Tourismus
Achtung, Kamera: Küste startet digitale Besucherlenkung
An der Nordseeküste startet ein einmaliges Projekt: Dutzende Kameras sollen künftig einen Überblick liefern, wo es gerade voll wird. Die Erkenntnisse stehen in Echtzeit jedem zur Verfügung.
Schillig - Die Touristiker an der Nordseeküste haben ein System erarbeitet, das den Urlauberzustrom künftig besser in der Region verteilen soll. Also weg von solchen Gegensätzen: völlig überlaufene Strandabschnitte, während im Örtchen ein paar Kilometer weiter gähnende Leere herrscht. Ein neues digitales System soll das ermöglichen. Es stützt sich auf Kameras und Sensoren, die nun dutzendfach entlang der Küste an Strandeingängen, Parkplätzen, Schwimmbädern und anderen Besuchermagneten angebracht sind.
„Für uns ist das ein Jahrhundertprojekt“, erklärt Sonja Janßen, Geschäftsführerin der Tourismusgesellschaft „Die Nordsee“, bei der Vorstellung des neuen Systems am Montag in Schillig (Wangerland). Die Dachgesellschaft hat das Projekt federführend vorangetrieben. Und selbst eine knappe Viertelmillion Euro investiert. Insgesamt liegen die Kosten für das ganze Vorhaben demnach bei 1,5 Millionen Euro. Ein Teil davon stammt aus Mitteln des Landeswirtschaftsministeriums.
Wie es funktioniert
Wer an der Nordseeküste an den Strand geht, wird künftig möglicherweise eine mehrere Meter hohe Stele passieren, von dessen oberen Ende eine kleine Kamera herunterguckt. Sie registriert, wie viele Menschen an den Strand kommen, meldet diese Erkenntnis in Echtzeit an ein System, das die Daten wiederum hochrechnet und irgendwann feststellt: Jetzt wird’s voll. Übersetzt heißt das dann: Für diesen Strandabschnitt springt eine digitale Ampel auf rot. Und nicht nur das: Das System zeigt auch an, wo die Ampel noch auf grün steht; wo also aktuell noch mehr Platz ist am Strand oder im nächsten Eiscafé. Einsicht in dieses Ampelsystem hat jeder Urlauber über die digitale Gästecard und auch jeder andere, der dieses System über die Homepage einer der teilnehmenden Tourismusgesellschaften ansteuert.
Die Aufnahmen der Kameras sind keine normalen Fotos, es handelt sich um sogenannte Lidar-Aufnahmen, also eine Art dreidimensionales Laserscanning. Oder auch „Punktewolken“, wie Tim Schönfeld es erklärt. Er ist Daten- und Digitalisierungsmanager der Wangerland Touristik und der technische Kopf des neuen Systems. Es sei alles datenschutzkonform, betont er. „Man sieht nicht, dass dort Max Müller kommt, man sieht eben nur eine Punktewolke“. Die lasse gerade mal erkennen, ob es ein Auto oder ein Mensch sei. Die frei stehenden Stelen wie am Strandeingang in Schillig sind mobil und mit Sonnenkollektoren ausgestattet, um die Kamera mit Strom zu versorgen. Andere Kameras sind direkt an Gebäuden angebracht und werden dort mit Strom versorgt.
Wer alles mitmacht
Nicht alle Orte an der niedersächsischen Nordseeküste machen bei dem Projekt mit, aber doch genug, um das Gästeaufkommen quasi in Echtzeit vom Dollart bis zur Elbmündung abbilden zu können, also konkret von Greetsiel bis Otterndorf (Kreis Cuxhaven). In Ostfriesland sind es Krummhörn-Greetsiel, Norden-Norddeich und Dornumersiel. Die Touristiker dieser Regionen sind bei der Präsentation in Schillig dabei. „Wir wollen unsere Besucher gern lenken können“, begründet Wolfgang Lübben von der Touristik GmbH Krummhörn-Greetsiel die Teilnahme an dem System. Manchmal sei Greetsiel völlig überlaufen, dann wäre es gut, den Urlaubern auch eine Alternative bieten zu können. Außerdem verspricht er sich Aufschlüsse darüber, wie die Gäste sich verhalten, wann sie wohin gehen oder fahren. „Darauf können wir uns dann einstellen, das macht uns auch effizienter“, sagt Lübben.
„Uns geht es um die Erfassung der Gäste am Strand“, erklärt Jens Albowitz vom Tourismus-Service Norden-Norddeich. Dort hat man gerade in den vergangenen Corona-Sommern Schwierigkeiten gehabt mit zu viel Besuchern auf zu wenig Platz. Rolf Kopper von der Tourismus GmbH Gemeinde Dornum verspricht sich auch eine bessere Lenkung der Gäste. „Wir haben zwei Strände, da kann man immer auch auf den jeweils anderen ausweichen, wenn es zu voll wird“, sagt er. Im besten Fall kann der Gast sich das schon am Frühstückstisch über die digitale Ampel angucken. Die Projekte in Norden-Norddeich und Dornumersiel sind noch im Aufbau, sollen aber noch in dieser Saison umgesetzt werden.
Das Ganze ist übrigens als Langzeitprojekt geplant, mit einem lernenden System sozusagen. Wenn es erst ein paar Jahre läuft, sagt Schönfeld, kann es auf der Grundlage der Erfahrungswerte voraussagen, wann es wo voll wird an der Küste. Vorausgesetzt, alle halten sich an die Ampelempfehlungen. Denn das ist natürlich freiwillig.