Gedenken

Erste Stolpersteine: In Leer steigt die Vorfreude

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 03.05.2022 12:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
In Leer werden im Oktober Stolpersteine verlegt wie diese vor dem Geburtshaus von Albrecht Weinberg in Rhauderfehn. Foto: Brahms
In Leer werden im Oktober Stolpersteine verlegt wie diese vor dem Geburtshaus von Albrecht Weinberg in Rhauderfehn. Foto: Brahms
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Viele Städte und Gemeinden in Ostfriesland haben schon Stolpersteine, Leer hat sie noch nicht. Mitte Oktober wird sich das ändern. Die Initiatoren berichten von einer großen Vorfreude.

Leer - In rund fünfeinhalb Monaten wird die Stadt Leer eine Ausnahmestellung in Ostfriesland abgeben – freiwillig. Am 22. Oktober werden vor den Gebäuden Reimersstraße 6 sowie Bremer Straße 14 a und 70 die ersten 15 Stolpersteine verlegt. Während in zahlreichen anderen ostfriesischen Kommunen wie Aurich, Jemgum oder Weener schon seit Jahren die messingfarbenen Pflastersteine an ehemalige jüdische Mitbürger erinnern, die von den Nazis vertrieben und oft auch getötet wurden, gab es in Leer lange Vorbehalte gegen diese Form des Gedenkens. Betroffene oder deren Angehörige wollten nicht, dass die Namen im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten würden, hatte Wolfgang Kellner, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Ostfriesland, die jahrelange Zurückhaltung in Leer erklärt.

Was und warum

Darum geht es: In Leer wird es bald Stolpersteine geben. An dem Projekt können sich die Leeraner beteiligen.

Vor allem interessant für: alle, die dafür sorgen wollen, dass die Gräuel der Nazizeit nicht in Vergessenheit geraten

Deshalb berichten wir: In Leer laufen die Vorbereitungen für die Verlegung von Stolpersteinen.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Für ein Umdenken hatte zuletzt auch der ausdrückliche Wunsch von dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg nach Stolpersteinen für seine Familienmitglieder gesorgt. Die 15 Stolpersteine, die der Künstler Günter Demnig verlegen wird, erinnern an die Familien seiner Onkel Philipp Joseph Grünberg und Wilhelm Grünberg sowie seiner Tante Marie Cohen, geborene Grünberg.

Große Zustimmung

„Seitdem klar ist, dass es Stolpersteine in Leer geben wird, nehmen wir eine ganz große Zustimmung für dieses Projekt wahr“, erzählt Bruno Schachner, Vorstandsmitglied der GCJZ. Viele wollten sich engagieren, spendeten für die Stolpersteine, die pro Stück etwa 120 Euro kosteten. Die GCJZ hat ein Spendenkonto eingerichtet, dessen Nummer auf der Homepage (gcjz-ostfriesland.de) veröffentlicht ist. Auch den Initiatoren liege viel daran, dass sich viele Leeraner einbringen – „wir wünschen uns eine breite Beteiligung durch alle Altersklassen“, sagt Schachner und schiebt nach, dass man sich besonders freuen würde, wenn sich auch Schulklassen interessierten.

Günter Demnig und Albrecht Weinberg sind sich schon bei der Verlegung von einigen Stolpersteinen begegnet, in Leer allerdings noch nicht. Foto: Brahms
Günter Demnig und Albrecht Weinberg sind sich schon bei der Verlegung von einigen Stolpersteinen begegnet, in Leer allerdings noch nicht. Foto: Brahms

Am Sonnabend kommender Woche, 14. Mai, wird es ab 10 Uhr ein Treffen aller Interessierten in der Ehemaligen Jüdischen Schule geben. „Es sind ausdrücklich alle dazu eingeladen, die an dem Projekt mitarbeiten wollen“, sagt Bernd-Volker Brahms, einer der Initiatoren, die unter anderem einen Flyer aufgelegt haben, mit dem nach Mitstreitern gesucht wird.

Für jeden die passende Aufgabe

Mit der Verlegung der Stolpersteine sei es nicht getan. Es gehe auch darum, die Lebensumstände der Betroffenen und ihr weiteres Schicksal nachzuvollziehen, sagt Schachner. Aus den gesammelten Informationen – und denen, die in der Vergangenheit schon zusammengetragen worden sind, solle eine Broschüre entstehen. Nicht jeder werde aber in Archiven nach Daten und Dokumenten suchen müssen, es gebe insgesamt viel zu tun: „Wir werden für jeden eine passende Aufgabe finden“, sagt Schachner und meint damit auch die kommenden Jahre:

Die Verlegung der Stolpersteine übernimmt immer der Künstler Günter Demnig selber. Foto: Brahms
Die Verlegung der Stolpersteine übernimmt immer der Künstler Günter Demnig selber. Foto: Brahms

Im Oktober werden die ersten 15 Stolpersteine verlegt, es sollen aber noch viel mehr werden: „Es gibt ein Potenzial von rund 300 Stolpersteinen“, sagt Brahms. Die Umsetzung werde einige Jahre in Anspruch nehmen, unter anderem, weil Künstler Demnig, der alle Steine selbst verlegt, mit dem von ihm initiierten Projekt in ganz Deutschland unterwegs ist. Am Tag, bevor er in Leer aktiv sein wird, am 21. Oktober, wird er sein Projekt um 18.30 Uhr im Foyer der Sparkasse in der Mühlenstraße in einem Vortrag vorstellen.

„Es soll sich in Leer eine Menge entwickeln“, sagt Brahms. Leer habe in der Vergangenheit schon eine gute Gedenk-Kultur entwickelt, sagt Schachner und verweist auf die Arbeit des Stadtarchivs oder der Ehemaligen Jüdischen Schule. „An diese Zeit wollen wir jetzt wieder anknüpfen.“

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