Naturschutz in Aurich
Leinenpflicht: Hört die Tierliebe beim eigenen Hund auf?
Leinenpflicht in der Brut- und Setzzeit: Hunde auf freiem Feld und im Wald an die Leine zu nehmen fällt vielen Besitzern schwer. Damit tun sie den Wildtieren keinen Gefallen – auch nicht sich selbst.
Aurich/Ostfriesland - Ausflug nach Neßmersiel am vergangenen Sonntag: Auf einer Grünfläche vor dem Ortseingang spielt ein Terrier mit seiner menschlichen Familie – ohne Leine trotz Leinenpflicht in der Brut- und Setzzeit seit dem 1. April. Dann hält er inne und flitzt auf die benachbarte Wiese. Glücklicherweise hatte der Vierbeiner nur ein dickes Fasanenmännchen im Blick, das im letzten Moment schwerfällig entkommen kann. Das Herrchen rennt hinterher, nimmt sein Tier an die Leine und guckt bedröppelt: „Das macht er sonst nie.“ Klar.
Was und warum
Darum geht es: Welchen Sinn macht die Leinenpflicht zur Brut- und Setzzeit, wenn sich so viele nicht dran halten?
Vor allem interessant für: Hundehalter mit und ohne Leine und alle, die sich über Leinenpflicht oder die fehlende Leine aufregen.
Deshalb berichten wir: Wir treffen vor allem im Wald und auf dem freien Feld immer wieder Hunde ohne Leine und fragen uns: Was soll das? Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Hunde ohne Leine sind trotz des Verbots vor allem dort keine Seltenheit, wo dieser Schutz für Wildtiere wichtig wäre: In der „freien Landschaft“, wie es im Gesetz heißt. Also abseits der offiziellen Rad- und Autostraßen. Eben auch am Naturstrand in Hilgenriedersiel und im Wäldchen hinter der Blücher-Kaserne in Aurich. Aber gerade hier hat die Redaktion in den letzten Wochen zahlreiche leinenlose Hunde beobachtet. Kaum haben ihre Herrchen die befestigte Straße verlassen, heißt es für die Hundehalter: Leinen los. Dann toben die Tiere auch schon einmal durchs Unterholz und frei über die Grasflächen. Die Frage nach dem Warum bringt Antworten wie: „Mein Hund ist doch gut erzogen“, „Er tut doch nichts“, „Wo sollen wir denn sonst hin?“, „Hier gibt es doch keine Hasen und Rehe“ – und ganz viel Wut.
Leinen los im Wald
Es bleibt die Frage: Warum gibt es eigentlich diese Leinenpflicht, wenn sich so wenige daran halten? Kontrolliert überhaupt jemand, ob sie eingehalten wird? Geregelt ist die vorübergehende Leinenpflicht vom 1. April bis zum 15. Juli in Paragraf 33 des Niedersächsischen Gesetzes über den Wald und die Landschaftsordnung (NWaldLG). Es ist auch geregelt, dass die Kommunen dafür sorgen müssen, dass sie eingehalten wird. Der Verstoß dagegen ist eine Ordnungswidrigkeit und kann Hundehalter bis zu 5000 Euro kosten.
Aber: Werden solche Vergehen überhaupt aktiv verfolgt? „Wir sind darauf angewiesen, dass Bürger die Verstöße melden“, sagt Joachim Betten, Leiter des Ordnungsamts Südbrookmerland. Und selbst dann sei es schwer, dem Halter diesen Verstoß nachzuweisen. „Bis wir kommen, sind sie weg“, so Betten. Mit dem Großen Meer hat das Ordnungsamt der Gemeinde eine große Fläche zu beaufsichtigen. Machbar sei das nicht. „Bis mal ein Hundehalter vorbeikommt, ist schon eine halbe Stunde rum“, sagt Betten. Ein Ordnungsgeld gegen einen Hundehalter wegen eines Verstoßes gegen die Leinenpflicht habe es in der Gemeinde in den vergangenen Jahren deshalb nicht gegeben.
Keine Kapazitäten für Kontrollen
Wie es in Aurich aussieht, kann Stadt-Pressesprecher Johann Stromann nicht sagen. Aber er weiß: „Die Fläche ist viel zu groß, um sie zu kontrollieren“, sagt er: „Es werden lediglich sporadisch Kontrollen durchgeführt.“ Stromann ist Jäger und kennt das Problem der fehlenden Leine. Er trifft selbst unterwegs im Jagdrevier Hundehalter, die sich von der Leinenpflicht nicht beeindrucken lassen. Einsichtig seien die wenigsten. Und was dann?: „Machen können wir nichts“, sagt Stromann.
Dass solche Situationen nicht immer gut für die Tiere ausgehen, weiß Wibeke Schmidt, Pressesprecherin der Niedersächsischen Landesforsten. Getötete Kitze und andere Waldbewohner wie Hasen oder in den Sträuchern brütende Vögel gebe es immer wieder. „Die meisten Hunde sind gut erzogen und die Hundehalter können die Gefahr abschätzen, die von ihrem Tier ausgeht“, sagt die Försterin. Die Leinenpflicht gebe es vor allem wegen der Halter, die das eben nicht können.
Auf dem Weg bleiben lautet die Devise
Dabei gehe es nicht nur darum, dass der Hund keine Tiere jagt, sondern auch darum, dass er auf den Wegen bleibt. Denn jeder Ausflug ins Unterholz oder in die Nähe von Wiesenbrütern setze die Elterntiere samt Nachwuchs unnötig unter Stress. „Selbst wenn keine Tiere zu sehen sind, sind sie da“, sagt Schmidt: „Sie sind nur sehr gut versteckt. Verantwortungsvolle Hundehalter greifen deshalb meist von allein zur Leine.“ Auch die bloße Menge der Hunde mache die Leinenpflicht notwendig. Einzelne Hunde, die im Wald Rambazamba machen, wären vielleicht noch zu verkraften, „aber wenn es immer wieder zu Störungen kommt, wird es problematisch“.
Pro Leinenpflicht: Nicole Böning verzweifelt an den leinenlosen Hunden
Ich bin gerne in der Natur. Hunde mag ich grundsätzlich auch. In der freien Natur allerdings nur auf Wegen und am liebsten an der Leine. Denn gerade dort, wo es viele Wildtiere gibt, sind wild tobende Hunde oft nicht weit. Spätestens dann ist es für mich mit dem Naturgenuss vorbei. Denn auch wenn die Hundebesitzer nichts davon mitbekommen: Sobald ihre Tiere die Wege verlassen, ist von der Vielfalt des tierischen Lebens abseits kaum noch etwas zu hören und sehen. Wie schön es ist, wenn sich alle an die Regeln halten, bekommen die Besucher des Langwarder Grodens auf der anderen Seite des Jadebusens in Butjadingen mit: Dort führt ein Bohlenweg durchs Watt und die dort lebenden Tiere können sich sehr sicher sein, dass niemand sie stört. Genau deshalb können selbst Hundebesitzer dort in nicht einmal zehn Metern Entfernung die beiden Seehunde bewundern. Selbst wenn Fiffi mal bellt, macht es ihnen nicht: Sie wissen, dass ihnen niemand etwas tut. Diese Sicherheit haben die Tiere der Felder und Wälder woanders nicht. Schade eigentlich. Denn solange es dabei bleibt, werden Hunde und Hundebellen das einzige Tierische sein, was in der Natur vor allem am Wochenende zu sehen und hören ist. Zum Nachteil der Wildtiere.
Finn Ahrens von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Wittmund seufzt, als er das Wort „Leinenpflicht“ hört. Es ist undankbares Thema. Obwohl die Kontrolle eine Aufgabe der Gemeinden ist, wird in Wittmund manchmal auch der Landkreis aktiv: „Wir wissen, dass es die Kommunen kaum schaffen, selbst Kontrollen durchzuführen“, so Ahrens. Deshalb weisen im Landkreis Wittmund auch die Mitarbeiter seiner Behörde Hundehalter auf die Leinenpflicht hin. „Am schlimmsten ist, wenn man nichts macht“, findet Ahrens. Den Schwarzen Peter den Kommunen zuzuschieben sei auch keine Lösung.
Landkreis Wittmund wird aktiv
Auch wiederholten Hinweisen ist die Behörde nachgegangen, dass Hunde auf einer Fläche in Bensersiel in die Büsche laufen. Dort stören sie brütende Vögel. Demnächst werden Schilder aufgestellt, auf Kosten des Landkreises: „Hunde bitte anleinen“ steht drauf, mit einem Verweis auf die Brut- und Setzzeit. Ziel sei nicht, den Besitzer eines nicht angeleinten Hundes anzuzeigen, sondern um Verständnis für die Wildtiere zu werben.
„Hundehalter sind in unseren Augen Tierfreunde, deshalb appellieren wir an ihre Tierliebe und hoffen, dass diese nicht beim eigenen Hund aufhört“, sagt Finn Ahrens. Denn: „Für den Artenschutz sind wir alle verantwortlich.“ Deshalb sollten alle Hunde während der Brut- und Setzzeit an die Leine genommen werden, selbst wenn ein Hund keinen Jagdtrieb besitzt und aufs Wort hört. „Jeder nicht angeleinte Hund lädt andere Hundehalter dazu ein, ebenfalls keine Leine zu nutzen.“
Kontra Leinenpflicht: Gabriele Boschbach kann die Hundehalter verstehen
Dieser Text ist keine klassische Gegenrede. Diese wäre ein Plädoyer für einen Wegfall der Leinenpflicht in der Brut- und Setzzeit. Kitze dem Jagdtrieb eines Hunde aussetzen? Nein, dafür kann ich mich nicht aussprechen, möchte aber Verständnis für den angeleinten Hund und noch mehr den dauergenervten Hundehalter wecken. In der Brut- und Setzzeit durchschreitet jeder Zwei- mit seinem Vierbeiner ein Tal der Tränen und Flüche. Wie will man in diesen Wochen vom 1. April bis zum 15. Juli den Bedürfnissen des Tieres nach Bewegung und Sozialkontakten nachkommen? Wie will man ihn auslasten? Jeder Hundeexperte hält dafür eine Reihe von Empfehlungen parat. Alle verlangen vom Hundehalter, dass er mehr Zeit, Geduld und Kreativität als sonst aufbringt, um mit der Ausnahmesituation klarzukommen. Manche können sich darauf einrichten, andere nicht. In dieser Situation wären eingezäunte Hunde-Spiel-Wiesen, wie sie Initiativen in immer mehr Städten fordern, ein guter Service. In Wiesmoor etwa kämpfen ein paar engagierte Hundefreunde seit Jahren dafür, dass es ein Areal für ihre Vierbeiner gibt. Bisher sehen Kommunen ein solches Angebot als überflüssigen Luxus an. Das ist es aber nicht! Ein Umdenken wäre bürger- und hundefreundlich.
Auch das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Hannover hat sich zu dem Problem geäußert. Die Meinung: Selbst ohne Kontrollen sollte die Leinenpflicht funktionieren. „Ein gemeinschaftliches Zusammenleben setzt voraus, dass sich die Gesellschaft unabhängig von Kontrollen an gesetzliche Vorgaben hält. Dies gilt auch für das Verhalten in der freien Landschaft, zu dem die Anleinregelung zählt“, heißt es von dort förmlich. Dort hält man es im schönsten Beamtendeutsch nicht für unwahrscheinlich, dass bei der Leinenpflicht noch einmal nachjustiert werden könnte: „Unabhängig von der derzeitigen Regelung unterliegen gesetzliche Vorgaben einer ständigen Überprüfung.“