London
Wie das 3:1 von Wembley zu einem deutschen Fußball-Mythos wurde
Vor 50 Jahren, am 29. April 1972, feierte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen ihrer größten Siege. Bis heute schwärmen viele von dem sagenumwobenen ersten Erfolg im Mutterland des Fußball. Zu Recht? Alles über das 3:1 von Wembley und den Mythos, der Jahr für Jahr größer wird.
Nichts deutete darauf hin, dass das 369. Länderspiel der DFB-Geschichte eine Legende werden sollte. Im Gegenteil: Mit einer angeschlagenen, ersatzgeschwächten Mannschaft trat Bundestrainer Helmut Schön am 29. April 1972 im Londoner Wembleystadion als Außenseiter gegen England an. Es wurde ein Sieg mit mythischer Kraft und die Geburtsstunde der „Jahrhundert-Elf“. Wie war das möglich?
Die Stars des FC Bayern, die das Gerüst der Nationalmannschaft stellten, hatten drei Pleiten hinter sich: Nach dem Aus im DFB-Pokal und im Europacup hatte es obendrauf noch ein 0:3 in Duisburg gegeben. Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Günter Netzer waren angeschlagen. Weitere Stammspieler, darunter Berti Vogts und Wolfgang Overath, fehlten verletzt.
„Habt doch keine Angst vor England!“, flehte der „Kicker“ die DFB-Auswahl vor dem Hinspiel im EM-Viertelfinale an, es klang wie das Pfeifen im Wald. „Drückt uns die Daumen“, sagte Sepp Maier nach der Ankunft in London zu den deutschen Reportern, „wir werden es brauchen…“
Zu den akuten Sorgen kam der Respekt vor den Engländern und ihrer Trutzburg Wembley. Erst zwei Nationalteams vom Kontinent hatten dort gewonnen, die Deutschen hatten im Mutterland des Fußballs elf von 13 Spielen verloren und nur zwei Unentschieden erreicht.
„Wenn wir hier weniger als fünf Tore bekommen, ist das ein gutes Resultat“. Das soll Günter Netzer kurz vor dem Anstoß zu Franz Beckenbauer gesagt haben. Doch dann zauberten die beiden auf dem berühmten Wembley-Rasen und setzten mit ihrem Wechselspiel das markante Muster des späteren Europameisters.
Beckenbauer war Libero, eine Position, die er erfand und die es längst nicht mehr gibt; der brillante Techniker war freier Mann hinter der Abwehr und dirigierte das Spiel, das Netzer im Mittelfeld antrieb, mit raumgreifenden Läufen und genialen Pässen. Aus dem Gefühl und der Situation heraus tauschten sie ihre Positionen; eine Variation, die Netzer im heimischen Mönchengladbach mit Hans-Jürgen Wittkamp erfunden hatte. „Ramba-Zamba“ – die Bild-Zeitung erfand den Namen dazu.
Wesentlich komplizierter drückte sich da ein Literaturwissenschaftler aus Frankfurt aus, doch auch Karl-Heinz Bohrer schuf ein geflügeltes Fußball-Wort. „Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte thrill“, schrieb der Feuilletonist in der FAZ – allerdings erst im November 1973 in einem Text über das Wembleystadion und sein Publikum.
Den oft zitierten Satz „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ hat er nie so geschrieben, dennoch gehört er zum Mythos dieses Spiels. Und tatsächlich gab es das Raunen der über 100000 Zuschauer, wenn Netzer, der Filigran-Techniker mit dem Körper eines Athleten, den Ball durch das Mittelfeld trieb. „Seht ihn nur!“, rief der BBC-Reporter, „seht ihn nur, da ist er wieder, dieser blonde Mittelfeld-Dynamo!“
So wurde Netzer zur Ikone des ersten deutschen Fußballsieges in England; seine Leistung wurde hymnisch verklärt und grandios überhöht – so, wie der Auftritt der ganzen Mannschaft, die zwar verdient gewann, aber bis zum entscheidenden 3:1 durch Gerd Müller zwei Minuten vor Schluss bangte.
14:4 Ecken und etliche Großchancen hatten die Engländer. „Der Druck wird immer größer“, hieß es in der „Kicker“-Rubrik „Spielfilm“, die im Stil heutiger Live-Ticker die Dramaturgie großer Partien einfing, „verlieren wir denn wieder?“
Nein, sie gewannen. Weil Sepp Maier trotz einer Schleimbeutelentzündung im Ellbogen, die er dem Bundestrainer verschwieg, um seine Aufstellung nicht zu gefährden, fast alles hielt. Weil zwei blutjunge Novizen, Uli Hoeneß und Paul Breitner, respektlos attackierten. Weil Horst-Dieter Höttges und „Katsche“ Schwarzenbeck im Schatten von Beckenbauers Eleganz unelegant abräumten. Und weil „Hacki“ Wimmer und Jürgen Grabowski im Dienst für die Mannschaft aufgingen.
Und weil der in der Nationalmannschaft zumeist glücklose Netzer zweifellos eins seiner besten Länderspiele machte und das 2:1 mit einem verwandelten Elfmeter erzielte. Das der eher schwach geschossene Strafstoß fast von Gordon Banks gehalten worden wäre, wird oft nicht erwähnt, weil es nicht in das Helden-Epos passt.
Dennoch personifizierte sich in dem charismatischen Star die spielerische Klasse, die die deutsche Mannschaft an diesem Abend vor allem in der ersten Halbzeit entfaltete. Auch in Wembley kämpften und rannten die Deutschen, aber das taten die Engländer auch.
Doch die DFB-Auswahl gewann, weil sie schneller, leichtfüßiger und vor allem spielerisch besser war. Das war neu, das war ungewohnt und so hielt die französische Sportzeitung „LÉquipe“ später staunend fest: „Das war Fußball des Jahres 2000.“
Man taufte sie „Jahrhundert-Elf“, doch sie tanzte eigentlich nur ein Jahr. Zwar wurde sie 1974 Weltmeister, doch die elegante Leichtigkeit war dahin. Der Flow, den die Mannschaft von Helmut Schön in Wembley erwischt hatte, trug sie zu einer Serie mitreißender Spiele und zum Triumph bei der EM-Endrunde in Belgien mit dem Höhepunkt im Finale (3:0) gegen die chancenlose Sowjetunion.
Der oft vergessene Held des Sieges von Wembley war da nicht mehr dabei. Weil parallel zur EM die Aufstiegsrunde zur Bundesliga lief, stürmte Sigfried Held, als seine Kollegen mit der Nationalmannschaft die Ruhmeshalle betraten, für die zweitklassigen Offenbacher Kickers gegen Wacker 04 Berlin und den SV Röchling-Völklingen. In Wembley hatte er eins seiner größten Spiele gemacht, mit Sprints und Dribblings die englische Abwehr aufgerissen und alle drei Tore eingeleitet oder vorbereitet.
Aber wer will das wissen, wenn ein Mythos Geburtstag hat?