OZ-Serie „Hochspannung hinter dem Deich“
In ihren Romanen gibt es beim Sperrwerksbau Tote
Wahl-Berlinerin Heike van Hoorn siedelt die Handlung ihrer Krimis in der ostfriesischen Heimat an. Für die Recherche greift sie dabei zu ungewöhnlichen Methoden.
Ostfriesland/Berlin - Sie fährt gerne zweigleisig, gefühlt auch bei Tempo 150 oder schneller. Heike van Hoorn ist kein Typ für die schmale Spur. Kein Wunder also, dass die gebürtige Bunderin im Februar ihren dritten Kriminalroman herausgebracht hat. „Nebelschuld“ ist ein weiterer Fall, in dem der agile und sportliche Kommissar Stephan Möllenkamp im Rheiderland ermittelt.
326 Seiten voll mit exakt recherchierten Geschichten aus Wymeer. Das lässt sich nicht mal eben so aus dem Ärmel schütteln, sollte man meinen. „Na ja, das Schreiben ist ja nur mein Nebenberuf“, sagt Heike van Hoorn am Telefon und man meint, ein leises Lachen zu hören. Für ihren Hauptberuf muss sie in den kommenden Stunden eine Mitgliederversammlung organisieren.
Der Hauptberuf ist sehr anspruchsvoll
Die promovierte Historikerin ist Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrsforums, einer Wirtschaftsvereinigung, in der sich 170 Unternehmen der Logistikbranche zusammengeschlossen haben. „Vom Fahrrad bis zum Containerschiff ist alles dabei“, sagt die Managerin. Ein Blick auf die Homepage mit dem 23-köpfigen Präsidium aus Vertretern von Spitzenverbänden reicht, um zu wissen: Dr. Heike van Hoorn hat seit dem 1 Januar 2018 in Berlin einen anspruchsvollen Hauptberuf. Vorher war sie unter anderem Leiterin der Verbandskommunikation beim Flughafenverband ADV und Referentin im Planungsstab des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU).
Es gab viele beruflich bedingte Umzüge im Leben von Heike van Hoorn. 2007 war in Frankfurt am Main ein Punkt erreicht, an dem sie ihre Wurzeln nicht mehr spürte, wie sie es in einem Interview formulierte. Sie habe in dieser Situation gemerkt, dass sie etwas machen muss, um sich selbst zu erden.
„Mein Fixpunkt war in dieser Zeit mein Elternhaus in Ostfriesland. Ich habe mich beim Schreiben entschieden, mich auch gedanklich dort anzusiedeln. Da kannte ich mich aus, weil es meine Heimat war. Es war für mich so, dass ich im Schreiben nach Hause zurückgekehrt bin“, erzählt sie.
Das Emssperrwerk war ein heißes Thema
Naheliegend, dass sie sich an ihren Laptop gesetzt hat und den Fall des reichen Bauern Tadeus de Vries erfunden hat, dessen Leiche am 29. Oktober 1999 in einem Sarg an einer Baustelle des Emssperrwerks entdeckt wird. Man muss kein Ortschronist sein, um zu wissen, dass die Aufstauung der Ems damals ein mehr als hitzig diskutiertes Thema war. Befürworter und Gegner standen sich unversöhnlich gegenüber. In der aufgeheizten Atmosphäre hätte einiges passieren können. Heike van Hoorn dekliniert diesen Fall literarisch durch.
Wer hat den Polderfürsten auf dem Gewissen, der lebendig in seinem Sarg umgebracht wurde? Einem Sarg im Übrigen, der wie früher ein Boot kalfatert wurde. Kalfatert? Ja, man lernt einiges über die Schifffahrt und die ostfriesische Geschichte in den Büchern von Heike van Hoorn. Kalfatern ist eine alte Abdichtungsmethode für die Planken eines Schiffes. Natürlich hätte man auf dieses Detail verzichten können. Der Autorin ist es aber wichtig, Vergangenes zu bewahren, auch sprachlich zu bewahren. So fand der Begriff aus der Seemannssprache Eingang in den Roman.
Freiraum fürs Schreiben erobert
Dessen Gerüst habe sie gemeinsam mit ihrem Mann entwickelt, einem Journalisten. „Er ist für mich der ideale Sparringspartner“, sagt Heike van Hoorn. Wenn sie mal einen Hänger gehabt habe, sei ein Impuls von ihm wichtig gewesen. Letztlich schaffe man sich für das Schreiben Freiräume. Die Managerin und Schriftstellerin spricht gerne von Slots. Der englische Begriff für Zeitfenster kommt ihr leicht über die Lippen. Sie benötige manchmal nur einen 20-Minuten-Slot, um ein paar Passagen zu schreiben.
Ein Switch im Kopf – und schon ist sie von der Frage, wie mobil eine Gesellschaft sein kann, ohne das Klima zu ruinieren, bei der Frage, welche Bäume eigentlich am Weverskamp in Wymeer stehen. Stehen dort überhaupt welche? Für den neuen Roman war ihr diese Information wichtig, doch fast 510 Kilometer vom Rheiderland entfernt lässt sich das auch über Google Maps kaum herausfinden. „Ich habe dann oft meinen Vater in Bunde angerufen, der für mich in solchen und ähnlichen Situationen nachgeschaut hat“, berichtet Heike van Hoorn. Die Fakten müssen stimmen. Gute Recherche ist für sie das A und O, das ist durch das Studium der Geschichtswissenschaften in Münster und die anschließende Promotion ins Bewusstsein eingemeißelt.
Produktionsprozess hat sich verändert
Das alles kostet Zeit. Heike van Hoorn ist jetzt Teil einer Buchproduktions-Maschinerie. Sie muss ein Exposé und eine Leseprobe abliefern. Der Lübbe-Verlag legt einen Erscheinungstermin fest. Und dann wird in die Tasten gehämmert.
Über Heike van Hoorn
Heike van Hoorn ist in Bunde im Rheiderland aufgewachsen. Nach dem Besuch des Teletta-Groß-Gymnasiums in Leer studierte sie die Fächer Geschichte und Germanistik an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster. Abstecher führten sie an die Humboldt-Universität in Berlin und die Johns-Hopkins-University in Baltimore. In ihrer Dissertation hat sie ein Thema aufgegriffen, bei dem Flucht und Vertreibung im Mittelpunkt standen. Wikipedia führt den ganzen Titel auf: „Neue Heimat im Sozialismus. Die Umsiedlung und Integration sudetendeutscher Antifa-Umsiedler in die SBZ/DDR“. Berufliche Stationen waren die hessische Staatskanzlei, wo Heike van Hoorn Referentin im Planungsstab war. Ab 2006 schnupperte sie in die Luftverkehrsbranche hinein. Seit 2018 führt sie die Geschäfte des Deutschen Verkehrsforums in Berlin. Im selben Jahr erschien mit „Deichfürst“ der erste, 2019 mit „Sturmfluch“ der zweite Roman, im Februar 2022 kam „Nebelschuld“ heraus.
Die Freiheit der Dichterin ist aber immerhin so groß, dass sie sich beim Buch „Nebelschuld“ eine Abweichung vom Ursprungsskript erlaubt hat. Die Leiche wurde dann doch nicht zerstückelt. „Das hat aber im Verlag niemand bemerkt, jetzt steht es auf dem Klappentext und der Leser wartet immer auf die einzelnen Körperteile“, sagt Heike van Hoorn mehr amüsiert als genervt. Mit Humor nimmt sie auch die Titel. „Nebelschuld“ ist für sie allenfalls ein Marketingkonstrukt. „Dafür kann ich nichts.“ Und wieder gluckst ein Lachen in ihr.
Schreiben über eine vertraute Landschaft
Ein Kriminalroman, der in Magdeburg oder Berlin spielt? Wäre das vorstellbar? Die 51-Jährige schüttelt energisch den Kopf. Wohl eher nicht, das Vertraute der Heimat sei eine gute Struktur.
Überhaupt: Ostfriesland. Die innere Verbundenheit mit dem Herkunftsort ist noch sehr groß. Das Gefühl soll auch bei ihren beiden Kindern wachsen können. „Ich versuche regelmäßig mit ihnen den Pfingstmarkt in Bunde zu besuchen oder ihnen die ostfriesischen Martini-Rituale wie Kipp-Kapp-Kögel nahezubringen.“ Ganz wichtig für sie: „Ohne Rituale könnten wir nicht überleben.“
Kontakt und nächste Folge
Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Thema? Die Autorin ist erreichbar unter: Gabriele Boschbach, Telefon 04941/6077514, E-Mail g.boschbach@zgo.de In der nächsten Folge stellen wir Ulrike Barow vor. Die Krimi-Autorin lebt auf Baltrum und bezieht auf der Insel ihre Inspirationen für das mörderische Handwerk. Wie das erfolgreich gelingt, bringen wir in Erfahrung.