haben diese gerade erst begonnen. „Die in der Anzeige erhobenen Vorwürfe werden nunmehr geprüft“, sagt Oberstaatsanwalt Martin Cloppenburg. Das dürfte Monate dauern. Für die Besucher soll es währenddessen keine Einschränkungen oder Änderungen geben. „Dazu besteht keine Veranlassung“, heißt es vonseiten der Zooverwaltung.

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