Osnabrück
Tatort „Marlon“ aus Ludwigshafen: Tod eines Systemsprengers
Um den Tod eines Jungen, mit dem niemand zurechtkam, geht es im neuen Tatort aus Ludwigshafen. Der titelgebende „Marlon“ war ein sogenannter Systemsprenger.
Seit Nora Fingscheidts vielfach preisgekröntem Film “Systemsprenger” mit der großartigen Helena Zengel als neunjähriger Benni kennt sie fast jeder - diese Kinder, die zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigen. Weil ihre Seele einen Schaden davongetragen hat, den sie innerhalb der Normen unserer Gesellschaft nicht kompensieren können. Und da der Tatort es sich von jeher zur Aufgabe gemacht hat, gesellschaftliche Phänomene aufzugreifen, war es nur eine Frage der Zeit, wann sich der Sonntagskrimi im Ersten auch diesem Thema widmet.
Die nach offizieller Zählart 1200. Tatort-Folge “Marlon” macht es. Drehbuchautorin Karlotta Ehrenberg und Regisseurin Isabel Braak orientieren sich ganz offensichtlich an “Systemsprenger” und transferieren ihn ins Krimi-Genre. Sie konfrontieren damit die dienstälteste Tatort-Ermittlerin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter).
Ganz nebenbei lassen sie Odenthal erzählen, was das Publikum wohl schon geahnt hat: Auch von ihr hieß es als Kind, sie ticke nicht richtig, “weil ich mich ständig geprügelt habe”. Vielleicht deshalb geht ihr dieser Fall besonders nahe.
Der neunjährige Marlon (Lucas Herzog) ist auch so ein Systemsprenger. Rastet regelmäßig komplett aus, sabotiert den Unterricht, bricht seiner Mitschülerin Madita (Hanna Lazarakopoulos) den Arm, ist der Alptraum seiner Lehrer, Eltern und der Eltern anderer Kinder. Nur zum Schulsozialarbeiter Anton Leu (Ludwig Trepte) hat er ein halbwegs normales Verhältnis. Denn der hat erkannt: “Kinder sind nicht das Problem - sie haben eins.”
Gleich zu Beginn des Films sieht man, wie Marlon zielsicher in seine Schule stapft - wütend, weil ihm die Teilnahme am Schulfest untersagt worden ist. Doch kaum hat er das Gebäude betreten, liegt er an einem Treppenabsatz auf dem Boden. Tot. Offensichtlich die Treppe hinuntergestoßen. An seinem Körper werden sich später allerdings auch Spuren von Gewalteinwirkung finden, die älter sind und nicht von diesem Sturz herrühren.
Der Tatort aus Ludwigshafen kommt diesmal als dialogintensives Sozialdrama daher, das ganz besonders und gut nachvollziehbar die Hilflosigkeit von Eltern und Lehrern deutlich macht. Angesiedelt haben sie ihren Stoff in der Mitte der Gesellschaft. Denn Marlon besuchte keine Förderschule für Problemkinder, sondern eine ganz normale Grundschule in einem durchschnittlichen Viertel. Doch auch hier führen die Kinder einen Krieg, der hauptsächlich über die sozialen Medien ausgetragen wird.
Autorin Ehrenberg und Regisseurin Braak lassen jede Menge Verdächtiger aufmarschieren - wer sich beim Tatort allerdings ein bisschen auskennt, ahnt früh, wer’s gewesen ist.
Ulrike Folkerts zeigt indes als Lena Odenthal mal wieder eine Facette der Kommissarin, die man zuletzt immer seltener gesehen hat: Die Frau, die früher gern durch ihre Filme sprintete und regelmäßig Kostproben ihrer körperlichen Fitness gab, setzt in “Marlon” gleich mehrfach zum Spurt an. Und das, obwohl sie mittlerweile - wie auch Thomas Gottschalk oder Miroslav Nemec - zu jenen Promis gehört, die mit Werbung für Hörgeräte ihre Gage aufstocken.
Tatort: Marlon. Das Erste, Sonntag, 8.5., 20.15 Uhr.
Wertung: 4 von 6 Sternen