Diepholz
ZF am Dümmer: Gute Umsätze und viele Veränderungen
Divisionschef Peter Holdmann hat Bilanz gezogen: Alles in allem sind die ZF-Standorte am Dümmer gut durch das Jahr 2021 gekommen. Dennoch stehen viele Veränderungen an. Und die Zero-Covid-Strategie Chinas macht dem Unternehmen zu schaffen.
Ohne zu rangieren wendet der Kleinwagen in einem Zug auf der schmalen Werkseinfahrt von ZF in Diepholz. Es ist ein Versuchsfahrzeug des Automobilzulieferers, das da seine Runden dreht. Möglich macht den geringen Wendekreis die sogenannte „EasyTurn-Vorderachse“, die einen Lenkwinkel von bis zu 80 Grad ermöglicht. Damit stehen die Vorderräder fast quer zur Fahrtrichtung.
Auch die Elektromobilität hat ihren Anteil an der Neuentwicklung der Division Pkw-Fahrwerktechnik am Dümmer. Denn der fehlende Motor schafft den nötigen Platz, erklärt Divisionschef Peter Holdmann. Und er betont: „Auch, wenn Software und Digitalisierung in den Fokus rücken, investieren wir noch in klassische Fahrwerktechnik.“
Holdmann stellte am Freitag die Bilanz des Automobilzulieferers vor. Dabei stand für ihn fest: „Wir haben das dritte Jahr in Folge eine Situation, die als krisenhaft bezeichnet werden muss.“ Erst die Corona-Pandemie, dann der Halbleitermangel, der Holdmann zufolge noch immer nicht überwunden ist, und jetzt der Krieg in der Ukraine und der anhaltende Lockdown in China – das Umfeld bleibt für die Division Pkw-Fahrwerktechnik eine Herausforderung.
Dennoch hat die Division, zu der weltweit mehr als 50 Standorte in 21 Ländern und 16.000 Mitarbeiter gehören, ihren Umsatz im vergangenen Jahr auf 7,3 Milliarden Euro steigern können. Das entspricht rund 18 Prozent des gesamten ZF-Umsatzes. Etwa 3200 der Mitarbeiter sind an den Dümmer-Standorten in Dielingen, Lemförde, Diepholz, Damme und Wagenfeld beschäftigt. Zusammen bilden sie den Multidivisionsstandort Lemförde, da in Dielingen und Diepholz auch Werke der ZF-Divisionen Nutzfahrzeugtechnik bzw. Electrified Powertrain Technology angesiedelt sind.
Die Weichen für die Zukunft hat ZF bereits gestellt. Wie im vergangenen Jahr angekündigt, wird sich ZF von der Produktlinie Schaltsysteme trennen. Die Industriegruppe Aequita wird das Werk und die rund 500 Mitarbeiter übernehmen.
Ende 2023 ist auch in Damme Schluss. ZF hat die Räumlichkeiten dort von Automobilzulieferer Boge gemietet. Letztere braucht den Platz nun selbst. Peter Holdmann kann der Kündigung des Mietverhältnisses seitens Boge heute durchaus etwas Positives abgewinnen. „Sie hat dabei geholfen, notwendige strukturelle Veränderungen durchzuführen“, sagt er.
Dazu zählt unter anderem, dass ZF sein Produktportfolio analysiert hat. Mit dem Ergebnis, dass Produkte, die nicht profitabel in Deutschland herzustellen sind, verlagert werden. Ein Großteil wird künftig aus der Slowakei kommen, so Holdmann.
Gleichzeitig startet Mitte oder Ende kommenden Jahres jedoch auch eine hochautomatisierte Kunststofffertigung in Dielingen. Gearbeitet werden soll im Drei-Schicht-Betrieb. „Das funktioniert nur aufgrund der hohen Automatisierung“, sagt Holdmann. Und auch in weitere Kompetenzen wolle man investieren. „Die Software wird künftig die Architektur eines Fahrzeugs bestimmen, nicht die Hardware.“
Betriebsbedingte Kündigungen haben die Veränderungen für Stammmitarbeiter an den ZF-Standorten am Dümmer bis Ende 2026 jedoch nicht zur Folge. Allerdings gehört zur Vereinbarung mit den Arbeitnehmervertretern ein Sonderprogramm mit Angeboten zu Altersteilzeit und Aufhebungsverträgen.
An Bedeutung verlieren die Dümmer-Standorte im Gesamtkonzern trotz der Veränderungen nicht, im Gegenteil. Das Fahrwerkkomponenten-Werk Diepholz ist Pilotprojekt für eine digitale Produktionsplattform („Digital Manufacturing Platform“, DMP). Mit ihr sind künftig alle Maschinen vernetzt und können in Echtzeit überwacht werden.
Unter anderem soll künstliche Intelligenz das Fehlermanagement schneller und die Produktion effektiver machen. „Die Digitalisierung bietet zusätzliches Produktivitätspotenzial“, so Holdmann. Diepholz sei das Werk, auf das gerade alle schauen würden. Denn die am Dümmer entwickelten Prozesse und Tools werden nun sukzessive in allen Werken des ZF-Konzerns weltweit implementiert.
Im Ausblick ist Peter Holdmann durchaus optimistisch. „Wir hoffen, dass die Werke am Dümmer im Juni wieder Normallast fahren können“, so der Divisionschef. Aktuell macht dem Automobilzulieferer vor allem die Zero-Covid-Strategie Chinas zu schaffen. Seit Wochen ist unter anderem Shanghai im Lockdown. „Im April lag unser Umsatz in China bei rund der Hälfte des Vorjahres“, macht Holdmann die Auswirkungen deutlich. Nur würden die Werke langsam wieder hochfahren. Es gebe jedoch rund 1500 Mitarbeiter, die seit sechs Wochen im Werk leben und von ZF versorgt würden, damit weiter produziert werden kann.