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Milch wird immer teurer: Darum könnte bald Bio-Milch am billigsten sein

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 06.05.2022 13:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Milch im Supermarkt: Aufgrund des Energiepreis-Schocks und des Ukraine-Krieges könnte die Bio-Milch bald billiger sein als die konventionelle Konkurrenz. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Milch im Supermarkt: Aufgrund des Energiepreis-Schocks und des Ukraine-Krieges könnte die Bio-Milch bald billiger sein als die konventionelle Konkurrenz. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
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Die Energiekrise und der Ukraine-Krieg stellen den Milch-Markt in Deutschland auf den Kopf: Gut möglich, dass Bio-Milch bald billiger ist als die klassische H-Milch. So oder so wird es für die Verbraucher wohl teurer.

Wer dieser Tage und Wochen mit Milchbäuerinnen und Milchbauern spricht, hört oft diesen einen Satz des Erstaunens: „Das habe ich noch nie erlebt!” Sie meinen damit die Entwicklung bei den Milchpreisen, genauer gesagt bei den sogenannten Erzeugerpreisen, die Bauern von der Molkerei erhalten.

Diese steigen seit Wochen sehr stark und ein Ende der Entwicklung ist noch nicht in Sicht. Mehr als 50 Cent zahlen einzelne Molkereien mittlerweile für den Liter. Zu Zeiten der großen Milchpreiskrisen etwa im Jahr 2016 war es nicht einmal die Hälfte.

Dabei gilt der Aufschwung nicht für den gesamten Milchmarkt. Die Preisrallye beschränkt sich vorwiegend auf den Bereich der konventionell erzeugten Milch. Bei der klassischerweise deutlich teureren Bio-Milch indes stagniert der Erzeugerpreis mehr oder minder.

In einem ersten Schritt könnten Bio-Bauern deshalb in absehbarer Zeit dazu führen, dass Bio-Bauern weniger für ihre Milch bekommen als konventionell wirtschaftenden Kollegen - und Verbraucher in einem zweiten Schritt im Supermarkt für die in der Produktion eigentlich teurere Bio-Milch weniger zahlen müssen als für die normale H-Milch. Im Bereich der Butter finden sich bereits in den Kühlregalen vereinzelt Beispiele für diese Umkehr der Preisverhältnisse.

Marktbeobachter und Bauern rechnen damit, dass diese Situation in den kommenden Wochen eintreten könnte. Sie kündigt sich bereits seit geraumer Zeit an. Schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges stieg der Erzeugerpreis im konventionellen Bereich deutlich steiler an als bei der Bio-Milch. Das zeigen offizielle Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung:

Die Daten der Behörde reichen derzeit nur bis Februar. Wer wissen will, wie es danach - also nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine - mit dem Milchpreis weiterging, sollte Bauern fragen: Ein Landwirt aus Ostfriesland (O-Ton ebenfalls: „Das habe ich noch nie erlebt”) verweist auf entsprechende Mitteilungen seiner Molkerei.

Im Februar zahlte seine Ammerland-Molkerei noch 45 Cent pro Liter konventioneller Milch. Bio-Bauern hingegen bekamen 54 Cent. Für den April stieg der Milchpreis für die Bio-Ware im Vergleich zum Februar um gerade einmal einen Cent auf 55 Cent. Für konventionelle Ware indes stieg der Auszahlungspreis deutlich stärker auf 50 Cent.

Ein Grund für die ungleiche Entwicklung ist die stark gestiegene Milchnachfrage auf dem Weltmarkt bei vergleichsweise geringem Angebot. Während die konventionelle Milch aus Deutschland weltweit vermarktet werden kann und wird, beschränkt sich der klassische Absatzmarkt für Bio-Ware auf Deutschland und einige Nachbarländer. Hier blieb die Nachfrage und damit auch der Preis relativ stabil.

Reich wird trotz dieser Entwicklung derzeit kein Landwirt. Das betont Karsten Schmal, Vizepräsident des Bauernverbandes. Im Gegenteil: Es herrschten auf vielen Höfen Existenzsorgen. Schmal sagt: „Egal ob bio oder konventionell - die Milcherzeugerpreise müssen steigen.”

Die höheren Ausgaben für Energie, Futter oder Düngemittel „lassen den bisherigen Anstieg beim Milchgeld de facto verpuffen. Dazu treibt uns die Sorge, ob Betriebs- und Futtermittel zukünftig überhaupt verfügbar sind.” Es sei für die landwirtschaftlichen Betriebe existenziell, dass die erzielten Erlössteigerungen von Handel und Molkereien „vollumfänglich” an die Bauern weitergegeben würden, so Schmal.

Tatsächlich sind die Preise im Supermarkt für Milch und Milchprodukte wie Butter in den zurückliegenden Wochen bereits spürbar gestiegen. Für ein Päckchen Markenbutter mussten Verbraucher zuletzt teils mehr als drei Euro zahlen.

Beim Milchindustrie-Verband (MIV) geht man davon aus, dass diese Entwicklung in der Breite noch weiter gehen wird. In dem Verband sind fast alle großen Molkereien und Milchverarbeiter in Deutschland organisiert.

Geschäftsführer Björn Börgermann teilt auf Anfrage mit: „Bei Milchprodukten mit längeren Kontraktlaufzeiten sind die Preissteigerungen im Laden teils noch nicht wirklich angekommen, das wird erst in den kommenden Wochen und Monaten geschehen.”

Gemeint ist damit Milch, aber auch Käse. „Steigerungsraten von 20 Prozent könnten durchaus möglich sein”, so Börgermann. Am Ende sei dies aber Verhandlungssache zwischen Molkereien und Handelsunternehmen.

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